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Irland ist keine Insel der Seligen mehr

Tausende Kinder wurden in katholischen Heimen systematisch missbraucht. Dieses Ergebnis einer Untersuchung schockiert Irland - und Europa.

Ein Bericht über systematischen Kindesmissbrauch in katholischen Kinderheimen Irlands schockiert das Land und schlägt Wellen in ganz Europa. Über Jahrzehnte blieben Vorwürfe unbeachtet. Erst eine Fernsehsendung brachte die Untersuchungen ins Rollen. Das Ausmaß der nun aufgedeckten Fälle bringt Staat und Kirche in Erklärungsnot.

Turbulente Monate waren das für Irland: Das irische Nein zum Vertrag von Lissabon sorgte für Ratlosigkeit in ganz Europa. Als erstes Land der Euro-Zone schlitterte Irland in die Rezession und dioxinverseuchtes Schweinefleisch brachte der Landwirtschaft nicht nur erhebliche finanzielle Einbußen, sondern vor allem auch einen nachhaltigen Imageschaden ein.

Eine Diskussion seit 1999

Die EU-Mitgliedschaft, der Wirtschaftsaufschwung und der Agrarsektor waren in den letzten zwei Jahrzehnten wichtige Identifikationspunkte für Irland. Ein Großteil der Iren identifiziert sich aber auch speziell durch den katholischen Glauben. Die katholische Kirche Irlands wiederum kämpft dieser Tage mit einem Kindesmissbrauchsskandal, dessen Ausmaße wohl die wenigsten erahnt hätten.

Nach einer Dokumentation des TV-Senders RTE, die sich 1999 mit Fällen von Missbrauch in katholischen Kinderheimen beschäftigte, wurde von der Regierung eine Kommission zur Untersuchung der Vorwürfe eingesetzt. Zehn Jahre später gibt es ein knapp 2600 Seiten starkes Papier - den nach dem Vorsitzenden der Kommission benannten Ryan Report -, dessen Inhalt den systematischen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester, Nonnen, Mönche und andere Mitarbeiter in insgesamt 18 kirchlichen Institutionen aufdeckt.

Schätzungen zufolge lebten bis in die neunziger Jahre rund 40.000 Kinder und Jugendliche in den kirchlich geführten, aber vom Staat finanzierten Waisenhäusern und Erziehungsanstalten sowie in Heimen für Behinderte. Sexueller Missbrauch, Schläge und Misshandlungen sind laut Ryan Report in manchen Kinderheimen über Jahrzehnte auf der Tagesordnung gestanden. Wegen kleiner Delikte wie Ladendiebstahl oder Fernbleiben vom Schulunterricht wurden zahlreiche Kinder in die Obhut der Kirche übergeben. Andere Opfer waren Waisenkinder oder Kinder, deren Eltern nicht für sie sorgen konnten, und Kinder mit Behinderungen.

Kinder wie Sklaven gehalten

Der Bericht beschreibt Fälle, in denen es zu einer regelrechten Versklavung der Kinder gekommen ist. Sie bekamen Nummern anstatt Namen, mussten schwere körperliche Arbeit verrichten und waren willkürlichen Bestrafungen ausgesetzt. In anderen Fällen waren es körperlich und geistig behinderte Kinder, die psychisch und physisch misshandelt wurden. Die Liste der Grausamkeiten ist lang. Über 3000 Opfer von Übergriffen meldeten sich bei der Kommission, aus Zeitgründen konnten jedoch nur 1700 vernommen werden.

Dass bis zur Aufklärung der Vorwürfe so viel Zeit verstrich, liegt nicht zuletzt an der engen Verflechtung von Kirche und Staat. Der Untersuchungsbericht wirft beiden Institutionen vor, die Vorfälle nicht verfolgt und auf Zeugenaussagen nicht reagiert zu haben.

In der jungen Irischen Republik wurde der katholischen Kirche von Beginn an ein hoher Stellenwert eingeräumt. Das Sozialsystem ist zu großen Teilen auf die Arbeit von Hilfsorganisationen gestützt. Die Mehrheit dieser Vereine sind, wie auch die beschuldigten Kinderheime, kirchlich geführt.

