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Jede Handlung ein Skandal

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Sein Leben ist ebenso spannend wie seine Werke -und so manche Auseinandersetzung in seinen Romanen ist in Russland bis heute erschreckend lebendig: Das zeigt eine neue Dostojewskij-Biografie.

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Sein Leben ist ebenso spannend wie seine Werke -und so manche Auseinandersetzung in seinen Romanen ist in Russland bis heute erschreckend lebendig: Das zeigt eine neue Dostojewskij-Biografie.

Der Schweizer Slawist Andreas Guski hat im Verlag C. H. Beck eine fast fünfhundert Seiten zählende Biografie des russischen Schriftstellers Fjodor Michailowitsch Dostojewskij vorgelegt. Neben der Lebensgeschichte bietet das Buch auch eine umfangreiche Analyse seiner Romane und Erzählungen. Leben und Werk erklären sich so wechselseitig und wenn sich gegen den biografischen Ansatz der Werkanalyse auch einiges sagen lässt: Ohne einen Blick auf seine Ausnahmebiografie ist Dostojewskijs Werk natürlich lesbar, über ihre Grundzüge Bescheid zu wissen, ist gerade in seinem Fall ebenso lohnend wie erhellend.

Fjodor Dostojewskij (1821 bis 1881) wurde im Alter von 28 Jahren Opfer einer Scheinhinrichtung. Angeklagt, an einer Verschwörung beteiligt zu sein, wurde er zusammen mit vierzehn anderen Verurteilten auf den Richtplatz geführt und in letzter Minute begnadigt: Jahre der Zwangsarbeit in Sibirien und später im Militärdienst folgten. Es gibt bei Dostojewskij also immer ein Davor und ein Danach und man könnte versucht sein, die Biografie von diesem 22. Dezember 1849 her zu erzählen. Andreas Guski hat sich anders entschieden und folgt streng dem chronologischen Ablauf.

Konspirativ, revolutionär

Der ungeklärte Tod des Vaters (der jähzornige Militärarzt wurde möglicherweise von seinen eigenen Bauern erschlagen) lässt ein Thema anklingen, das schließlich in seinem letzten Großroman "Die Brüder Karamasow" wie ein fernes Echo zu vernehmen sein wird. Nach dem Tod des unbeliebten Vaters ist der junge Mann auf sich selbst gestellt und damit beginnt eine schriftstellerische Karriere, die sich grundsätzlich von der seiner Kollegen unterscheidet: Unter den Gentleman-Schriftstellern (Turgenjew, Tolstoj, Gontscharow u. a.) erscheint Anfang der Vierzigerjahre ein junger Mann, der schreibt, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Konsequenterweise heißt sein Erstling "Arme Leute". Die Öffentlichkeit scheint auf dieses Buch gewartet zu haben. Der Briefroman wird ein enormer Erfolg.

Unter Experten herrschte lange Zeit die Meinung, Dostojewskij sei in die revolutionären Umtriebe, die nach 1848 auch Russland erreichten, mehr oder weniger unverschuldet hineingeraten. Bei Andreas Guski liest sich das anders. Er kann zeigen: Dostojewskij hat sich im Kreis um M. B. Petraschewskij sehr bewusst engagiert, der Umsturz schien ihm nicht nur möglich, sondern auch wünschenswert. Man begreift damit auch: Die Schilderung der Revolutionäre in den "Dämonen" wäre niemals so sarkastisch ausgefallen, hätte Dostojewskij die konspirative Atmosphäre dieser revolutionären Zirkel nicht aufs Genaueste aus eigener Anschauung gekannt.

Als sich Dostojewskij nach zehn Jahren Katorga und Militärdienst mit dem Roman "Die Erniedrigten und Beleidigten" zurückmeldet, wird das zwar ein veritabler Publikumserfolg, doch erst "Die Aufzeichnungen aus dem Totenhaus", in denen er seine sibirischen Zuchthauserfahrungen literarisch verwertet, machen aus ihm den leiderfahrenen Autor mit unbeschränkter Autorität für die Nachtseiten menschlicher Existenz.

