"Jedes Werk ist ein Gleichnis“

Wagner und Verdi sind die musikalischen Säulenheiligen des kommenden Jahres. 2013 wäre aber ebenso Gelegenheit, sich an Britten oder Poulenc zu erinnern.

Er war Mensch gewordene Energie. Schon in der ersten Pause einer Plattenaufnahmesitzung war er völlig durchgeschwitzt. Von sich wie seinen Mitstreitern verlangte er, dass sie stets an ihre Grenzen gehen. Die Rede ist von Sir Georg Solti. Ende Oktober wäre der Langzeit-Musikdirektor des Chicago Symphony Orchestra 100 Jahre alt geworden. Nicht nur mit dieser Position verbindet man den charismatischen Ungarn, den die Wirren seiner Zeit zur Emigration in den Westen zwangen, wo er schließlich Weltkarriere machte, sondern vor allem mit seinen unzähligen Schallplattenaufnahmen, die den Präzisionsfanatiker zum großen Konkurrenten Karajans werden ließen.

Den Startschuss dafür gab sein mit den besten aller damals möglichen Sängerinnen und Sänger und den Wiener Philharmonikern in den Wiener Sofiensälen realisierter "Ring“. Nie zuvor und seither wurde diese Partitur mit einer solchen emotionalen Glut und Präzision realisiert wie damals. Man kann es wieder nachhören, denn zu Soltis Gedenken ist (neben Remakes seiner Einspielungen von Mozart-, Strauss- und weiteren Wagner-Opern sowie Orchesterwerken von Bartók) dieses Dokument (bei DECCA) in einer bibliophilen Prachtausgabe neu aufgelegt worden. Ein "Jahrhundert-Ring“.

Ringsum "Ringe“

Publicityträchtiger hätte man auf das kommende Wagner-Jahr - Wagner wurde vor 200 Jahren, am 22. Mai 1813 in Leipzig, geboren - nicht hinweisen können. Was im Übrigen auch schon zahlreiche Opernhäuser zuletzt mit neuen "Ring“-Produktionen versucht haben. Am spektakulärsten die New Yorker "Met“, wo sich Regisseur Robert Lepage dafür gar eine Bühnenmaschine bauen ließ, oder die Bayerische Staatsoper München, wo Regisseur Andreas Kriegenburg Menschenmassen zum eigentlichen Thema der Tetralogie werden ließ.

In Bayreuth will man nicht nachstehen: Rechtzeitig zum runden Geburtstag des Genius loci ist für kommenden Sommer ein neuer "Ring“ avisiert mit zwei "Grünen Hügel“-Debütanten: dem designierten GMD der Bayerischen Staatsoper Kirill Petrenko als Dirigenten und dem für unkonventionelle Überraschungen allemal guten Frank Castorf als Regisseur. Längst werden für dieses Projekt die unterschiedlichsten Wetten angenommen. Auch weil man bei Petrenko nie sicher sein kann, dass er tatsächlich auftritt.

"Es sind Bilder. Jedes dieser Werke ist ein Gleichnis. Sie sind Wirklichkeit und doch nicht Wirklichkeit. Jeder Künstler ist hier tiefer als der Denker“, sagte Wilhelm Furtwängler (von dem eine der bis heute aufregendsten "Ring“-Interpretationen stammt) über das Œuvre von Wagner. Für ihn auf die gleiche Genie-Ebene zu stellen wie der zweite im kommenden Jahr dominierende Musikregent: der ebenfalls vor 200 Jahren geborene Giuseppe Verdi. Der Unterschied: Verdi, so der große deutsche Dirigent, sei "nicht nur für Sänger und Künstler, sondern auch für das Publikum der ungleich glattere, voraussetzungslosere und bequemere der beiden Künstler“. Für Wolfgang Fortner, einen heute fast schon vergessenen profilierten deutschen Komponisten des vorigen Jahrhunderts, ist Wagner mehr Musikdramatiker, Verdi mehr Lyriker. Und Arturo Toscanini, Furtwänglers großer Antipode, resümierte: "Diese beiden Meister sind fraglos die bezeichnendsten Repräsentanten der deutschen und der italienischen Musik.“ Ob das kommende Wagner- und Verdi-Jahr diese zum Teil aus den 1930er-Jahren stammenden Statements verfestigen - oder durch die eine oder andere Neuproduktion, aber auch so manche Publikation Neues zu diesem Thema hervorbringen wird? In einem Jahr werden wir es wissen.

Inspiration für Intendanten

Auch wie andere musikalische Jahresjubilare 2013 wahrgenommen werden. Immerhin blieb dieses Jahr hierzulande weitgehend unbemerkt, dass man Debussys 150. Geburtstag in Oper und Konzert hätte ausführlich begehen können. Repräsentative Debussy-CD-Boxen, wie sie die Deutsche Grammophon und Sony herausbrachten, kann man bei aller hier gebotenen Qualität nur als schwachen Trost sehen. Die EMI hat jedenfalls für 2013 schon vorgebaut, sollte man auf den 50. Todestag von Francis Poulenc vergessen (den hat übrigens auch Paul Hindemith), und in einer 20-CD-Box sein Gesamtwerk herausgebracht, inklusive seiner Meisteroper "Dialoges des Carmélites“. Wenn das Veranstalter nicht inspiriert!

Das kommende Jahr ist aber auch eine gute Gelegenheit, sich an den vor 100 Jahren geborenen Benjamin Britten zu erinnern, dessen Opern "Peter Grimes“ und "Billy Budd“ vor noch nicht langer Zeit den Spielplan der Wiener Staatsoper zierten. Wenigstens bis Ende dieser Spielzeit sucht man sie am Spielplan des Hauses am Ring vergeblich. Aber noch hat 2013 nicht begonnen …

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