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Iveta Radicovás geistlicher Beistand

Ein ehemaliger Franziskaner ist der engste Berater der neuen slowakischen Ministerpräsidentin Iveta RadicÇová. Die Regierungschefin setzt damit auf einen Vertreter einer liberalen katholischen Strömung als Berater, dessen Verhältnis zur mächtigen Amtskirche äußerst gespannt ist.

„Er hat für Radicová seinen Namen aufgegeben“: So überschrieb die Tageszeitung Novycas (Neue Zeit) die Meldung, Iveta Radicová habe zum Koordinator ihres zwölfköpfigen Beraterteams Ján Krstitel’ Balázs ernannt. Denn mit dem Austritt aus dem Orden der Minderbrüder ist Johann Baptist Balázs zu seinem bürgerlichen Namen Marián zurückgekehrt. Und natürlich konnten im Pressburger Boulevard Mutmaßungen nicht fehlen, es handle sich bei dieser Bestellung um mehr als nur Freunderlwirtschaft.

Fakt ist, dass der 1990 in den Orden eingetretene und 1996 zum Priester geweihte Marián Balázs so wie Ján Langos, der Gründer des „Instituts für das nationale Gedächtnis“, zu den engsten Freunden ihres Mannes, des Humoristen Stano RadicÇ, zählte. Der Kontakt mit „Janko“ riss auch nicht ab, als „Stanko“ 2005 starb und Radicová sich mit dem paralympischen Spitzensportler Ján Riapos verband. Sie lebe mit Letzterem in „wilder Ehe“ und sei daher für Katholiken unwählbar, urteilte der Gerichtsvikar der Diözese Zips (Spis), Ján Duda, als Radicová im Vorjahr für das höchste Amt im Staat kandidierte (mittlerweile ist die Beziehung zerbrochen).

Liberaler Kurs

Ján Krstitel’ Balázs hingegen machte sich im Internet für die Wahl Radicovás stark und setzte damit auf die Kandidatin der „Slowakischen Demokratischen und Christlichen Union – Demokratische Partei“ (SDKÚ – DS). Wenngleich Radicová gegen Amtsinhaber Ivan Gasparovic unterlag, war ihr Achtungserfolg bei der Präsidentenwahl das Sprungbrett für ihren Aufstieg zur Ministerpräsidentin.

Schon bei der Nationalratswahl 2006 hatte Balázs einen liberalen Kurs im christdemokratischen Lager verfochten und dem damaligen Ministerpräsidenten Mikulás Dzurinda geraten, den im Grundvertrag mit dem Heiligen Stuhl vorgesehenen, in der Wählerschaft aber unpopulären „Vertrag über den Gewissensvorbehalt“ zumindest auf die lange Bank zu schieben. Die Koalition der beiden christdemokratischen Parteien ist daran zerbrochen, doch Dzurindas SDKÚ konnte ihre Rolle als führende Kraft im christdemokratischen Lager konsolidieren.

Wenn Iveta Radicová ihren Vertrauten und, wie sie in einem Fernsehduell mit Präsident Gasparovic bekannte, Beichtvater Ján Krstitel’ Balázs nunmehr zum Chefberater und Berater in Medien- und Kirchenfragen gemacht hat, zeugt dies von Risikobereitschaft.

Vier-Parteien-Regierung

Denn an ihrer Viererkoalition ist neben ihrer SDKÚ, der Ungarnpartei „Most–Híd“ sowie der liberalen „SaS“ (Freiheit und Solidarität) auch die konservative KDH (Christdemokratische Bewegung) beteiligt, die nur mit Mühe davon abgehalten werden konnte, den Abschluss des „Vertrags über den Gewissensvorbehalt“ auch im neuen Koalitionsvertrag zu verankern. Einerseits zeugt die Ernennung eines Theologen zum Chefberater der Regierungschefin von der ungebrochen starken Präsenz der katholischen Kirche in der slowakischen Gesellschaft. Wie in Österreich kann niemand an der Kirche vorbeiregieren und sind radikal liberale Ideen nicht durchsetzungsfähig. Andererseits macht das Avancement eines so profilierten Kritikers aus den Reihen der Kirche deren innere Bandbreite sichtbar. Während die „Exkommunikation“ der slowakischen Bischöfe durch drei junge Geistliche vor einem halben Jahr den konservativen Rand der vermeintlich monolithischen römischen Kirche offenbarte, tritt nun der progressive ins Scheinwerferlicht.

Während der Vorsitzende der Slowakischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanislav Zvolensky, im ersteren Fall das Kirchenrecht geltend machen und die Fundamentalisten rechtskräftig exkommunizieren konnte, wird er im Fall Balázs wohl Zurückhaltung üben.

Genau dieses Duckmäusertum steht freilich seit der Zeit vor der Wende 1989 im Fokus der Kirchenkritik von Balázs. Zuerst habe die Kirchenführung die romtreuen Christdemokraten der KDH als ihren politischen Arm benutzt und zur Einforderung des „Vertrags über den Gewissensvorbehalt“ gedrängt. Kaum sei jedoch die links-nationalistische Regierung Robert Ficos installiert gewesen, habe man die Proponenten einer Unterschriftenaktion zugunsten des Vertrags fallengelassen.

Bezeichnenderweise hat Erzbischof Zvolensky´ in seinem Glückwunschschreiben an Radicová diplomatisch formuliert, die Bischöfe seien überzeugt, die Regierungschefin werde „trotz Schwierigkeiten den guten Willen finden, den Verpflichtungen nachzukommen, welche die Republik im Rahmenvertrag mit dem Heiligen Stuhl“ eingegangen sei. Sein weniger vorsichtiger Vorgänger FrantisÇek Tondra, der Balázs in einem offenen Brief in die Nähe der „Friedenspriester“ der KP-Zeit gerückt hatte, wurde von einem Kirchenkritiker umgehend daran erinnert, dass er selber „konform den Weg eines Funktionärs der katholischen Priestervereinigung Pacem in Terris gegangen“ sei.

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