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Jahrhundertpianist und Musik-Denker

Aufhören wollte Alfred Brendel mit 75 Jahren. Dann aber hat er sich überreden lassen doch weiterzumachen. Aber jetzt ist Schluss: Am 14. Dezember gibt der heute 77-jährige Pianist im NDR-Sendesaal in Hannover mit jenem Haydn-Mozart-Beethoven-Schubert-Programm, mit dem er vorige Saison auch seine letzten Recitals im Wiener Musikverein und bei den Salzburger Festspielen absolviert hat, seinen letzten Soloabend. Am 17. und 18. Dezember bestreitet er im Wiener Musikverein mit den Wiener Philharmonikern und dem von ihm hoch geschätzten Sir Charles Mackerras mit Mozarts Es-Dur-Klavierkonzert KV 271 seine letzten Auftritte als Solist.

Möglich, dass er darauf noch ein Solostück als Encore folgen lässt. Vielleicht Johann Sebastian Bachs Violin-Chaconne in der Bearbeitung Ferruccio Busonis. Dann ist, nach staunenswerten sechzig Jahren, eine der bedeutendsten Pianistenkarrieren zu Ende. Ob das alles, wie Brendel in einem Interview meinte, „klar und tränenlos“ vonstatten gehen wird, weiß man freilich erst am Ende dieses längst rettungslos überbuchten 18. Dezember.

Geboren wurde Alfred Brendel 1931 im nordmährischen Wiesenberg. Aufgewachsen ist er in Jugoslawien, wo sein Vater Hotelmanager und Kinodirektor war. Mit sechs Jahren erhielt er seinen ersten Klavierunterricht. 1948 debütierte er in Graz, wo er auch Orchesterleitung und Komposition studierte und sich ausgiebig mit Malerei, Literatur und Philosophie beschäftigte, was bis heute zu seinen erklärten Hobbys zählt. Bei Edwin Fischer, Paul Baumgartner und Eduard Steuermann holte er sich den letzten Feinschliff. 1949 wurde er Preisträger beim Bozener Busoni-Wettbewerb. Von da an arbeitete er konsequent an seiner ihn in alle Musikzentren führenden, weltumspannenden Karriere.

1960 debütierte er bei den Salzburger Festspielen und bei den Wiener Philharmonikern, die ihn vor zehn Jahren zum Ehrenmitglied ernannten – in ihrer Geschichte nach Emil von Sauer und Wilhelm Backhaus erst der dritte Pianist, dem diese Ehre widerfahren ist. Ab 1960 begann er die erste seiner mittlerweile drei Gesamteinspielungen der Beethoven-Klaviersonaten. Immer wieder ging Brendel, dessen Repertoire von Bach bis zu Ernst Krenek reicht, mit Beethoven-, Mozart- und Schubert-Zyklen auf Tournee.

Alleine mit seinem Einsatz für die Schubert-Sonaten und das Klavierwerk Liszts, dessen Qualitäten er gewissermaßen „neu“ entdeckte, hat der Pianist Musikgeschichte geschrieben. Nicht minder mit seiner generellen Haltung als Interpret, möglichst allen Perspektiven eines Werks auf die Spur zu kommen, was nicht ohne Folgen blieb. Denn rasch charakterisierte man Brendel als „Philosoph am Klavier“, eine Bezeichnung, die der mehrfache Ehrendoktor, der auch Ehrenmitglied zahlreicher bedeutender Institutionen ist, nur wenig schätzt. Treffender ist es, ihn als lebenslangen Nachdenker über Musik zu bezeichnen.

„Nachdenken über Musik“ ist auch der Titel eines seiner Bücher. Sie weisen ihn ebenso als geistvoll über Musik Reflektierenden wie als Schöpfer witzig-pointierter Lyrik aus. Wenigstens in diesem Metier bleibt Brendel, der künftig mit Lesungen aus eigenen Werken und Meisterklassen präsent sein wird, dem Publikum erhalten. Und natürlich mit seinen zahlreichen preisgekrönten Einspielungen, die auch kommenden Generationen Maßstab sein werden. Davor aber gilt all seine Konzentration noch einmal dem perfektesten und tiefsinnigsten aller Klavierkomponisten: Mozart.

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