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Irans geschädigte Generation

Ein Großteil der Jugend im Iran hat mit den Traditionen der Vergangenheit und mit dem Islam der herrschenden Geistlichen gebrochen. Sie fragen ihre Eltern: "Warum habt ihr diese Revolution gemacht?"

Während sich das offizielle Teheran auf pompöse Feiern zum 30. Geburtstag der "Islamischen Republik" vorbereitet, können weit mehr als die Hälfte der 60 Millionen Iraner die Euphorie der islamischen Herrscherschicht nicht teilen. Eine tiefe Kluft trennt die Kinder und Enkel der Revolution, rund zwei Drittel der Bevölkerung, von den Ayatollahs.

"Ihr habt die Geschichte meiner Generation schon oft gehört", schreibt ein junger Iraner in einem der mehr als hunderttausend Blogs, durch die sich die Geknebelten ein Ventil verschaffen. Trotzdem schreibt der anonyme Student weiter: "Wir zählen zu einer Generation, die mit Bomben aufwuchs, mit Raketen, mit Krieg und revolutionären Slogans … Die Mädchen werden niemals vergessen, wie ihre Lehrerinnen auch an den kleinsten Haarsträhnen zerrten, die aus ihrem Hedschab hervorlugten … Die Burschen werden nicht vergessen, wie sie fünf Ohrfeigen einstecken mussten, wann immer sie ein Hemd mit einem westlichen Markenzeichen trugen … Wir alle haben ähnliche Erinnerungen. Wir gehören zur geschädigten Generation. Permanent wurden wir gezüchtigt und ermahnt, das, heilige Blut' in Ehren zu halten, das für uns in Revolution und Krieg vergossen wurde. Jede Form des Glücks ist uns verboten …"

Viele junge Iraner wissen den Sturz des Schahs Reza Pahlevi, den auch ihre links oder iranisch-nationalistisch orientierten Eltern betrieben hatten, nicht zu schätzen. Viele fragen ihre Väter: "Warum denn nur habt ihr diese Revolution gemacht?"

Die Jugend bleibt der Religion fern

Khomeinis Experiment, die "Islamische Republik", hat es nicht geschafft, die neue Generation, die gar kein anderes System kennt, für sich zu gewinnen. Drei Jahrzehnte, nachdem Khomeini den politischen Islam in den Iran brachte, ist die Religion zur bloßen Staatsideologie verkommen. Indem sie den Islam zur Durchsetzung ihrer autoritären Macht missbrauchen, treiben die herrschenden Geistlichen der Jugend die Religion aus. Während sich überall in der islamischen Welt die Moscheen mehr und mehr füllen, bleibt ihnen im Iran vor allem die Jugend weitgehend fern. "Wenn das der Islam ist", fasst eine Studentin die weit verbreiteten Gefühle über die Verquickung von Machtpolitik und Geistlichkeit zusammen, "dann will ich keine Muslimin sein." Immer mehr Iraner zieht es auf der Suche nach religiös-orientierten Tröstungen für die Härten ihres Daseins gar - mit Hilfe des Internets - zu christlichen Lehren hin.

Zwar ist die Jugend so gut gebildet wie noch nie. 70 Prozent der Universitätsstudenten sind Frauen. Doch nur ein winziger Prozentsatz hat nach Abschluss des Studiums eine Berufschance. Zudem bedarf es dafür fast immer eines Fürsprechers im Regime. Die Folge ist eine Arbeitslosigkeit von bis zu 40 Prozent unter der Jugend. Sogar das Bildungsministerium gibt zu, dass 90 Prozent der hochbegabten Studenten ins Ausland gehen, drei Viertel in die USA. Die anderen haben kaum eine Chance auf ein Visum eines westlichen Landes. Stehen ihre Familien dem Regime fern, bleiben sie Außenseiter.

Aus ihrem tristen Dasein, dem steten Druck durch die "Moralwächter" des Staates und der Perspektivelosigkeit flüchten sich viele in eine Traumwelt, in ein Privatleben mit Partys, westlichem Styling, die durch die leicht erhältlichen Drogen rasch in Exzesse ausarten und für kurze Zeit den Anschein von Freude vermitteln. "Wir alle haben zwei Gesichter: eines nach außen und eines nach innen. Keiner weiß, welches das wahre ist", analysiert die Verlegerin Shahla Lahedji.

