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Jiddische Gesellschaft IM WANDEL

1945 1960 1980 2000 2020

Es gelte die Arbeit eines "jiddischen Balzac" zu leisten, meinte der sozialkritische Autor Scholem Alejchem. Vor 100 Jahren starb er in New York.

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Es gelte die Arbeit eines "jiddischen Balzac" zu leisten, meinte der sozialkritische Autor Scholem Alejchem. Vor 100 Jahren starb er in New York.

Zum Begräbnis von Scholem Alejchem, der am 13. Mai 1916 starb, versammelten sich am New Yorker Times Square mehr als hundertfünfzigtausend Menschen. Der bis heute berühmteste Schriftsteller jiddischer Sprache wurde auf eigenen Wunsch auf einem Armenfriedhof in Brooklyn beerdigt. "Mottel, der Sohn des Kantors", Alejchems letztes und vielleicht radikalstes Buch, das die große Auswanderungswelle der Ostjuden zum Gegenstand hat, blieb unvollendet. Bekannt ist der Verfasser von "Tewje, der Milchmann" heute vor allem aufgrund des weltweiten Erfolges des Musicals "Anatevka" ("Fiddler on the Roof") in den 1960er-Jahren, das der künstlerischen Bedeutung des literarischen Modernisten allerdings wenig gerecht wird.

Engagement für jiddische Literatur

Solomon Rabinowitsch, wie Alejchem eigentlich heißt, wird 1859 als Sohn einer wohlhabenden chassidischen Familie in Perejaslaw in der heutigen Ukraine geboren. In seinen Schriften figuriert der Geburtsort später als Kaßrilewke (von "kaßril" - "armer Mann"). Auf den Cheder folgt eine Ausbildung an einer russischen Fachschule, 1883 heiratet der als Hauslehrer tätige Alejchem seine Schülerin. Im selben Jahr veröffentlicht er - nach ursprünglich russischen Schreibversuchen - seine erste auf Jiddisch verfasste Geschichte "zwej schtejner"(Zwei Steine). Das vom Schwiegervater geerbte Vermögen erlaubt dem jungen und freien Autor, der sich mittlerweile Scholem Alejchem ("Friede sei mit euch") nennt, intensives Engagement in Sachen jiddische Literatur. Die Sprache wird zu dieser Zeit von elf Millionen Menschen Osteuropas gesprochen. Er finanziert als Herausgeber das aufklärerische Projekt "jydische folkss-bibliotek" und publiziert die Romane "sstempenju"(1888) und "jossele ssolovei"(1889).

Scholem Alejchem ist einer der ersten Autoren, der durch Vorlesungen seinen Lebensunterhalt verdient - ein bedeutsamer Umstand, da er 1890 einen Großteil seines Vermögens durch Börsenspekulation verliert. Vortragsreisen führen ihn nach Wien, Paris, London und bis nach Amerika. Mittlerweile in Odessa ansässig, verlässt Scholem Alejchem das während der ersten russischen Revolution des Jahres 1905 von antijüdischen Pogromen erschütterte Zarenreich und begibt sich in die Schweiz; dort kuriert er überdies seine Tuberkulose. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird er an einem deutschen Ostseekurort interniert.

Scholem Alejchems Gesamtwerk umfasst achtundzwanzig Bände mit Erzählungen, Theaterstücken, Essays und Romanen, die weltweit Millionenauflagen erleben; abgesehen von der Popularisierung durch "Fiddler on the Roof" genießt er in seiner russischen Heimat auch in Sowjetzeiten als sozialkritischer Autor großes Ansehen; in der jüngeren Vergangenheit beziehen sich amerikanische Schriftsteller wie Saul Bellow oder Philip Roth auf ihn als Wegbereiter jüdischen Schreibens. Alejchem selbst nennt Satiriker wie Jonathan Swift und Nikolaj Gogol, den russischen Meister düsterer Groteske, als literarische Einflüsse; vor allem gelte es aber die Arbeit eines "jiddischen Balzac" zu leisten.

Unzählige Geschichten

Als solche Arbeit lässt sich en minature denn auch "Tewje, der Milchmann" verstehen; kein Roman im klassischen Sinn, sondern eine Abfolge von acht Erzählungen, die - zwischen 1895 und 1916 entstanden - den radikalen Wandel des Zarenreiches zur Jahrhundertwende am Beispiel des jüdischen Schtetls darstellen. Tewje lebt zusammen mit seiner Frau Golda und seinen sieben Töchtern in Bojberik und erzählt seinem städtischen Freund Scholem Alejchem unzählige Geschichten. Der Autor in fabula schaut seinem Protagonisten schmunzelnd über die Schulter, die dabei entstehenden Erzählungen sind keineswegs "Volksliteratur", sondern subtile Textgebilde, gespickt mit Ironie und Zitaten aus Talmud und Midrasch. Kurz - es handelt sich um Weltliteratur!

