Digital In Arbeit

Ist da jemand?

Vom Traum behinderter Menschen, Journalist zu werden.

Medien haben mich schon immer fasziniert. Mit 15 Jahren beschloss ich, Journalist zu werden und bewarb mich mittels eines feinsäuberlich getippten Schreibens bei der Kleinen Zeitung, der Kärntner Tageszeitung und der Kärntner Krone um ein Sommervolontariat. Antwort erhielt ich von keiner Zeitung. Ob es daran lag, dass sich die zuständigen Chefredakteure keinen Volontär vorstellen konnten, der mit Stützapparat und Krücken recherchiert, oder ob ich für sie einfach zu jung war, weiß ich bis heute noch nicht. Meinen Traum vom Journalistendasein gab ich jedoch nicht auf, und so war es keine Frage, was ich nach der HAK-Matura studierte: Medienkommunikation. Erst einmal auf der Uni besuchte ich auch gleich die Kleine Zeitung und sagte: "Hier bin ich und möchte für die Kultur Artikel schreiben." Und siehe da - ich wurde nicht vor die Tür gesetzt, sondern Kulturberichterstatter von Oberkärnten. Ein nicht sehr aufregender Job, wären da nicht die Millstätter Orgelwochen gewesen, über die ich den ganzen Sommer berichten hätte sollen. Nur: Wie dies durchstehen mit null Ahnung von Musik? Ich beschloss eine Vorwärtsstrategie, kündigte bei der Kleinen Zeitung und stellte mich beim ORF-Landesstudio Kärnten vor. Die bewährte Methode "Hier bin ich" hatte auch diesmal Erfolg. Fred Dickermann, Leiter der Kulturabteilung, gab mir eine Chance und ein riesengroßes Aufnahmegerät, das wohl schwerer war als ich selbst. Wild entschlossen zog ich damit los und machte meine ersten Interviews. Wobei das in der Praxis so aussah, dass mein jeweiliger Interviewpartner das Gerät von meinem Auto in die Wohnung und wieder zurück schleppen musste. Gab es unüberwindbare Stufen, funktionierte ich mein Auto kurzerhand in ein Studio um und machte dort die Aufnahmen. Ich hatte journalistisches Blut geleckt und produzierte Artikel, Hörbeiträge, Features für Ö1 und zuletzt mit Christian Schüller TV-Dokumentationen für Am Schauplatz.

Mir erschien der Beruf eines Journalisten immer sehr geeignet für behinderte Menschen. Aber als ich Jahre später die Idee zu einer praxisorientierten Ausbildung im ORF hatte, hieß es dort: Vorstellen können wir uns das nicht. Blinde können ja keine Texte lesen, Rollstuhlfahrer sind nicht mobil genug und Gehörlose sind kommunikationsbeeinträchtigt und haben in diesem Beruf nichts verloren. Trotzdem ließ man sich auf ein Assessement zur Talentsuche ein. An einem heißen Julitag 2001 strömten 30 unterschiedlich behinderte Menschen ins ORF-Zentrum. Und siehe da, nicht nur der Test bescheinigte Talente, sondern das Engagement, der Eifer und die Entschlossenheit der Kandidatinnen und Kandidaten überzeugte die Verantwortlichen zu einer Beteiligung am Ausbildungsprojekt. Heute, zwei Jahre später, ist der "Integrative Journalismus-Lehrgang" zu Ende: Neun junge Journalistinnen und Journalisten bereichern die Medienlandschaft - mit ihrem Talent und mit ihrer ungewöhnlichen Sicht der Dinge.

Der Autor ist Nationalrats-Abgeordneter und Behindertensprecher der ÖVP.

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