Mit vielen Lügen aufgewachsen

Die Jugendlichen hassen ihre Gesellschaft, sie hassen sich selbst und ihre Familie, die sie seit ihrer Kindheit zu Lüge und Doppelmoral gegenüber der Außenwelt zwang, zur Verheimlichung des - verbotenen - Alkoholgenusses, des Satellitenfernsehens etc. Die Herrscher wissen, dass sie sich einen großen Teil der Kinder des "Gottesstaates" zu Feinden machen. Sie versuchen, dieser Entwicklung durch Ermahnungen zu Abkehr ihrer "Verdorbenheit" im Freitagsgebet oder mit harten Strafen entgegenzuwirken. Vergeblich. Die bitteren Frustrationen treiben Irans heutige Jugend aber nicht in die Rebellion. 1999 hatten sie bei Studentendemonstrationen ihr durch den Reform-Präsidenten Mohammed Khatami ermutigtes Engagement für Demokratie und Freiheit blutig bezahlt. Khatami schritt nicht ein, um die brutale Niederschlagung der Proteste zu verhindern, nicht die Verhaftung Tausender, deren Folter und die Verurteilung vieler zu mehrjährigen Haftstrafen. Irans Jugend hat den Glauben an islamische Reformer verloren. Sie sieht keine Alternative zum herrschenden System und wendet sich deshalb von der Politik ab. Sie beschränkt ihren Widerstand gegen die islamischen Despoten auf Verletzung der Kleidervorschriften oder das verpönte Flirten in der Öffentlichkeit.

Selbst die konservativen Kader schafften es nicht, ihre Kinder zu indoktrinieren. Krasses Beispiel ist Ahmad Rezai, Sohn des radikalen Ex-Chefs der Revolutionsgarden, der vor einigen Jahren in die USA flüchtete und dort offen und heftig die Korruption der Geistlichen kritisierte. Auch die theologischen Hochschulen können nicht lebhafte Diskussionen über Islam, Demokratie und Menschenrechte ersticken. Die Zahl der jüngeren Geistlichen wächst, die der enorme Schaden alarmiert, den die Politik der Religion zufügt und die sich deshalb für eine radikale Trennung einsetzen.

Keine neue Revolution entfachen

Iranische Soziologen sind überzeugt, dass die jetzige Studentengeneration keine neue Revolution entfachen werde. "Wir wollten 1979 den Schah stürzen und eine Demokratie errichten. Statt unter der Knute des Schahs leben wir heute unter jener des Mullah-Regimes. Unsere Kinder sehen das und haben die Konsequenz gezogen, sich nicht mit Politik zu befassen", meint ein Intellektueller, der seinen Namen nicht nennen will.

Die junge Generation, erläutert der prominente Journalist Akbar Ganji, "hat mit der Vergangenheit und der Tradition gebrochen. Sie sagt zu allem Ja, was neu ist". Insbesondere sehnt sie sich nach dem Anschluss an die westliche Welt, nach der von ihren Vätern stets so verpönten amerikanischen Massenkultur. Und sie findet ein Ventil im Internet, das das Regime nur teilweise erfolgreich blockiert.

"Die Blogs", so der bekannte Kommentator Masoud Behmoud, "reflektieren die ungeschminkten, mutigen Ansichten unserer Jugend." Aus ihren Kommentaren lässt sich erkennen, dass sie politisch reif geworden und entschlossen ist, sich von niemandem instrumentalisieren zu lassen. Sie sucht zunächst einmal eine Freiheit, die ihr die Koexistenz in dieser Gesellschaft ermöglicht, um eines Tages eine bessere Zukunft aufzubauen. Die Zukunft gehört ihr und die Blogs könnten eines Tages dabei eine ähnliche Rolle spielen wie die Tausenden Tonbänder, die Khomeinis Revolution einst zum Sieg verholfen haben.

Die Autorin ist langjährige Nahost-Korrespondentin

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