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Interreligiöse Beratung

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Die Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien-Krems und ihr islamisches Pendant haben ein "Beratungszentrum für interreligiöse und interkulturelle Fragen“ gegründet.

Ü ber die Rolle der Religion in der Schule lässt sich trefflich streiten. Tatsache ist aber: gerade in Österreichs Städten hielt mit der kulturellen auch eine religiöse Vielfalt Einzug in die Klassenzimmer. Für den Schulalltag kann dies Chance und Herausforderung gleichermaßen bedeuten. Davon überzeugt, dass sich viele Herausforderungen in Chancen verwandeln lassen, ist man an zwei Einrichtungen, die mit der Ausbildung christlicher und muslimischer Religionslehrer für die Pflichtschulen betraut sind: die Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems (KPH) und der Private Studiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen in Wien (IRPA).

Die beiden Institutionen haben ein eigenes Beratungszentrum ins Leben gerufen. Mit diesem wollen sie Lehrer, Schulleiter und Eltern in Wien beim Umgang mit religiöser und kultureller Vielfalt unterstützen. "Die Zeit für so ein Zentrum war schon längst reif“, sagt Thomas Krobath, Vizerektor der KPH. Denn in der interkulturellen Arbeit werde oft auf die religiöse Dimension vergessen. "Diese kann aber ein wichtiger Bestandteil des eigenen Selbstverständnisses sein“, so Krobath. "Immer wieder bekamen wir von Lehrerinnen und Lehrern die Rückmeldung, dass sie sich mehr Unterstützung in diesem Bereich wünschen“, ist auch Amena Shakir von dem Bedarf nach interreligiöser Beratung überzeugt. Sie leitet die IRPA und damit das islamische Gegenstück der christlichen KPH.

Ein "virtuelles“ Zentrum

Gute eineinhalb Jahre Vorlaufzeit steckten die kirchliche Hochschule und der islamische Studiengang in das Projekt, inklusive einer eigens durchgeführten Bedarfserhebung. Sie ließen Lehrer, Schulleiter und Behörden befragen und holten sich "die empirische Absicherung für unser intuitives Wissen“, so Krobath. Am 21. November 2013 fand schließlich die offizielle Eröffnung des "Beratungszentrums für interreligiöse und interkulturelle Fragen“ statt. Wobei Eröffnung vielleicht das falsche Wort ist. Handelt es sich bei der Einrichtung doch um ein "virtuelles Zentrum“, wie Maria-Rita Helten-Pacher betont. Die Pädagogin ist auf Seite der KPH die erste Ansprechperson im Beratungszentrum. Für die IRPA übernimmt Ursula Fatima Kowanda-Yassin diese Rolle.

Die enge Zusammenarbeit der beiden Bildungseinrichtungen mag verwundern. Für IRPA und KPH ist sie die logische Weiterentwicklung einer Kooperation, die in den letzten Jahren immer enger wurde. "Seit 2007 finden interreligiöse Begegnungen zwischen den Studierenden von KPH und IRPA statt“, sagt Shakir. Die Studenten sollen dabei ganz praxisnah erfahren, was interreligiöses Lernen bedeutet. Auch auf Seiten der Lehrenden ist man um einen regen Austausch bemüht. Vortragende der KPH unterrichten regelmäßig auf der IRPA und umgekehrt. "Für uns gilt, man redet nicht über-, sondern miteinander“, sagt KPH-Vizerektor Krobath.

Die kirchliche Hochschule kommt gar nicht umhin, diese Devise auch innerhalb ihrer eigenen Wände ernst zu nehmen. Beherbergt sie unter ihrem Dach doch die Religionslehrerausbildung von fünf christlichen Konfessionen. So nimmt es nicht wunder, dass die KPH ein eigenes Kompetenzzentrum für interkulturelles, interreligiöses und interkonfessionelles Lernen eingerichtet hat. In diesem arbeiten und forschen bereits seit Jahren Lehrende von KPH und IRPA gemeinsam. Hier wurde auch die Idee für das neue Beratungszentrum geboren.

Mit diesem wollen Hochschule und Studiengang jetzt das Know-how des Kompetenzzentrums für die schulische Praxis zugänglich machen. Passieren soll das in zweifacher Weise. "Einerseits können sich Lehrer oder Eltern mit konkreten Anfragen an das Zentrum wenden “, erklärt IRPA-Leiterin Shakir - ein Angebot, das explizit nicht nur auf Religionslehrer beschränkt ist. Das Zentrum versucht dann, einen passenden Berater zu finden - bei interreligiösen Fragen oder Konflikten einen für jede Religion oder Konfession. "Dieses dialogische Prinzip zieht sich durchs gesamte Konzept“, so Shakir. Gut 20 islamische und christliche Experten aus dem schulischen und religiösen Bereich haben IRPA und KPH zur Hand. "Wir können hier neben Theologen auch auf Personen mit psychologischer, rechtlicher, pädagogischer und sozialer Ausbildung zurückgreifen“, sagt Krobath. Diese Expertise soll nicht nur in konkreten Konflikten zum Einsatz kommen sondern auch in Fortbildungsangebote für Lehrer und Schulleiter fließen. Sei es in einem fixen Weiterbildungsprogramm oder in speziellen Kursen für eine ganze Schule. "Uns geht es darum die Lehrer nicht alleine zu lassen, sie zu sensibilisieren und ihnen in konkreten Situationen Hilfe anzubieten“, fasst die IRPA-Leiterin die primären Aufgaben des Beratungszentrums zusammen.

Nicht jeder Konflikt ist "religiös“

Darüber hinaus soll das Beratungszentrum aber noch mehr leisten. "Oft scheinen Spannungen in der Religion oder Herkunft begründet zu sein. Vielfach sind diese Aspekte aber nur vorgeschoben“, sagt Shakir. Sie sieht die Aufgabe des Zentrums deshalb auch darin, einer Emotionalisierung, Ethnisierung und Religiösisierung von Konflikten entgegen zu wirken. "Wir müssen ganz genau schauen, was steckt hinter einem Konflikt, können wir das klären, oder braucht es da andere Stellen“, so Krobath. Der KPH-Vizerektor legt Wert darauf, dass das Beratungszentrum niemandem Kompetenzen streitig machen wolle. Ein wichtiges Ziel für die Anfangszeit sei deshalb auch, sich mit bestehenden Beratungsstellen zu vernetzen und Kooperationen aufzubauen.

Inwieweit dies gelingt, werden die nächsten Monate zeigen. Einen ersten Ein- und Ausblick wird die Evaluation nach dem ersten Halbjahr erlauben. "Da werden wir dann sehen, wie weit unser Angebot angenommen wird. Für uns wird aber immer klarer, dass wir unseren Schwerpunkt auf religiöse Diversität legen müssen“, sagt Krobath. So startet nächstes Jahr ein gemeinsames Forschungsprojekt von KPH, IRPA und Universität Wien zur Wahrnehmung von Diversität an Schulen. Darüber hinaus denkt die KPH bereits über einen Masterlehrgang Interreligiöse Mediation nach. Der Start des Beratungszentrums scheint solche Pläne zu stützen. Bereits einen Tag nach der Eröffnung fragte die erste Lehrerin um Unterstützung an.