Irritationen und deren Ausräumung

Verstörungen zwischen Wiens Kardinal und den Juden scheinen weitgehend behoben, eine Predigt zu „Humanae Vitae“ beunruhigt dagegen Katholiken.

„Was sind das für Abgründe im Menschen, dass so etwas geschehen kann?“, fragte Kardinal Christoph Schönborn letzten Sonntag beim Gedenkgottesdienst zum 70. Jahrestag der Novemberpogrome in der Wiener Ruprechtskirche. Viel zu lange sei über die Schuld von damals geschwiegen worden. Nach dem – christlichen – Gottesdienst begab sich der Kardinal gemeinsam mit dem griechisch-orthodoxen Metropoliten Michael Staikos und dem lutherischen Bischof Michael Bünker in die nahe Synagoge, um dort gemeinsam mit den Nachfahren der Opfer des November 1938 Gedenken zu halten.

Ringen um ein neues Miteinander

Dieser Besuch Schönborns markierte über den Anlass des traurigen Jahrestages hinaus einen bemerkenswerten Aspekt der Beziehungen zwischen katholischer Kirche und Judentum: Denn erst im April hatten die Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs erklärt, die „offiziellen interkonfessionellen Gespräche mit der katholischen Kirche auszusetzen“. Der nunmehr herzliche Empfang des Kardinals durch Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg und Präsident Ariel Muzicant, die diese „Gesprächsaussetzung“ unterzeichnet hatten, war ein Zeichen dafür, dass sich in den Monaten seither manches bewegt hat.

Die harsche jüdische Reaktion hatte sich auf die neuformulierte Karfreitagsfürbitte für den vorkonziliaren Messritus bezogen, in der – entgegen der Karfreitagsliturgie seit dem II. Vatikanum – wieder gebetet wird, die Juden mögen „Jesus als Heiland aller Menschen erkennen“. Auch Österreichs Juden fassten diese Formulierung als neue Aufforderung zur Judenmission auf, die in der Geschichte des christlichen Antijudaismus so oft gewaltsam erfolgt war. Zusätzlich hatte Schönborn Österreichs Juden mit einem Artikel in der englischen Wochenzeitschrift The Tablet verstört, wo er einerseits den „Proselytismus“, also die Abwerbung von Juden ablehnte, andererseits aber argumentierte, dass eine Aufgabe der Judenmission „unvereinbar mit dem katholischen Glauben“ sei.

Der katholische Publizist Paul Schulmeister analysierte diesen Konflikt Anfang Mai in einem Vortrag bei der jüdischen Organisation B’nai B’rith in Wien, in dem er den im Artikel des Kardinals verwendeten Sprachgebrauch für Nicht-Theologen als „ambivalent“ qualifizierte und als „jedenfalls nicht geeignet, die jüdischen Sorgen über eine … Rückkehr zur Judenmission zu zerstreuen.“ Martin Jäggle, katholischer Theologe und Vizepräsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit meinte gegenüber der FURCHE, von jüdischer Seite sei sogar die Beendigung jeglichen Gesprächs mit der katholischen Kirche über Glaubensfragen im Raum gestanden.

Der Koordinierungsausschuss, seit Jahrzehnten um genau dieses Glaubensgespräch zwischen Christen und Juden bemüht, wurde daher aktiv und veröffentlichte am 7. November den Grundlagentext „Brücken zwischen Christen und Juden“, in dem Gemeinsamkeiten zwischen Christen und Juden aufgelistet und der Dialog beschworen werden: „Diese Wertschätzung in einem angstfreien und vertrauensvollen Klima schließt jede Form von Missionierung aus. Organisierte christliche Judenmission ist eine Bedrohung der jüdischen Existenz. Die Gewissensentscheidung des Einzelnen, seinen Weg im Glauben frei zu wählen, ist zu respektieren“ heißt es in dem Text (Gesamttext: http://christenundjuden.org/de/?item=715).

Das Besondere an diesem Papier ist, betont Helmut Nausner, früherer methodistischer Superintendent und Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, dass sowohl Kardinal Schönborn als auch Oberrabbiner Eisenberg die „Initiative und diesen Text begrüßen“. Nach Monaten der Irritationen zwischen katholischer Kirche und Juden scheint so wieder ein Modus vivendi möglich zu werden, der die Errungenschaften des christlich-jüdischen Gesprächs der letzten Jahrzehnte nicht in Frage stellt. Übrigens: Nicht nur in Österreich, auch auf weltkirchlichem Niveau gibt es da analoge hoffnunggebende Anzeichen.

Eine „Sünde“ der Bischöfe?

Auf ähnliche Signale setzen manche auch in einer anderen – innerkatholischen – Materie: Wiederum in der Zeitschrift The Tablet erschien am 8. November ein Bericht unter dem Titel: „Schönborn klagt frühere Bischöfe an, bei der Verurteilung der Geburtenkontrolle versagt zu haben.“ Der Tablet-Beitrag nimmt dabei auf eine Predigt des Wiener Kardinals Bezug, die dieser schon Ende März vor Bischöfen des neokatechumenalen Weges in Jerusalem gehalten hatte. Schönborn konstatierte dort ein dreifaches Nein Europas zum Leben – und als erstes davon ein Nein zu Pauls VI. Enzyklika „Humanae Vitae“ 1968, in welcher der Papst den Katholiken die Anwendung empfängnisverhütender Mittel verbot.

Schönborn kritisierte die Haltung zahlreicher Bischofskonferenzen, die die Gläubigen auf deren eigene Gewissensverantwortung in dieser Frage hingewiesen hatten (in Österreich geschah das 1968 in der „Mariatroster Erklärung“): „Wir haben ‚Nein‘ gesagt zu ‚Humanae Vitae‘. Wir waren [damals noch nicht, Anm.] nicht Bischöfe, aber es waren unsere Mitbrüder. Wir haben nicht den Mut gehabt, ein klares ‚Ja‘ zu Humanae Vitae zu sagen.“ Die Predigt ist seit kurzem auch auf der Homepage der Erzdiözese Wien zu finden (http://stephanscom.at/ artikel/a15468/). Der Kardinal weiter: „Aber wir Bischöfe … hatten nicht den Mut! In Österreich hatten wir die ‚Mariatroster Erklärung‘ … Das hat den Sinn des Lebens im Volke Gottes geschwächt, dies hat entmutigt, sich für das Leben zu öffnen.“

Bedeutet dies, dass die Mariatroster Erklärung zurückgenommen werden solle, wie besorgte Katholiken schon seit längerem mutmaßen? Zurzeit darf man davon ausgehen, dass dies nicht der Fall ist: Auch aus der jüngst abgehaltenen Herbstsession der Bischöfe waren keine Signale in diese Richtung zu vernehmen.

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