Nach der Veröffentlichung des Berichts am 20. Mai folgten zahlreiche Stellungnahmen des Staates und der Kirche. Präsidentin Mary McAleese drückte ihr Mitgefühl für die Opfer aus und bezeichnete die Vorfälle als "schockierend". "Zutiefst beschämt" zeigte sich auch Kardinal Seán Brady von Armagh. Der Umgang mit den Missbrauchsvorwürfen ist relativ offen und Versuche die Ergebnisse des Berichts zu beschönigen oder abzutun bleiben von offizieller Seite weitgehend aus.

1 Milliarde Euro für 12.000 Opfer

Derzeit wird diskutiert, wie Ausgleichszahlungen für Opfer finanziert werden sollen. Schon 2002 wurde ein Rat zur Entschädigung von Missbrauchsopfern eingesetzt, der bis heute 12.000 Personen Kompensationszahlungen zugesprochen hat. Die Gesamtsumme der Zahlungen wird auf über eine Milliarde Euro geschätzt. Nur 128 Millionen davon wurden von den Institutionen, in denen es zu Missbrauchsfällen kam, beigesteuert. Im Gegenzug zu dieser Beteiligung garantierte der Staat den kirchlichen Heimen Schutz vor individuellen Schadensersatzforderungen. Im Licht der nun aufgedeckten Fälle scheint dies aber auch für die offizielle Kirche nicht mehr tragbar zu sein.

Letzten Sonntag sprachen sich Bischof Noël Treanor von Down & Connor und Timothy Bartlett, der persönliche Assistent von Kardinal Brady, für eine höhere Beteiligung der Kirche an den Entschädigungszahlungen aus. Der irische Finanzminister Brian Lenihan begrüßte diesen Schritt, erinnerte aber daran, dass dieser auf Freiwilligkeit beruhen muss, da der Staat aufgrund der getroffenen Vereinbarungen kaum rechtliche Möglichkeiten habe, um die beschuldigten Institutionen zu weiteren Zahlungen zu verpflichten.

Auch der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, äußerte sich erschüttert über den Untersuchungsbericht. Die Geschichten des schrecklichen Missbrauchs würden einem in vielen Fällen den "Magen umdrehen", Martin forderte, dass alle kirchlichen Institutionen, die im Ryan Report genannt wurden, ernsthaft untersuchen, "wie ihre Ideale durch systematischen Missbrauch verraten wurden".

Tief sitzender Schock

Erzbischof Martin, der schon in den letzten Jahren eindringlich dafür eingetreten war, sich der Vergangenheit zu stellen, ließ nichts an Klarheit vermissen: "Wir müssen Wege finden, dass die Schreie und Ängste der Kinder gehört werden. Das ist kein Bericht, der unter einen Glassturz gestellt werden darf - es ist ein wirklicher Schrei nach einem neuen Blick darauf, wie wir mit unseren Kindern umgehen. Wenn wir wirklich das bedauern, was in der Vergangenheit geschehen ist, müssen wir uns zu einer völlig neuen Zukunft verpflichten."

Der Schock sitzt noch tief und es wird sich zeigen, inwiefern die Inhalte des Ryan Reports das Vertrauen der Iren in die Institution Kirche auf lange Sicht erschüttern werden. Viele der damaligen Täter sind mittlerweile verstorben und strafrechtliche Verfolgungen werden die Ausnahme bleiben.

Die Opfer sollen finanziell entschädigt werden, und sowohl Kardinal Brady als auch Erzbischof Martin von Dublin setzen sich dafür ein, dass es zu Zahlungen über das bisherige Maß hinaus kommt. Allerdings wollen gerade betroffene Institutionen nicht mitziehen: Am 26. Mai erklärten die Oberen von 18 Ordensgemeinschaften, keinesfalls bereit zu sein, das Entschädigungsabkommen von 2002 neu zu verhandeln - den Forderungen von kirchlicher wie von politischer Seite zum Trotz.

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