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In Kreisen und Geraden ans Ende der Zeit

1945 1960 1980 2000 2020

Religionen strukturieren Zeit - wenn auch sehr unterschiedlich: Östliche Religionen konzipieren sie zyklisch, von der Geburt über den Tod zur Wiedergeburt; westliche deuten sie linear, von der Schöpfung zur Vollendung. Doch das Ziel ist ähnlich: Zeitlosigkeit.

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Religionen strukturieren Zeit - wenn auch sehr unterschiedlich: Östliche Religionen konzipieren sie zyklisch, von der Geburt über den Tod zur Wiedergeburt; westliche deuten sie linear, von der Schöpfung zur Vollendung. Doch das Ziel ist ähnlich: Zeitlosigkeit.

In meiner Gymnasialzeit nahm ich, von der klassischen Physik belehrt, an, die Zeit sei ein gleichmäßiges Fließen, in Mitteleuropa wie auf dem Planeten Pluto - die "absolute Zeit" des Sir Isaac Newton also, ohne Anfang und ohne Ende, dem Philosophen Kant zufolge "a priori gegeben", weil nur in ihr erscheinende und sich verändernde Wirklichkeit möglich ist. Dieser gleichförmigen Zeit entgegengesetzt ist freilich unser psychologisches Zeiterleben, unsäglich lang im Wartezimmer des Zahnarztes, rauschend verfliegend in einer Ballnacht. Fundamentaler noch ist die Einsicht von Albert Einstein, dass Zeit in Abhängigkeit von Bewegung abläuft. Bei einem Radfahrer verrinnt die Zeit geringfügigst langsamer als bei einem Sesselkleber, in 200 Millionen Jahren gerade einmal eine Sekunde. Anders bei der Lichtgeschwindigkeit: Ein Kosmonaut, knappe 300.000 Kilometer pro Sekunde ein Jahr unterwegs, würde bei seiner Rückkehr seinen beim Abflug gerade geborenen Sohn als Grundschüler vorfinden.

Geschenk des Judentums: Schabbat

Die Relativität der Zeit wird - zwar weniger physikalisch als vielmehr bezüglich ihres gedeuteten Erlebens -auch wesentlich durch kulturelle und religiöse Faktoren verursacht. Seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte erfüllte Religion auch die Funktion, den Kosmos bzw. Raum zu strukturieren (Welche Orte sind heilig? Welche profan?), aber ebenso jene, die Zeit zu gliedern. Jede Religion überhöht die profane Zeit durch heilige, verdichtete Zeiten: durch Feiern, Rituale und Hoch-Zeiten. Ein Geschenk des Judentums, den Schabbat, nehmen auch eingefleischte, westliche Religionskritiker als Sonntag gerne an.

Die frühesten Kulturen und Religionen kannten keine abstrakte Zeit, übrigens auch nicht die wenigen erhalten gebliebenen indigenen Kulturen, so die Kachin in Nordburma oder Hopi in Nordamerika. Zeit war (und ist) vielmehr mit den Abläufen speziell in der Natur identisch, sodass sie zu Recht als "Ereigniszeit" bezeichnet wird. In einfachen Kulturen ist diese Zeit nach wie vor die geläufige, etwa in Burundi. Verabreden sich dort zwei Freunde für den Nachmittag, sagen sie nicht: "Um 14 Uhr", sondern "Wenn die Kühe zum Fluss trinken gehen". Insofern sich in der Natur regelmäßig Tag und Nacht ablösen, der Mond zu- und abnimmt, die Jahreszeiten aufeinander folgen, ergaben sich unweigerlich zyklische Zeitkonzepte. Diese Zeitrhythmen wurden mittels Kalendern strukturiert, die sich zumal an den Gestirnen orientierten. Der keltische Kalender gliedert etwa das Jahr, indem auf ein Sonnenfest jeweils ein Mondfest folgt, auf die Wintersonnenwende (heute 21. Dezember) das erste Fest des Mondes, wenn dieser voll geworden ist (Imbolc), über die Frühlingsäquinox (21. März) und Sommersonnenwende bis hin zum Mondfest Samhain (1. November). Nahezu alle Religionen entwickelten solche Kalendersysteme, die bald stärker die Sonne (Solarkalender) oder bald den Mond fokussierten (Lunarkalender) oder Mischformen waren (Lunisolarkalender).

