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"Interesse des Kindes zählt"

Der Eingewöhnungsprozess von Krippenkindern steht im Zentrum einer großen Studie an der Universität Wien.

Die Furche: Wann würden Sie bei den beobachteten Kindern von einer gelungenen Eingewöhnung sprechen?

Wilfried Datler: Die Affektregulation der Kinder wird das Kriterium sein. Wir interessieren uns besonders dafür, wie Kinder ihr Erleben zum Ausdruck bringen; wie sie selbst oder mit Hilfe der Betreuer, der Eltern oder der anderen Kinder in der Lage sind, besonders belastende Gefühlszustände zu mindern, respektive in Gefühlszustände zu kommen oder zu bleiben, die von ihnen als angenehm empfunden werden. Wir werden in diesem Zusammenhang auch physiologische Parameter erheben, wie die Messung von Stresshormonen.

Die Furche: Sie nannten als zweites Kriterium "Interesse" …

Datler: Ja, ein zweiter Gesichtspunkt ist das Interesse, das Kinder an dem zeigen, was sie in der Krippe vorfinden. Den Begriff der Aktivität halte ich allerdings nicht für so präzise wie das Interesse. Auch wenn ein Kind nur da sitzt und mit großen Augen schaut, was hier vor sich geht, könnte jemand sagen, das ist ja nur passiv. Tatsächlich ist das der Modus dieses Kindes, sich mit der Umwelt auseinander zu setzen. Respektive gibt es auch die Form der Aktivität, die dahin geht, sich zu beruhigen und in die Richtung Hyperaktivität geht. Da könnte auch jemand sagen, das Kind sei ja aktiv, dabei dient das primär dazu, negative Gefühle in Schach zu halten. Man kann dann nicht sagen, dass ein das Kind interessierender Austausch stattfindet. In diesem Wort des "Interesses" steckt auch der Begriff des "Befriedigenden". Das ist ein Punkt, der in bisherigen Untersuchungen nahezu nicht vorkommt.

Die Furche: Wann würden Sie von einer misslungenen Eingewöhnung sprechen?

Datler: Zunächst sind wir sehr vorsichtig mit Dichotomisierungen. Wir gehen davon aus, dass das nicht so der Fall sein wird; dass wir es mit einem vielschichtigen Spektrum zu tun haben werden und sagen können, zu diesem Zeitpunkt scheint für dieses Kind etwas Förderliches oder etwas nicht Förderliches geschehen zu sein. Ich muss dazu sagen, dass wir aufgrund unserer Vorstudien den Begriff der "Eingewöhnung" halbherzig verwenden. Wir verwenden ihn, weil er der etablierte Begriff ist, aber ich halte ihn gleichzeitig für verharmlosend und problematisch, weil er die Idee suggeriert, da geht es um Gewöhnung, und wenn dieser Prozess abgeschlossen ist, dann sind eine Reihe von Dingen erledigt, so wie wenn man sich an neue Schuhe gewöhnt. Da zwickt am Anfang was, aber irgendwann hat sich der Fuß und der Schuh aneinander adaptiert, so dass es nicht mehr weh tut. Wir haben aus bisherigen Einzelfallstudien gesehen, dass die Kleinkinder die Trennung von den Eltern und dem familiären Raum die ganze Zeit über begleitet. Aus den Studien, die wir bisher angestellt haben, geht hervor, dass es illusorisch wäre, zu denken: da gibt es eine dreimonatige Eingewöhnungsphase und dann ist das Thema erledigt.

Die Furche: Was sind förderliche Faktoren für den Übergang?

Datler: Erstens die Entschiedenheit der Eltern in Verbindung mit dem Verständnis dafür, wie es dem Kind jetzt geht und der Fähigkeit, dies dem Kind auch zu vermitteln. Das ist eine ziemlich große Herausforderung für die Eltern. Die Kinder spüren das Zögern und die Unentschlossenheit intuitiv, und das fördert die Erwartung und Hoffnung, es könnte vielleicht doch gelingen, dass ich nicht da bleiben muss. Aber wenn man sich umgekehrt Eltern vorstellt, die ganz entschieden aber gleichzeitig kühl und distanziert die Kinder dort hinbringen, dann bleiben die Kinder mit dem schmerzlichen Erleben auch ganz alleine. Das leitet auch auf einen zweiten Faktor hin. Die Kinder brauchen einen emotionalen Raum, der wird durch Erwachsene, zum Teil auch durch andere Kinder, geschaffen, die in tröstlicher und verständnisvoller Weise für die Kinder da sind.

