Islam muss immer neu gedacht werden

Der FURCHE-Kolumnist und in Münster lehrende islamische Theologe Mouhanad Khorchide antwortet seinen Kritikern (vgl. FURCHE 1/2014).

D ass das Verständnis von Religion immer wieder aktualisiert werden muss, das wusste der Prophet Mohammed schon zur Zeit der Verkündigung des Islams. Denn trotz der Offenbarung des folgenden koranischen Verses: "Heute habe ich euch eure Religion vervollständigt“ (Koran, 5:3), sagte er, dass Gott alle hundert Jahre jemanden senden werde, der den Islam erneuere. Dabei geht es nicht um die Zahl 100 oder darum, ob es sich um eine bestimmte Person, Gruppe, Institution oder Denkanstöße handelt, die erneuern, sondern um die Idee der Erneuerung an sich. Mit Erneuerung meinte Mohammed also keineswegs, ständig neue Grundsätze zu erfinden, sondern ständig das Alte neu zu denken, nicht um es lediglich am Leben zu erhalten, sondern um sich ständig davon berühren und bereichern zu lassen.

Man kann nicht genug aus dem Meer des Glaubens schöpfen. Dazu sagt der Koran selbst: "Wenn das Meer Tinte wäre für die Worte meines Herrn, würde es noch vor ihnen zu Ende gehen, selbst wenn wir es an Masse verdoppeln würden“ (Koran, 18:109). Es ist nicht das Meer göttlicher Eingebung, das irgendwann zu Ende geht, sondern das Interesse des Menschen, daraus zu schöpfen. Dies geschieht, wenn der Mensch glaubt, alles Wichtige daraus geschöpft zu haben. Im Namen der Vollkommenheit kommt es dann zu einer Starre; zum Stillstand. Religion ist hingegen dynamisch. Sie ist ein Prozess der Suche nach sich selbst, um dann zu Gott zu gelangen. Der Weg zur Gegenwart Gottes beginnt mit dem Bestreiten dieses Weges der Selbsterkenntnis.

Mutige Reise ins innere Ich

Der Islam will den Menschen motivieren, diese mutige Reise in die Tiefen seines Ichs anzutreten. So haben große Gelehrte der islamischen Theologie, wie Al-Ghazali (gest. 1111) den Islam verstanden. Al-Ghazali setzte sich ausführlich mit Aspekten der Läuterung des Herzens auseinander. Dieser Prozess war für Al-Ghazalis Kern religiöser Frömmigkeit.

Anders als eine rein humanistische Betrachtungsweise endet die Reise der Selbstreflexion nach der islamischen Vorstellung nicht mit der Läuterung des Inneren des Menschen als Selbstzweck, sondern der Weg geht noch einen weiteren Schritt Richtung Gottesgegenwart. Gott ist der Anfang und er ist das angestrebte Ziel religiös interessierter Menschen.

Der Leser fragt sich nun womöglich, wo die sonst geläufige Aufzählung von Geboten und Verboten als Kern des Islams bleibt. Wenn ich diese Gebote und Verbote nicht erwähnt habe, dann nur deshalb, weil diese keinen Selbstzweck darstellen. Sie sind nicht das Ziel, sondern führen zum Ziel, zu Gott. Was bringt ein Gebet, das zum Hochmut führt?! Was bringt eine falsche Frömmigkeit, die zur Selbstverherrlichung führt?! Islamische Gebote sind konstitutiv für den Glauben, das ist keine Frage. Allerdings nur dann wenn sie zum Ziel führen, zu Gott, und der Weg zu Gott beginnt - das kann nicht genug betont werden - mit der Selbstläuterung des Inneren des Menschen.

