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Indische Identitäten

Über den neuen Roman des Bestsellerautors Amitav Ghosh und die Frage: Was ist indische Literatur?

Dies hier ist Indiens Fußmatte, die Schwelle eines überfüllten Subkontinents. Wer immer der östlichen Route ins Kernland des Ganges folgt, muss hier durch: Arkaner, Khmer, Javaner, Holländer, Malaien, Chinesen, Portugiesen, Engländer. Fast alle Inseln im Gezeitenland waren irgendwann einmal bewohnt gewesen. Doch wenn man sie so sah, hätte man das nie vermutet. Das Besondere an der Mangrove war, dass sie nicht nur das Land besiedelte - sie löschte auch die Zeit aus. Jede Generation schuf sich ihre eigene Geisterwelt."

Im Gezeitenland, dem riesigen Inselarchipel im Delta von Ganges und Brahmaputra im Osten des indischen Subkontinents, hat Amitav Ghosh seinen neuesten Roman angesiedelt. Der Archipel ist unter dem Namen Sunderbans - der schöne Wald - bekannt, doch so sehr die dichten Mangrovenwälder durch ihre Schönheit betören mögen, so gefahrenvoll ist das Leben im Umfeld dieser von bengalischen Königstigern, Schlangen und Krokodilen bewohnten Region. Ein Onkel von Ghosh ließ sich hier 1948 nieder, der Autor selbst bereiste die Sunderbans 2000, in jenem Jahr, in dem sein Roman "Der Glaspalast" zum Weltbestseller wurde.

Alle Aspekte des Lebens

Er schätze den Roman als literarische Form, erklärte Ghosh damals in einem Interview. Denn der Roman "kann alle Aspekte des Lebens integrieren - Geschichte, Naturgeschichte, Rhetorik, Politik, Lebensanschauungen, Religion, Familie, Liebe, Sexualität. Der Roman als Meta-Form kann alle Grenzen überschreiten, die andere Formen des Schreibens umgeben." Natur, Geschichte, Sprache, Lebensanschauungen und Liebe sind auch zentrale Ingredienzen von Ghoshs neuem, in den Sunderbans angesiedelten Roman "Hunger der Gezeiten", der Ende September auf Deutsch erscheint.

Als Ghosh sich kürzlich in Mumbai (ehemals Bombay) aufhielt, um dort sein Werk vorzustellen, schrieb die Zeitung Mid-Day, dass er als der "derzeit beste in englischer Sprache schreibende indische Autor gilt". Neben Salman Rushdie, Vikram Seth, Rohinton Mistry, Arundhati Roy und Shashi Taroor zählt Ghosh zu jenen indischen Schriftstellern, die heute weltweit bekannt sind. Seit Rushdies "Mitternachtskinder" 1981 auf Deutsch erschien, sind mehrere Dutzend weiterer indischer Romane und Erzählungen übertragen worden. Auch wenn die Nachfrage hierzulande an die in Großbritannien und den USA nicht heranreicht, wurden doch etwa von Ghoshs "Der Glaspalast" in Deutschland mehr als 180.000 Exemplare verkauft.

Von einem Mitte der 1990er Jahre im Westen einsetzenden Boom der "indischen" Literatur zu sprechen, ist freilich nicht korrekt. Denn übersetzt werden vor allem Werke der auf Englisch schreibenden und häufig außerhalb Indiens lebenden zeitgenössischen Autorinnen und Autoren. Weitgehend unzugänglich bleiben dagegen Bücher in den diversen indischen Sprachen - für westliche wie für indische Leserinnen und Leser. Denn weder werden genügend Werke aus den Regionalsprachen ins Englische noch von einer Regionalsprache in die jeweils anderen übertragen; und wo es geschieht, lässt oft die Qualität zu wünschen übrig.

Wer sich aufschwingt, "indische" Literatur zu bewerten oder gar eine Anthologie zu verfassen, begibt sich somit unweigerlich auf gefährliches Terrain. Denn es geht um Identitäts- und Repräsentationsansprüche, die bisweilen geradezu kulturkämpferische Züge annehmen - innerindische wie solche zwischen Indien und "dem" Westen. Während etwa Amit Chaudhuris "Freedom Song" im Jahr 2000 mit dem angesehenen Los Angeles Times Book Prize (Fiction) ausgezeichnet wurde, ätzte eine indische Rezensentin: "Die Details des indischen Lebens, die Chaudhuri so meisterhaft darstellt, entsprechen wohl mehr der exotischen Suche des westlichen Lesers und werden dem indischen Leser allzu banal erscheinen."

