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In Leipzig beginnt der PREISREIGEN

1945 1960 1980 2000 2020

Preis der Leipziger Buchmesse, Deutscher Buchpreis, Schweizer Buchpreis: Die Prämierungen sollen auch den Verkauf steigern.

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Preis der Leipziger Buchmesse, Deutscher Buchpreis, Schweizer Buchpreis: Die Prämierungen sollen auch den Verkauf steigern.

Zum Jahresrhythmus im Literaturbetrieb gehört die Vergabe von Preisen. Der Zeitplan wird fast so streng gehandhabt wie im Kirchenjahr, jedoch herrschen handfeste Interessen vor. Juroren müssen unter sich ausmachen, auf welchen Kandidaten sie sich einigen können. Dabei werden nicht nur ästhetische Standards festgelegt, es geht auch um Geld, Ehre und Einfluss.

Den Anfang des Literaturpreisjahres macht der Preis der Leipziger Buchmesse, der seit 2005 vergeben wird. Er ist mit 15.000 Euro dotiert und wird in drei Kategorien vergeben, für Belletristik, Sachbuch/Essay und Übersetzung. Er geht an herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen, der Spielraum dafür ist groß.

Auf der Shortlist steht in diesem Jahr mit Jan Wagners "Regentonnenvariationen" erstmals ein Gedichtband, was zeigt, dass die Juroren ein hohes Maß an Eigenständigkeit auszeichnet, zumal sie dem Publikum nicht nach dem Mund reden und dem Quotendenken deutlich entgegenarbeiten. Sie stellen Bücher zur Diskussion, die nicht ohnehin schon im Gespräch sind, vielmehr wird Aufmerksamkeit geschaffen für solche, die unbedingt ins Gespräch kommen sollten. Die Österreicherin Teresa Präauer mit ihrem Roman "Johnny und Jean" etwa, das Werk einer Sprachartistin, die ein trickreiches Spiel mit Erfindung und Wirklichkeit treibt. Die Rumäniendeutsche Ursula Ackrill lässt sich auf das Unterfangen eines historischen Romans ein und baut die Kulissen in Siebenbürgen während des Zweiten Weltkriegs auf. Erzählen kann Michael Wildenhain auch. In seinem Roman "Das Lächeln der Alligatoren" braucht er keine Schlachtgeräusche, er beobachtet, welche Schlachten sich im ganz normalen Leben abspielen, sobald sich Menschen ernsthaft aufeinander einlassen. Dazu noch Norbert Scheuer mit dem Roman "Die Sprache der Vögel", ein luftig-heiteres Buch des Überschwangs und der Purzelbäume, das ergibt ein Quintett von Individualisten, die miteinander nicht in Einklang zu bringen sind. Natürlich ist die Liste angreifbar, aber über jedes einzelne Buch lässt sich ernsthaft reden. Das ist viel, mehr als man sonst von einer Shortlist gewohnt ist.

Schwer zu vergleichen

Bücher mit vollkommen unterschiedlichen ästhetischen Programmen sind schwer zu vergleichen. Den Sieg trägt davon, wer die durchsetzungsfähigen Juroren auf seiner Seite hat. Aber im Sachbuchbereich ist es vollends unmöglich, einen Text gegen einen anderen abzuwägen. Wie soll man Rainer Stachs Kafka-Biografie über dessen frühe Jahre zu Joseph Vogls Porträt unserer Wirtschaftswelt ("Der Souveränitätseffekt") in Beziehung bringen, ohne beiden Zwang anzutun? Was hat Philipp Thers Geschichte des neoliberalen Europa ("Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent") mit Karl-Heinz Götterts "Mythos Redemacht" zu tun oder mit Philipp Felschs Geschichte der Revolte 1960-1990 ("Der lange Sommer der Theorie")? Ist die Gründlichkeit der Recherche ein schlagendes Argument oder zählt der innovative Zugang eines eigenwilligen Denkers mehr? Wie ist die Aufbereitung des Materials zu einem lesbaren, verständlichen, kritischen, sorgsam abwägenden, sprachlich anregenden Text zu werten? Oder haben doch solche Verfasser die besseren Chancen, die mit ihrem Thema unmittelbar die Neigungen der Jury treffen? Der Vorwurf an diese, sie sei vorwiegend geisteswissenschaftlich orientiert, lässt sich schwer entkräften.

