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Jeder Fremde hat eine Geschichte

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Wie sieht der Arbeitsalltag eines Zuckerbäckers in Syrien aus? Und wie wird man politische Aktivistin? Das fragte sich die Berufsorientierungs-Plattform Whatchado und bittet Flüchtlinge vor die Kamera, damit sie über ihren beruflichen Werdegang erzählen. Ein etwas anderer Beitrag zur Integration.

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Wie sieht der Arbeitsalltag eines Zuckerbäckers in Syrien aus? Und wie wird man politische Aktivistin? Das fragte sich die Berufsorientierungs-Plattform Whatchado und bittet Flüchtlinge vor die Kamera, damit sie über ihren beruflichen Werdegang erzählen. Ein etwas anderer Beitrag zur Integration.

Ich habe mein Bachelor-Zeugnis immer dabei", mit diesen Worten kramt TJ in seinem monströsen Rucksack und holt wenige Sekunden später das Dokument hervor, fein säuberlich in eine Klarsichtfolie gepackt: "Aber es wird in Österreich nicht anerkannt." Er trägt das Zeugnis dennoch mit sich, fast so, als bräuchte er einen Beweis für sein früheres Leben.

Drei Jahre ist es her, dass Taha AL-Shemaree, so TJs vollständiger Name, im Irak sein Ingenieursstudium abgeschlossen hat. Danach hat er unter anderem für ein Sportstadium und ein Einkaufszentrum Aircondition-Systeme geplant. Bis er aus Bagdad fliehen musste.

Im September 2014 kam der 26-Jährige nach Wien, seit zwei Monaten ist er als Asylwerber anerkannt. Dass seine beruflichen Erfahrungen hier nicht gefragt waren, wurde ihm schnell klar. Schon im Irak hatte ihn -trotz Kameraverbot auf der Straße - die Leidenschaft fürs Fotografieren gepackt. In Österreich hat er dieses Hobby zu seiner Hauptbeschäftigung gemacht:"Zwei Monate nach meiner Ankunft habe ich mich als Volunteer bei TEDxVienna beworben", will TJ seinen Enthusiasmus nicht verbergen, "seitdem habe ich bei zwei großen Konferenzen mitgearbeitet." Ehrenamtlich, wie alle Mitarbeiter der Innovationskonferenz TEDx.

Flüchtlingen eine Stimme geben

"TJ, Fotograf bei TEDxVienna" - hätte er eine Visitenkarte, wäre für den smarten Iraker klar, was darauf stehen sollte. Es ist dieser Beruf, zu dem er von dem Start-up Whatchado interviewt wird. Worum geht's in deinem Job? Wie schaut dein Werdegang aus? Oder: Was ist das Coolste daran? - Die Fragen sind dieselben, die seit 2011 über 4200 Menschen auf der Berufsorientierungs-Plattform beantwortet haben, um via Video die Geschichten ihres beruflichen Werdegangs sowie Arbeitsalltags zu erzählen und so anderen Inspiration für deren Berufswahl zu geben. Dennoch handelt es sich bei TJs Interview um etwas Besonderes: Sein Video ist Teil des Projekts "Refugee Stories", in dem Whatchado gemeinsam mit den Kooperationspartnern "Flüchtlinge Willkommen", "Malteser" und "PROSA Projekt Schule für Alle!" einerseits Flüchtlingen eine Stimme verleihen möchte, andererseits auch ehrenamtliche Helfer zu Wort kommen lässt.

"Viele wollen die Geschichte der Flucht erfahren, doch nur wenige fragen, welches Leben der Mensch davor hatte. Wir haben keine Ahnung, welche Berufe die Menschen in ihrer Heimat hatten", weiß Lena Pösl, die Leiterin des Projekts, "ich glaube aber, wenn man hier Bäcker ist und ein Zuckerbäcker aus Syrien über seinen Job erzählt, was ihm daran gefällt oder nicht, dann erhält man einen anderen Anknüpfungspunkt an die Person." Über Storytelling hofft das Start-Up, dessen Co-Gründer Ali Mahlodji selbst als Kind mit seinen Eltern aus dem Iran geflohen ist, einen Beitrag zur Integration zu leisten. "Wir möchten Menschen die Möglichkeit geben, ein paar der Flüchtlinge kennen zu lernen. Wir wollen zeigen, welche Berufsbilder die Menschen mitbringen und was sie hier zur Wirtschaft beitragen können", beschreibt Pösl die Intention, "außerdem möchten wir mögliche Arbeitgeber darauf aufmerksam machen, wie sie Menschen fördern können."