Westliche Gier nach Exotik

Anbiederung an den westlichen Geschmack und Befriedigung der westlichen Gier nach Exotik, zugleich Verrat an wie immer zu definierenden "indischen" Werten und "indischer" Kultur, gar nicht zu reden von der schamlosen Selbstbereicherung: So lautet die schonungslose Kritik, denen sich Autorinnen und Autoren wie Arundhati Roy Vikram Seth oder Raj Kamal Jha ausgesetzt sahen angesichts der tatsächlich nicht unbedeutenden Vorschüsse und/ oder Honorare, die sie für ihre Werke im Ausland erhielten. Selten verursachte der Erfolg eines indischen Werkes im Ausland so viel böses Blut wie der von Roys "Der Gott der kleinen Dinge" (Furche 14/2002, S. 6). Mit Argumenten wie "die Briten [die Roy den Booker Prize zuerkannten; Anm.] glauben, sie kennen Indien", lässt sich gut Stimmung machen.

Auch die Aufregung um die Anthologie, die Salman Rushdie anlässlich der 50-Jahr-Feiern der indischen Unabhängigkeit herausgab, ist nicht vergessen. Mit einer einzigen Ausnahme waren in "The Vintage Book of Indian Writing 1947-1997" nur indoenglische Autorinnen und Autoren vertreten. Rushdie maßte sich in seinem Vorwort zudem das Urteil an, dass die von indischen Autoren auf Englisch verfasste Prosa ein bedeutenderes Ruvre darstellte als die "in den 16 offiziellen Sprachen von Indien" geschriebenen Werke - die Rushdie mangels Sprachkenntnis und hinreichender Übersetzungen gar nicht kennen kann.

"Kann es tatsächlich sein, dass indische Literatur, diese unendlich reiche, komplexe und problematische Entität, von einer Handvoll auf Englisch schreibender AutorInnen repräsentiert werden soll?", fragt Amit Chaudhuri in seiner 2001 veröffentlichten Anthologie "The Picador Book of Modern Indian Literature". Diese enthält zwar Übersetzungen von ursprünglich in Hindi und Urdu, Malayalam und Tamil, Kannada und Begali verfassten Texten, Vertretern von Literatur in Assamesisch, Punjabi oder Marathi aber fehlen. Auch Chaudhuris Indoenglisch- und Bengalisch-lastige Anthologie rief somit Kritiker auf den Plan.

Sichtbarkeit und Sichtbarmachen sind jedenfalls zentrale Anliegen all derer, die Indien nicht nur von einer englischsprachigen Elite repräsentiert wissen wollen. Dabei gilt es Sprach- ebenso wie Geschlechter- und Kastenbarrieren zu überwinden. In den letzten Jahren sind immerhin etliche Werke von Dalits - gebrochene Menschen, wie sich politisch bewusste Unberührbare heute nennen - ins Englische übersetzt worden. Seit der von Susi Tharu herausgegebenen Anthologie "Women Writing in India: 600 B.C. to the Present" sind - beim Verlag "Kali for Women" in Neu Delhi und anderswo - zahlreiche, von Frauen diverser Religionen, Kasten und Klassen verfasste Texte übersetzt worden. Und Frauenorganisationen wie Asmita in Hyderabad sind bemüht, auch die Umstände der literarischen Tätigkeit - wie der (Selbst-)Zensur - von Frauen in Indien zu erkunden.

Die regionalen Sprachen

Die Lebendigkeit der Literatur in den diversen indischen Sprachen (Bhashas) sieht Mrinal Pande als ein Zeichen der "schrittweisen Demokratisierung und Desegregation des Wissens in Indien", wo noch heute rund 40 Prozent der Einwohner Analphabeten sind und weniger als zehn Prozent Englisch lesen können. Sanskrit und später Persisch und Englisch, betont sie, seien die Sprachen der Eliten im Subkontinent (gewesen), das Volk habe regionale Sprachen benutzt, die auch von Sozialreformern stets bevorzugt worden wären. Die Schriftstellerin und Journalistin Pande schwärmt vom Reichtum der regionalen Literaturen, die sich in Thematik und Struktur von der Indoenglischen stark unterscheiden. "Indiens Bhashas haben einige Züge mit Chaucers Englisch gemeinsam: Auch sie sind wie schmelzende Lava, auch sie können jede Form annehmen, die ihnen ein abenteuerlustiger Autor verpassen will." Der Bhasha-Literatur ermangle es an Rationalität und Realismus? Nun, dafür, meint Pande, schwelge sie "im Irrationalen, in Legenden und Märchen".

Angehörige der Elite mögen die Nase rümpfen über die radikale oder rustikale Sprache von Autorinnen und Autoren aus sozial benachteiligten Gruppen; Pande sieht solche Texte als ein Zeichen für die langsame Ermächtigung der Entrechteten, die aus ihrer eigenen Perspektive schreiben. Natürlich lassen sich auch zu Pande kritische Stimmen finden. Schwer von der Hand zu weisen ist indes ihre Feststellung, dass nur die Gesamtheit der in Indien verfassten Literaturen die Vielfalt des Landes widerspiegeln könne.

Die Autorin ist freie Journalistin.

Hunger der Gezeiten

Roman. Von Amitav Ghosh.

Blessing Verlag, München 2004

544 Seiten, geb., e 22,70

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