Die Furche: Was sagt das aus, wenn Kinder bei der Trennung nicht weinen?

Datler: Eltern und Betreuerinnen wünschen sich verständlicherweise, die kleinen Kinder mögen das ohne besondere emotionale Reaktionen hinnehmen. Auf einem physiologischen Level lässt sich aber zeigen, dass auch diese Kinder die Trennungssituation als belastend erleben können, aber bislang nicht die Erfahrung gemacht haben, dass es auf tröstliche Resonanz stößt, wenn sie ihre Gefühle zum Ausdruck bringen. So gesehen dürfte es förderlich sein, wenn Kinder in der Lage sind, Schmerz zum Ausdruck zu bringen, und wenn sie gleichzeitig auf eine tröstende Haltung stoßen.

Die Furche: Es geht auch um Stabilität …

Datler: Es ist weiters wichtig, dass Kinder auch in der Kinderkrippe die Erfahrung machen, es gibt - vor allem in der Anfangsphase - eine Person, die stabilerweise für mich da ist, die auch von sich aus ein Auge auf mich wirft, an die ich mich wenden kann, wenn es mir schlecht geht. Zudem kommt es wesentlich darauf an, wie es Kindern nahe gebracht wird, dass es da in der Kinderkrippe auch Interessantes gibt. Es geht nicht so sehr darum, die Kinder abzulenken davon, dass Mama und Papa nicht da sind, sondern darum, dass Kinder Interesse finden können an dem, was es da gibt.

Die Furche: Was sagen Sie zur Debatte um Kleinkinderbetreuung?

Datler: Ich sehe jetzt eine Trendwende in der Debatte. Erst jetzt wird die Frage gestellt, wie es den Kindern geht. Wenn man die Thematik nur von der Gender-Seite oder der ökonomischen Seite anschaut, ist das zu kurz gegriffen. Die familiäre Situation wird dabei oft idealisiert. Es wird das Bild der Familie gezeichnet, wo es ganz liebevolle Eltern gibt, die immer geduldig sind, nahezu in jeder Sekunde des Tages in der Lage sind, auf die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes einzugehen; die eine innere Haltung von Fürsorglichkeit haben, die sich durch Stabilität auszeichnet. Man weiß, dass das in vielen Familien gar nicht so ist. Die Stoßrichtung, die sich immer mehr international durchsetzt, für die wir uns einsetzen, ist die: es geht nicht um die Frage, sollen Kinder außerhalb der Familie betreut werden, sondern um die Qualität dieser Betreuung.

Die Furche: Gilt das auch für die Betreuung von Babys?

Datler: Der Qualitätssatz gilt ab Null. Aber die Qualitätskriterien sind dann andere. Es mehren sich Studien, die darauf hinweisen, wie wichtig es ist, dass Kinder und Kleinstkinder die Erfahrung machen, dass es zumindest eine stabile, konstant präsente, fürsorgliche, einfühlsame Bezugsperson gibt; das stellt einen so genannten Protektor dar. Untersuchungen zeigen, das jene eine besseren Umgang mit Krisen haben, die eine frühe stabile Beziehungserfahrung gemacht haben. Es ist im Regelfall der familiäre Raum, in der diese Beziehung stattfindet. Wenn dann mit eineinhalb oder zwei Jahren der Eintritt in die Kinderkrippe stattfindet, dann ist das ein Übergangsprozess. Wenn ich aber an ein zweimonatiges Baby und an Fremdbetreuung denke, dann muss ich mir vor Augen führen, dass diese Babys diese Übergangsprozesse nicht mitmachen, da sie ja den familiären Raum noch nicht als erste Heimat erleben. Da muss man sich fragen, wie stabil kann dann mit so einem kleinen Kind eine Beziehung aufgebaut werden.

Die Furche: Was bedeutet das dann für deren Beziehungsstruktur?

Datler: Kinder sind von klein auf in der Lage, zu verschiedenen Personen unterschiedliche Beziehungen aufzubauen. Das ist auch innerhalb der Familien der Fall. Es ist durchaus denkbar, dass dann, wenn es auch außerfamiliär Stabilität gibt, auch dort solche unterschiedlichen Beziehungsmuster aufgebaut werden, die auch sicherheitsgebend und vertrauensspendend für Kinder sind. Schwierig wird es dann, wenn sich diese frühen Beziehungen nicht als stabil erweisen, weil die Betreuungspersonen wechseln. Diese gehen ja dann eine professionelle Beziehung zu dem Kind ein, das sind sicher ganz besondere Schwierigkeiten der Fremdbetreuung.

Das Gespräch führte Regine Bogensberger.

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