Whatchado selbst geht mit gutem Beispiel voran: Bereits im September suchte man ausdrücklich nach Flüchtlingen mit journalistischen Erfahrungen, Videokamera-Know-how und Farsi-, Arabisch-sowie Englisch-Kenntnissen, um sie als Mitarbeiter für "Refugee Stories" anzustellen. Dass das Ganze länger dauerte als geplant, lag weniger an fehlenden Kandidaten. Vielmehr verzögerten Visumsbeschränkungen und nicht vorhandene Arbeitsgenehmigungen das Projekt. Erst im November konnte der Iraker Fady Yousuf, der als Konventionsflüchtling in Polen anerkannt ist und seit 2012 in Wien studiert, für zehn Wochenstunden bei Whatchado beschäftigt werden. Das Gespräch mit TJ ist das zweite Interview des angehenden Wirtschaftsinformatikers.

Aus dem Gefängnis und vor die Kamera

Während Fady prüft, ob die Lichteinstellung an der Kamera passt, bespricht sein österreichischer Kollege Raoul Kopacka mit TJ die letzten Details. "Die Hintergründe meiner Flucht möchte ich lieber nicht erwähnen", stellt dieser in fließendem Englisch mit merkbar amerikanischem Akzent klar, "ich will meine Familie im Irak nicht gefährden." Es ist eine Bitte, die für Kopacka nach ungefähr 20 Videos, die er bereits für "Refugees Welcome" gedreht hat, nicht überraschend kommt: "Die Wenigsten wollen über ihre Flucht oder die Gründe dafür sprechen", weiß der Filmemacher, der sich auch beim Verein "Flüchtlinge Willkommen" ehrenamtlich engagiert und den Kontakt zu einigen Gesprächspartnern hergestellt hat.

Das ist bei der Syrierin Hanada Al-Refai anders. Seit vier Monaten ist die gepflegte Mittfünfzigerin in Österreich. "Ursprünglich war ich Mathematiklehrerin in Damaskus", erzählt sie und ihre perfekt geschminkten Augen beginnen zu leuchten, "ich habe es geliebt, den Kindern diesen schwierigen Stoff mit Witz beizubringen. Doch man hat mich gekündigt, weil ich mich politisch gegen das Regime gestellt habe." Das war nur ein Versuch, die Aktivistin mundtot zu machen. Als auch das nicht half, steckte man Hanada für sieben Monate ins Gefängnis: "Man hat mich geschlagen und dennoch bin ich dankbar, dass ich überlebt habe und fliehen konnte", betont sie, "andere haben dieses Glück nicht. Meinen Bruder haben sie im Gefängnis ermordet." Ein Verlust, der sie erst recht nicht gestoppt hat: Auch in Wien kämpft sie für Syriens Freiheit und Frieden. "Jeden Sonntag treffen wir uns, veranstalten friedliche Demonstrationen und setzen uns für Frauen ein, die nach dem Tod ihres Mannes die Familie erhalten müssen", beschreibt Hanada ihr tägliches Tun und fügt hinzu: "In Syrien brachte uns diese Arbeit in Lebensgefahr, hier können wir sie in Sicherheit tun."

Wichtig für Identität und Selbstwert

Es ist ein untypischer Job, den die Syrerin nach der Flucht ausübt, und doch zeigt sowohl ihre Geschichte als auch die von TJ, wie wichtig es für die Menschen ist, sich zu engagieren und etwas tun zu können. Wenn auch "nur" ehrenamtlich, denn die Wenigsten haben bereits eine bezahlte Stelle in Österreich. "Dabei ist der Beruf so wichtig für die Menschen, sie identifizieren sich mit ihren Jobs", weiß Raoul aus Erfahrung. Wie der Kameramann aus Marokko, dessen Geschichte ihm besonders nahe gegangen ist: "Seit zwei Jahren ist er bereits hier, doch erst heuer bei der Wienwahl hat er endlich wieder seinen Beruf ausüben und politische Interviews führen dürfen", berichtet der Filmemacher: "Als er davon erzählt hat, hat er richtig gestrahlt."

Mindestens 50 dieser Interviews sollen bis Jahresende geführt werden und sowohl auf einer eigenen Sub-Seite ("Refugeestories") auf Whatchado, als auch auf der Website www.refugeestories.eu zu sehen sein. "In diesen Monaten möchten wir so viele Menschen wie möglich erreichen", ist Projektmanagerin Lena Pösl motiviert. "Natürlich werden wir das Projekt auch im nächsten Jahr pushen und die Stories veröffentlichen, inwiefern wir aber weiterhin Videos machen können, werden wir im Dezember besprechen." Es ist eine Ressourcenfrage, schließlich finanziert das Start-Up das Non-Profit-Projekt aus eigener Tasche.

Bis dahin haben aber nicht nur Fady und Raoul einiges zu tun, sondern auch Hanada und TJ. "Als kleines Kind wollte ich immer ein Star werden", verfolgt der 26-jährige Iraker ambitionierte Lebensträume. Zuvor hat für ihn genauso wie für Hanada aber etwas Anderes Priorität. Auf die Abschlussfrage nach ihren Plänen für die Zukunft antworten beide unisono: "Deutsch lernen und einen richtigen Job finden!"

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