Internationalität und hoher ästhetischer Anspruch

Umworben hatte Franz Welser-Möst schon die vorige Regierung. Die neue Kunstministerin, Claudia Schmied, griff diese Idee wieder auf, nach einer Ausschreibung, die vielfach polemisch kommentiert wurde, sich aber als keineswegs unnütz oder gar Farce herausstellte. Denn zu den Bewerbern zählte auch der neue Staatsopernchef Dominique Meyer.

Mit mehr als zwei Dutzend Persönlichkeiten hatte die Kunstministerin gesprochen, darüber hinaus mit einigen wenigen Experten. Dies so diskret, dass Kommentatoren die längste Zeit auf Spekulationen angewiesen waren und nicht einmal durchsickerte, dass die schließlich realisierte Idee - Dominique Meyer als Direktor und Franz Welser-Möst als Generalmusikdirektor - bereits in der zweiten Mai-Hälfte erstmals diskutiert wurde. Erst am Vortag der offiziellen Mitteilung war es mit der Diskretion vorbei. Da freilich hatten bereits einige Medien Tenor Neil Shicoff, dem Kandidaten des Bundeskanzlers, wortreich zu seiner Bestellung zum neuen Herrn im Haus am Ring gratuliert. In den folgenden Stellungnahmen konnte nur mehr von Überraschung die Rede sein.

Claudia Schmied, vor ihrer Bestellung zur Ministerin erfolgreiche Bankerin und durch Tätigkeiten in Gremien der Wiener Symphoniker und der Salzburger Festspiele Kennerin der internationalen Musikszene, ließ sich bei ihrer Entscheidung nicht drängen, peilte aber eine rasche Lösung an. Klug kalkulierte sie, dass ein international erfolgreicher Dirigent wegen keiner noch so bedeutenden Aufgabe in einem der weltweit wichtigsten Opernhäuser auf internationale Engagements verzichten wird. So machte sie Welser-Möst zum Musikchef des Hauses. Das ermöglicht ihm, auch weiterhin seine höchst beachtete Arbeit als Musikdirektor des traditionsreichen Cleveland Orchestra fortzuführen. Als GMD der Zürcher Oper wird Welser-Möst vorzeitig gehen.

Dass er seine musikalischen Vorstellungen mit dem gegenwärtigen Generaldirektor des Théâtre des Champs-Élysées realisieren wird, ist ebenfalls kein Zufall. Wie Welser-Möst zeichnen den 52-jährigen gebürtigen Elsässer Dominique Meyer - zuvor Berater von Jack Lang, mitverantwortlich für die Einführung des Fernsehsenders Arte und die Vorbereitung der Pariser Fußballweltmeisterschaft und von 1994 bis 1999 Operndirektor in Lausanne - neben einer großen fachlichen Kompetenz, langjähriger Managementerfahrung und ausgezeichneten Kontakten noble Zurückhaltung und hoher ästhetischer Anspruch aus.

Noch war die Zeit zu kurz, um konkrete Projekte für die neue Staatsopernära zu nennen. Aufschlussreich könnte ein Blick in die Vorhaben sein, die Meyer für seine kommende Pariser Saison ankündigt. Da finden sich neben der crème de la crème internationaler Sänger, bedeutender Solisten und Kammermusiker gleich vier Residenzorchester - mit den Wiener Philharmonikern an der Spitze. Nicht weniger als sechzehn internationale Orchester werden gastieren, darunter Israel Philharmonic unter Mehta, Staatskapelle Dresden unter Luisi und Myung-Whun Chung, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Jansons, Münchner Philharmoniker unter Thielemann, St. Petersburger Philharmoniker unter Temirkanow, Mito Chamber Orchestra unter Ozawa.

In der Oper spannt Meyer den Bogen von Landis Il Sant' Alessio, Lullys Thésée, Vivaldis Montezuma und La Fida Ninfa, Händels Orlando, Tolomeo, Rè d'Egitto und Amadigi di gaula, Rossinis Ciro in Babilonia, Mozarts Le nozze di Figaro, Donizettis Maria Stuarda und Verdis Falstaff bis zu Strawinskys The Rake's Progress unter so namhaften Musikern wie William Christie, Alan Curtis, Emmanuelle Haïm, Ton Koopman, Jean-Claude Malgoire, Eveline Pidò.

Ein gutes Omen, dass Meyer mit Welser-Möst diese Mischung aus Internationalität und anspruchsvoller Ästhetik auch nach Wien - und damit so manchen neuen Wind in das Haus am Ring bringen wird. Walter Dobner

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