Diese Sichtweise auf den Islam wird schnell von manchen Muslimen missverstanden, weil sie gewohnt sind, Religiosität über juristische Kategorien zu definieren. Sie vermissen eine klare Darlegung von Geboten und Verboten samt jenseitigen Konsequenzen (Paradies bzw. Hölle). Das Reden von Läuterung des Herzens als Weg zu Gott klingt für sie eher exotisch. Das Ergebnis ist nicht nur Misstrauen gegenüber der Rede vom Herzen als Ort der Frömmigkeit, sondern auch eine Vernachlässigung dieser Arbeit an seinem Inneren. Was bleibt aber dann vom Islam? Eine falsche Frömmigkeit; eine religiöse Schale, die jedoch kaum durch das Handeln bezeugt wird. War es aber nicht der Prophet Mohammed, der gesagt hat: "Gott schaut nicht auf euer Aussehen und euer Vermögen, sondern auf eure Herzen und eure Taten“?

Auf eines der Schimpf-E-Mails, die ich zwischendurch von Menschen bekomme, die sich als Anwälte eines wahren Islams berufen fühlen, fragte ich den Absender, er möge raten, woher ich wisse, dass er ein Salafist sei, obwohl ich ihn weder kenne noch einen langen Bart sehen könne. Eben, weil sein E-Mail mit viel Hochmut geschrieben und an Beleidigungen kaum zu übertreffen war. Dabei schrieb mir derjenige, um mir zu vermitteln, ich möge aufhören, den Islam zu verfälschen und seiner Sicht des wahren Islams folgen. Kann es aber sein, dass, je wahrer der Islam ist, desto mehr entfernt sich der Praktizierende von seiner Menschlichkeit?! Dabei achtet der Salafist penibel auf jede nur so kleine "religiöse“ Äußerlichkeit. Trotzdem ist das Endprodukt weit von religiösen Tugenden entfernt. Gibt dies nicht zu denken? Müssen die Prioritäten religiöser Erziehung nicht neu reflektiert werden? Was will Gott im Grunde? Menschen, die sich penibel an Äußerlichkeiten halten, zugleich aber ein getrübtes Inneres haben? Sicher nicht! Gott sucht, wie er im Koran (5:54) betont, Mitliebende, die bereit sind, mit ihm zu kooperieren, um seine Intention nach Liebe und Barmherzigkeit Wirklichkeit zu machen.

Um eine Sprache des Herzens

Das ist aber die Sprache des Herzens. Denn das Herz spricht eine eigene Sprache, die Sprache der Schönheit, der Liebe, der Barmherzigkeit, die Sprache der Ästhetik. Religiöse Erziehung ist eine Erziehung des Herzens in und zu dieser Sprache. Der Koran kombiniert den Glauben mit dieser ästhetischen Dimension und bezeichnet die Gläubigen als diejenigen, die Sinn für Ästhetik haben, die den Koran nicht als trockenes Wissensbuch lesen, sondern ihn schön und herzergreifend rezitieren (2:121)

Religiosität ist keineswegs eine rein kognitive Angelegenheit, religiöse Erkenntnis findet ihren Ausdruck im Pulsieren des Herzens, in der Demut des Menschen: "Und sie werfen sich nieder auf ihr Kinn, weinend. Und vermehrt wird ihre Demut.“ (Koran, 17:109) Sie weinen, weil Gott ihre Herzen berührt hat. Sie weinen, weil das Herz überwältigt ist von der Begegnung mit der unendlichen göttlichen Liebe.

Der Koran lobt auch Christen für ihre demütige Haltung Gott gegenüber: "Sie sind nicht hochmütig. Und wenn sie hören, was dem Gesandten herabgesandt, siehst du ihre Augen überfließen von Tränen kraft der Wahrheit, die sie erkennen.“ (5:83) Gottes Schönheit zu begegnen ist kein Privileg für eine bestimmte Glaubensgemeinschaft, denn Gott gehört uns Menschen und wir gehören ihm.

Islam in Europa - Chancen und Herausforderungen

Heinz Nußbaumer im Gespräch mit Mouhanad Khorchide. Dipl. Akademie, 1040 Wien, Favoritenstr. 15a. Do, 16.1., 19 Uhr • www.orient-gesellschaft.at

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