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Feuilleton

Intensivste Empfindung

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Alles, was wir über Matthias Grünewald noch wissen.

Goethe hätte Matthias Grünewald wohl abscheulich gefunden. Noch im Brockhaus von 1824 ist ja selbst der Abschnitt über Michelangelos "Jüngstes Abendmahl" nicht gerade ein Verriss, aber äußerst distanziert. Da erst Grünewald. Diese Expression. Dieser physische Schmerz des Gekreuzigten, diese verschwollenen, verkrusteten Zehen am vom Nagel durchbohrten Fuß, diese langen, dünnen, weggespreizten Finger, und diese den Antonius versuchenden Höllenwesen, die es mit Hieronymus Bosch aufnehmen. Da ist nichts gemessen, nichts klassisch, das ist exaltiertestes Mittelalter. Und Malerei auf einem ihrer Höhepunkte. Aber wenn man ein Detail eines Gewands herausgreift, ergießt sich die Farbe über das Bild, dass die Moderne neidisch werden kann.

Horst Ziermann war Verlagslektor und Feuilletonchef, beschäftigt sich aber seit Jahrzehnten forschend mit dem Meister des Isenheimer Altars, dem großen Unbekannten der mittelalterlichen Kunst. Er fasst zusammen, was über ihn noch fassbar ist, scheidet Sicheres, Wahrscheinliches, nicht mehr Eruierbares und zeichnet das lebendigste, seriöseste heute mögliche Bild Grünewalds und seiner Lebensumstände. Ein klarer Fall von einem neuen Standardwerk.

Bald nach Grünewalds Tod hat man ihn nicht mehr ausgehalten und in die Abstellräume verbannt. Daher wissen wir über ihn noch weniger als über die meisten anderen Maler einer Epoche, die sich angeblich in ihrer Vergeistigung fürs Biographische nicht interessierte, fürs Biographische der hochmögenden Herren aber sehr wohl. Die Abbildungsqualität ist hervorragend. Wer sich länger nicht mehr mit Grünewald befasste und dieses Buch zur Hand nimmt, ist von dieser Malerei intensivster Empfindung von Neuem emotional gepackt, erschüttert und überwältigt.

MATTHIAS GRÜNEWALD Von Horst Ziermann. Mitarbeit Erika Beissel.

Prestel Verlag, München 2001

208 Seiten, viele Abbildungen in Farbe, öS 934,-/e 67,88

Alles, was wir über Matthias Grünewald noch wissen.

Goethe hätte Matthias Grünewald wohl abscheulich gefunden. Noch im Brockhaus von 1824 ist ja selbst der Abschnitt über Michelangelos "Jüngstes Abendmahl" nicht gerade ein Verriss, aber äußerst distanziert. Da erst Grünewald. Diese Expression. Dieser physische Schmerz des Gekreuzigten, diese verschwollenen, verkrusteten Zehen am vom Nagel durchbohrten Fuß, diese langen, dünnen, weggespreizten Finger, und diese den Antonius versuchenden Höllenwesen, die es mit Hieronymus Bosch aufnehmen. Da ist nichts gemessen, nichts klassisch, das ist exaltiertestes Mittelalter. Und Malerei auf einem ihrer Höhepunkte. Aber wenn man ein Detail eines Gewands herausgreift, ergießt sich die Farbe über das Bild, dass die Moderne neidisch werden kann.

Horst Ziermann war Verlagslektor und Feuilletonchef, beschäftigt sich aber seit Jahrzehnten forschend mit dem Meister des Isenheimer Altars, dem großen Unbekannten der mittelalterlichen Kunst. Er fasst zusammen, was über ihn noch fassbar ist, scheidet Sicheres, Wahrscheinliches, nicht mehr Eruierbares und zeichnet das lebendigste, seriöseste heute mögliche Bild Grünewalds und seiner Lebensumstände. Ein klarer Fall von einem neuen Standardwerk.

Bald nach Grünewalds Tod hat man ihn nicht mehr ausgehalten und in die Abstellräume verbannt. Daher wissen wir über ihn noch weniger als über die meisten anderen Maler einer Epoche, die sich angeblich in ihrer Vergeistigung fürs Biographische nicht interessierte, fürs Biographische der hochmögenden Herren aber sehr wohl. Die Abbildungsqualität ist hervorragend. Wer sich länger nicht mehr mit Grünewald befasste und dieses Buch zur Hand nimmt, ist von dieser Malerei intensivster Empfindung von Neuem emotional gepackt, erschüttert und überwältigt.

MATTHIAS GRÜNEWALD Von Horst Ziermann. Mitarbeit Erika Beissel.

Prestel Verlag, München 2001

208 Seiten, viele Abbildungen in Farbe, öS 934,-/e 67,88