Als großen Bruder des Preises der Leipziger Buchwoche darf man den Deutschen Buchpreis bezeichnen. Er steht für die eher populäre Variante und wird für den besten deutschsprachigen Roman im Rahmen der Frankfurter Buchmesse vergeben. Das Preisgeld liegt deutlich höher, 25.000 Euro für den Preisträger und je 2500 für alle, die es auf die Shortlist geschafft haben. Nach Auskunft Benedikt Fögers vom Hauptverband des Österreichischen Buchhandels wirkt er sich mächtig auf den Verkauf aus, mit 100.000 Exemplaren oder mehr darf der Sieger rechnen, einen Absatz von 10.000 Stück haben die übrigen Nominierten zu erwarten. Das lässt sich nach Föger deshalb gut nachvollziehen, weil der Preis zu einem Zeitpunkt vergeben wird, da die erste Verkaufswelle verebbt ist.

Einen Sonderfall stellt der Literaturpreis der Europäischen Union dar, der seit 2009 jährlich im Herbst in Brüssel vergeben wird. Eine nationale Jury wählt einen international kaum bekannten Schriftsteller, der mindestens zwei Bücher, aber nicht mehr als fünf veröffentlicht hat. Jedes Land bekommt alle drei Jahre die Gelegenheit, einer vielversprechenden Schriftstellerpersönlichkeit einen wesentlich höheren Bekanntheitsgrad zu verschaffen. Jährlich werden elf bis 13 Autoren und Autorinnen ausgezeichnet. Das Preisgeld von 5000 Euro fällt weniger ins Gewicht als die Chance, in zahlreichen Übersetzungen, die finanziert werden, international präsent zu sein. Manche Titel haben es auf bis zu 17 Übersetzungen gebracht. Im Jahr 2009 kam Paulus Hochgatterer in den Genuss des Preises, 2012 Anna Kim. In diesem Jahr soll eine österreichische Jury unter der Leitung von Annette Knoch vom Droschl Verlag wieder in Österreich fündig werden.

Verstärkte Aufmerksamkeit

2008 wurden die Schweizer aktiv. Als sie bemerkten, welche Wirkung der Deutsche Buchpreis und der Preis der Leipziger Buchmesse zeitigen, reifte die Idee eines Schweizer Buchpreises. Mit 30.000 Franken ist der Hauptpreis, getragen vom Verband der Schweizer Buchhändler und Verleger, gut dotiert. Die Nominierten erhalten jeweils 2500 Franken. Mit diesem Preis soll verstärkt Aufmerksamkeit für deutschsprachige Literatur aus der Schweiz geschaffen werden in einem Land, das sich in seinen Lektürevorlieben ohnehin als ausgesprochen patriotisch erweist. Deutschsprachige Medien berichten regelmäßig über diesen Preis, außerhalb der Schweizer Landesgrenzen dürfte er aber keinen Einfluss auf Buchkäufer haben. In Zukunft will man auch die anderen drei Schweizer Landessprachen berücksichtigen.

Warum gibt es keinen Österreichischen Buchpreis? Es gibt Bestrebungen, einen solchen zu erfinden, die IG Autoren, immerhin eine sehr schlagkräftige Organisation zur Durchsetzung der Interessen österreichischer Literaten, macht sich vehement stark dafür. Benedikt Föger bleibt dennoch skeptisch. Ein Österreichischer Buchpreis wäre nur dann sinnvoll, wenn er Breitenwirkung entfalten würde. Der Effekt müsste ein nachhaltiger sein. Föger erwähnt den Alpha-Preis, der jährlich von Casino Austria vergeben wird, der wohl in den Medien verkündet wird, dessen Wirkung aber weitgehend verpufft. Er ist für jüngere österreichische Autorinnen und Autoren gedacht, die eine Schriftstellerkarriere noch vor sich haben. Um einen Österreichischen Buchpreis so zu positionieren, dass er eine Angelegenheit von breitem Interesse wird, müsste laut Föger viel Geld locker gemacht werden, auch für die professionelle Abwicklung und die Werbung. Die Idee ist in die Welt, naja, ins buchhungrige Österreich gesetzt, so schnell wird sie sich nicht mehr vertreiben lassen.

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