Für Andreas Guski ist Dostojewskij ein "Autor der Krise".- Das stimmt in doppelter Hinsicht: Als einem Autor von Fortsetzungsromanen ist ihm keine Wendung zu kühn und kein Gefühl zu dick aufgetragen. Jeder Handlungsstrang läuft geradezu zwanghaft auf den Skandal zu, jede Selbstaussage wird zur Beichte -grobe Mittel, bei denen Kollegen wie Iwan Turgenjew oder später Vladimir Nabokov verächtlich die Nase rümpfen. Zum zweiten konstatiert Guski, dass krisenhafte Zeiten die Rezeption Dostojewskijs entschieden begünstigen. Wenn man die starke deutsche Dostojewskij-Rezeption nach dem Ersten Weltkrieg in Betracht zieht, so ist diese These richtig. Für Russland nach der Oktoberrevolution, also für eine Zeit, die man mit Fug und Recht als krisenhaft bezeichnen kann, gilt das allerdings nicht. Die amüsante Erklärung liefert Guski gleich mit: Lenin, der es ja mehr mit Lew Tolstoj hielt, urteilte über Dostojewskij lapidar: "Für so einen Mist habe ich einfach keine Zeit!"

Lesens-und bedenkenswert

Guski räumt Dostojewskijs irrwitzigem Umgang mit Geld, seiner Verschwendung, seiner Spielsucht, seiner hemmungslosen Schnorrerei einigen Raum ein. Man gewinnt den Eindruck, Dostojewskij habe es auf den Bankrott geradezu abgesehen, er habe den Schuldendruck gebraucht, um sich selbst zum Schreiben zu zwingen: "Zuchthausarbeit" eben, wie Dostojewskij seine literarische Produktion einmal genannt hat. Der Hinweis auf die Schattenseiten des im Alter zunehmend reaktionärer werdenden Autors runden das Porträt ab: Antisemitismus, Xenophobie, Nationalismus -Dostojewskij hatte schon alles im Programm, was die Welt im zwanzigsten Jahrhundert zur Hölle machen wird.

Die Analysen der großen Romane: "Schuld und Sühne","Der Idiot","Die Dämonen" und "Die Brüder Karamasow" sind unbedingt lesens-und bedenkenswert. (Bedauerlich, dass der inhaltlich sehr ergiebige Roman "Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner" so stiefmütterlich kurz behandelt wird!) Die Analysen verleiten dazu, sich die Bücher noch einmal vorzunehmen. In den Umkreis der Dämonen gehört auch das entschieden unangenehmste biografische Detail: Guski referiert in der nötigen Klarheit den Missbrauchsverdacht, der gegen Dostojewskij (schon von seinen Zeitgenossen) erhoben wurde. Es geht um das neunte Kapitel im dritten Teil des Romans: Dostojewskijs Held Stawrogin brüstet sich hier mit seiner Schlechtigkeit und schildert dabei, wie er eine Minderjährige missbraucht hat. Wie weit Dostojewskij hier eigene Erfahrungen verarbeitet hat, gilt als strittig. Die unterschiedlichen Positionen dazu werden von Guski dargelegt und es reicht für einen Freispruch mangels an Beweisen.

Die Geschichte der Dostojewskij-Rezeption im deutschen Sprachraum, vom Propheten zum Großhumoristen (Eckhard Henscheid), kann in einer Biografie naturgemäß nur gestreift werden. Auch die Frage nach Sinn und Bedeutung der Neuübersetzungen "Verbrechen und Strafe" für "Schuld und Sühne","Böse Geister" für "Die Dämonen" kann angesprochen, nicht aber und schon gar nicht abschließend beurteilt werden.

Der Westen, "wesensfremd"

Ohne dass Guski diesen Sachverhalt besonders herausstreichen muss, wird jedem aufmerksamen Leser doch auffallen, wie sehr die Axiome der Slawophilen, denen sich Dostojewskij zunehmend verpflichtet fühlt, in Russland derzeit wieder an Aktualität gewinnen. Es klingt alles sehr bekannt und die Parallelen sind bemerkenswert: Von der Autokratie zur gelenkten Demokratie ist es nur ein kleiner Schritt. Die Orthodoxie war und ist nun wieder der moralische Bezugspunkt des russischen Staates. Die Behauptung, der Westen sei Russland "wesensfremd", hat den Sprung in die Gegenwart unbeschadet überstanden. Die fixe Idee, Schutzmacht aller Slawen (heute: aller Russen im Ausland) zu sein, ist so gültig wie vor 150 Jahren. Abgesehen davon, dass sich die derzeitigen Machthaber nicht sehr intensiv um die ideologische Begründung ihrer Politik kümmern, plündern die Vordenker in den russischen Studios und Redaktionen völlig ungeniert den verstaubten Fundus ihrer Ahnen und der Bevölkerung gefällt's, weil ihr das unselige Liedchen recht bekannt vorkommt.

Andreas Guski ist ein höchst anregendes Buch gelungen: Zum einen, weil Dostojewskijs Leben mindestens ebenso spannend ist wie seine Romane, zum anderen, weil wir hier Zeugen von Auseinandersetzungen werden, die bis heute in Russland auf eine erschreckende Art lebendig sind.

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