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"Jemand muss bereit sein, vorzupreschen"

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Was bedeutet die viel beschworene Mobilitätswende? In naher Zukunft vor allem das verstärkte Mit-und Nebeneinander verschiedener Antriebstechniken. Doch die große Hürde bei alternativen Antrieben ist die Infrastruktur der Energieversorgung.

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Was bedeutet die viel beschworene Mobilitätswende? In naher Zukunft vor allem das verstärkte Mit-und Nebeneinander verschiedener Antriebstechniken. Doch die große Hürde bei alternativen Antrieben ist die Infrastruktur der Energieversorgung.

Fast hat man den Eindruck, die Geschichte wiederhole sich - zumindest wenn man Episoden der Technikentwicklung beleuchtet. An der Wende zum 20. Jahrhundert kam es zu einem großen Mobilitätsschub, und er war geprägt durch die Frage nach der besten Antriebstechnik: Benzinautos, Dampfwägen, Elektro-und mitunter auch Hybridfahrzeuge teilten sich damals die Straßen. Es folgte die Motorisierung der Massen, angetrieben durch hohe Ingenieurskunst und relativ billige Energie. Bei den Kraftfahrzeugen hatte sich bald das Benzin- Modell durchgesetzt. Doch zu Beginn des 21. Jahrhunderts stellt sich erneut die Frage, wie unsere Autos künftig angetrieben werden: Angesichts des Klimawandels und schwindender Öl-Ressourcen wurde die "Mobilitätswende" ausgerufen -und das mit zunehmender Dringlichkeit.

Enormes Potenzial für Hybride

Gemeinsam mit dem Klimaund Energiefonds hat das österreichische Verkehrsministerium das Forschungsprogramm "Zero Emission Mobility" entwickelt. Sieben Millionen Euro an Fördergeld werden dafür bereitgestellt; der Ausbau der Elektromobilität steht dabei im Vordergrund. Auch der ÖAMTC macht sich Gedanken, wie die CO2-Emissionen aus dem heimischen Pkw-Verkehr gesenkt werden können: Ende Juni wurde der Expertenbericht "Mobilität & Klimaschutz 2030" präsentiert (Download über www.oeamtc. at). Der Bericht soll aufzeigen, wie Österreich die klimapolitischen Vorgaben ohne Verbote und Verteuerungen für die Autofahrer erreichen kann. Laut dem Klimaschutzabkommen von Paris ist bis 2030 eine CO2-Reduktion um 36 Prozent für Österreich vorgesehen. Wie soll das funktionieren?

Einer der beteiligten Experten ist Bernhard Geringer, Vorstand des Instituts für Fahrzeugantriebe und Automobiltechnik der Technischen Universität Wien. In den nächsten zehn bis 15 Jahren erwartet der Experte ein verstärktes Mit-und Nebeneinander verschiedener Antriebstechniken. "Beim Thema Emissionsfreiheit sollte die gesamte Kette der Energiegewinnung vom Ursprung an betrachtet werden -also nicht nur vom Tank zum Rad", sagt Geringer im Gespräch mit der FURCHE. "In Österreich gibt es gute Voraussetzungen, da viel Wasserkraft für die saubere Stromgewinnung vorhanden ist." Für die Zukunft der Mobilität bedarf es jedenfalls eines massiven Zuwachses nachhaltig erzeugter Energie.

Elektroautos sollten vor allem im Stadtverkehr forciert werden, wo in der Regel kürzere Strecken zurückgelegt werden ("Stop & Go"). Für längere Strecken zeigen Verbrennungsmotoren weiterhin Vorteile. Durch die Kombination mit einem Elektroantrieb haben Verbrennungsmotoren aber noch enormes Potenzial, den CO2-Ausstoß zu senken, betont der TUProfessor. Das Spektrum reicht hier vom einfachen 48-Volt-Hybrid mit einer CO2-Einsparung von bis zu 15 Prozent bis hin zum Steckdosen-geladenen Hybrid, der eine Einsparung von mehr als die Hälfte verspricht. Diese "Plug-in"-Modelle gibt es bereits in mehreren Varianten -von der klassischen Limousine über Vans und SUVs bis hin zum Sportwagen. Die rein elektrische Reichweite dieser Fahrzeuge liegt zwischen 25 und circa 60 Kilometer. Auch der zu erwartende Fortschritt der Technik sei zu beachten, so die Experten im ÖAMTC-Bericht. Reine Verbrennungsmotoren, deren Anteil sich 2017 noch auf rund 96 Prozent belief, könnten ab 2030 nur noch ein Prozent der Neuzulassungen ausmachen. Auch der massive Einsatz von "E-Fuels", also synthetischer Kraftstoffe, kann laut Experten einen wichtigen Beitrag zur Senkung der CO2-Emissionen leisten.

Bei der Mobilitätswende geht es aber nicht nur um die Senkung von Treibhausgasen, sondern auch um einen möglichst Schadstoff-freien Verkehr. Schädliche Stickoxide etwa sind zuletzt wegen des Dieselskandals rund um deutsche Autohersteller verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Stickoxide tragen zur Bildung von sekundärem Feinstaub und bodennahem Ozon bei, und können zur Reizung und Schädigung der Atemorgane führen.

Angst vor dem "Liegenbleiben"

Dass es möglich ist, die Stickoxid-Emissionen bestehender Dieselfahrzeuge (Euro 5, ohne SCR-Technik) stark zu reduzieren, zeigt eine neue Technologie, die Forscher der TU Graz mit internationalen Entwicklungspartnern auf den Weg gebracht haben. Das Konzept ASDS (Ammonia Storage and Delivery System) nutzt in einem Salz eingelagertes und durch Wärme wieder frei werdendes Ammoniak zur Reduktion der Stickoxid-Emissionen. Dafür wird ein gasförmiges Reduktionsmittel verwendet. Diese Innovation wurde jüngst mit dem Horizon 2020-Preis der EU-Kommission in der Kategorie "Engine Retrofit for Clean Air" ausgezeichnet. Der Preis ist mit 1,5 Millionen Euro dotiert.

Schließlich geht es bei der Mobilitätswende nicht nur um die Fahrzeuge, sondern auch um die Infrastruktur der Energieversorgung. Die noch mangelnde Infrastruktur sei die große Hürde bei allen alternativen Antriebsmodellen, sagt Bernhard Geringer. Dies gilt insbesondere für Elektro-Ladestellen und Wasserstofftankstellen, aber auch bei Erdgas-Fahrzeugen, die ansonsten gute ökologische und ökonomische Argumente zu bieten haben. "Ein Haupteinwand ist immer, dass es zu wenige Tankstellen gibt. Die Angst vor dem 'Liegen-Bleiben' auf der Strecke ist riesengroß", so der Wiener Experte. "Das dichte Netz an heutigen Tankstellen mitsamt ihrer Versorgung wurde langwierig aufgebaut. Alle anderen Systeme müssen jetzt dagegen ankämpfen -und jemand muss bereit sein, vorzupreschen und in nachhaltige Lösungen zu investieren."

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