"Im Anfang": Beginn des Linearen

Eine Differenzierung der Zeitvorstellung ergab sich, als unsere Vorfahren die Frage nach dem kosmologischen Anfang stellten, was philosophisch-systematisch erst mit den Vorsokratikern begann, aber viel früher schon in der Form von Schöpfungsmythen geschah. Die Babylonier deuteten die Schöpfung als Sieg des Gottes Marduk über die wilde Tiamat, der sich bei jedem Neujahrsfest wiederholt (eine nach wie vor zyklische Zeitstruktur).

Im alten Israel wurde die Zeit aber zusehends linear ausgedehnt. "Im Anfang": So beginnt die Thora (Gen 1,1). Zeit wurde begriffen als das, was danach chronologisch aufeinanderfolgte und historisch viel differenzierter dokumentiert wurde als in mythischen Kulturen, die noch keine Genealogien und Stammbäume hervorbrachten wie in Gen 11,10-32 (Vorfahren Abrahams mit genauen Altersangaben derselben). Augustinus wiederum begriff die Zeit als die Spanne zwischen der Schöpfung - vor der es noch keine Zeit gab, weil Gott außerhalb der Zeit ist - und der Vollendung im ewigen Paradies, in dem es keine Zeit mehr gibt.

Zeit als lineare Ausdehnung zu begreifen, war die Voraussetzung dafür, die ursprüngliche Ereigniszeit in Uhrzeit überzuführen, die unser aller Leben beherrscht. Vorangetrieben haben dies die Mönche in den Klöstern, die zum einen das gemeinsame Gebet zeitlich miteinander abstimmen mussten (ora), und zum anderen ihre Zeit für die Arbeit so effizient wie möglich nutzen wollten (labora). Über die schon in der Antike bekannten Zeitmessungen hinaus (Wasseruhren) erfanden sie mechanische Zeitmessverfahren.

Ein weiteres religiöses Ereignis, das die Durchsetzung der Uhrzeit beförderte, war die Reformation, speziell die aus dieser hervorgegangene protestantische Ethik, gemäß der es ein göttlicher Gnadenerweis ist, wenn sich wirtschaftlicher Erfolg einstellt. Dafür ist Zeit optimal zu nutzen. Die Puritaner hielten es für eine Sünde, länger als sechs Stunden zu schlafen. Von daher war es nicht mehr weit bis zu Benjamin Franklins "Time is money" bzw. dem Lebensgefühl in der Religion des Kapitalismus, zu wenig Zeit zu haben bzw. solche unrentabel zu verschwenden.

Freilich verstanden auch die Inder die individuelle Lebenszeit als lineare Abfolge von vier Lebensstadien (asrama), von der Schülerschaft bis zur asketischen Wanderschaft als Samnyasim. Zyklisch aber ist, dass auf ein Erdenleben - abhängig vom Karma -das nächste folgt: ein unaufhaltsamer, leidvoller Kreislauf (Samsara), dem nur wenige Erleuchtete ins Nichts entrinnen können. Wer überzeugt ist, dass alles, was er gerade erlebt, wiederkehrt, leidet aber kaum darunter, zu wenig Zeit zu haben. Das mag der Grund dafür sein, dass das Lebenstempo in östlichen Kulturen langsamer ist und die Menschen gelassener leben, sofern sie noch nicht dem Uhrzeitdiktat der westlichen Welt unterworfen sind. Bezeichnend ist auch ein afrikanisches Sprichwort: "Die Europäer haben Uhren, die Afrikaner Zeit."

Das "ewige Nun" ohne Morgen

In vielen religiösen Traditionen wird letztlich die Aufhebung der Zeit angestrebt, so im Hinduismus, der schon vor Jahrtausenden mannigfaltige Formen der Meditation hervorbrachte. Diese zielen nicht nur die Klärung der Gedanken, erweitertes Bewusstsein und höhere Chakren an, sondern auch Zeitlosigkeit. Ebenso in der Mystik. In seiner Predigt zu Lk 10,38 ertastet Meister Eckehart mit der stets unzulänglich bleibenden Sprache das "ewige Nun", das kein Gestern und kein Morgen kennt, sondern das "allzeit neu" ist. Gelangt der Mensch in dieses "Licht", dann ist "in ihm weder Leiden noch Zeitfolge, sondern eine gleichbleibende Ewigkeit". Es mag paradox klingen: Wer keine Zeit mehr hat - nicht im Sinne unseres hektischen Zeitmangels, sondern wirklich - der hat alle Zeit und zugleich eine "so große Freude und so große, unermessliche Wonne, dass es niemand erschöpfend auszusagen vermag".

Der Autor ist Prof. für Religionspädagogik an der Univ. Salzburg und Präsident der Internat. Pädagogischen Werktagung Salzburg

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