Mit dem verballhornten Zitat "wenn es geht, dann läuft es auch" (eigentlich eine liturgische Regieanweisung), eröffnet Tewje seinen überschwänglichen Bericht über das Glück. Nicht was erzählt wird, sondern dass erzählt wird, ist hier von Bedeutung - in diesem Fall Tewjes Zusammentreffen mit zwei reichen Städterinnen, die sich im Wald verirrt haben. Tewje bringt sie mit seinem Pferdwagen nach Hause und wird mit achtunddreißig Rubeln und einer Kuh fürstlich belohnt. Der Milchmann ist geboren.

Was auf den ersten Blick wie ein Gemisch aus Märchen, Anhäufung skurriler Dialoge und ekstatischem religiösem Gebrabbel anmutet, stellt sich sogleich als tiefgehende Analyse einer Gesellschaft im Umbruch heraus. Geld regiert nicht nur die Welt, sondern im Schtetl findet sich auch Menachem Mendel, ein "Spekulant, ein Makler, ein Herumtreiber, ein Schwindler, ein hoffnungsloser Fall, auf keinem heilen Ort möge er stehen". Der überredet Tewje, seinen gerade erhaltenen Hunderter an der Börse ins Zehnfache zu verwandeln - ein Vorhaben, das natürlich scheitert. Tewje wünscht dem Betrüger die Gehenna, die Hölle.

Vor allem geht es diesem auf Hiobs Spuren wandelnden Milchmann Tewje um die Zukunft seiner Töchter. Anders als König Lear will Tewje das Glück einer jeden der sieben - wobei mysteriöserweise nur die Geschichten von fünfen beschrieben werden. Für seine Frau Golda ist er eigentlich so reich wie der Reichste in Kiew, ist doch jedes Kind "eine Million wert". Doch wie seine Geldgeschäfte enden auch deren Lebensgeschichten allesamt im Disaster. Im Fall der ältesten Tochter, Zeitel, gelingt es Tewje noch mit einem Trick, die Liebesheirat durchzusetzen -gegen den Willen der "Meinigen", die schon von des Fleischersohnes üppiger Mitgift träumt.

"Bücher verschlingt sie wie Mehlknödel"

Die weiteren Geschichten zeigen prototypische Entwicklungen der russischen und jüdischen Gesellschaft am Beginn des 20. Jahrhunderts auf: Sozialismus, Konversion, Korruption. Hodel, die emanzipierteste der Töchter, strahlt nicht nur "wie ein Stück Gold", sie liest auch -"Bücher verschlingt sie wie Mehlknödel". Schon Tewjes Disput mit dem künftigen Schwiegersohn über Thora, Gerechtigkeit und Geld führt auf glitschiges Terrain, bald spricht auch Hodel nur noch von "Arbeitern" und "Kollektivinteressen". Zuletzt folgt der Dialog zwischen Tochter und Vater, der sich nach dem Verbleib des jungen Sozialisten erkundigt: "Er sitzt". - "Er sitzt?" - "Er sitzt." - "Er sitzt." "Wo sitzt er? Warum sitzt er?" Hodel folgt ihrem Mann in die Verbannung nach Sibirien, und Tejews Sarkasmus läuft erstmals zur Hochform auf: "Lasst uns besser von etwas Fröhlicherem sprechen: Was hört man denn Neues bezüglich der Cholera in Odessa?"

Kaum besser ergeht es Chava, die sich in den Dorfschreiber (einen "zweiten Gorki") verliebt und seinetwegen zum orthodoxen Christentum konvertiert. Tewje räsoniert: "Was ist eigentlich ein Jude, und was ein Nichtjude? Und weshalb hat Gott Juden und Nichtjuden geschaffen? Und warum müssen sie so separiert sein, einer vom andern?" Der Milchmann erklärt seine Tochter für tot und sich selbst zum "Konfusius".

Jetzt ist klar: Tewje wird alles verlieren. Die 1907 entstandene Geschichte über Sprinze handelt erstmals explizit von Zeitgeschichtlichem - die wenige Jahre zurückliegenden Pogrome von Kischinjow, die damals weltweite Proteste auslösten. (Eine Dokumentation darüber, die der politisch aktive Scholem Alejchem damals herausgeben wollte, wurde verboten, er selbst von der zaristischen Geheimpolizei überwacht.) Zwar ist Sprinzes Heirat mit dem reichen Bürschchen Arontschik eigentlich schon beschlossen, wird aber von dessen Onkel als nicht standesgemäß aufgekündigt. Tewjes Kommentar zu deren Selbstmord verwandelt den Milchmann in einen prophetischen Engel der Geschichte, der in den Abgrund des Kommenden starrt: "Wenn ein Mensch stirbt, stirbt er meistenteils mit geschlossenen Augen. Bei einem Ertrunkenen sind die Augen offen - wisst ihr nicht den Grund, weshalb das so ist?"

Nach Amerika? Nach Israel?

Erstmals klebt Tewjes Zunge fest - "es war, als hätte ich die Sprache verloren". Das zweite Mal passiert das, als ihn Pezudar, der neureiche Ehemann seiner jüngsten Tochter Bejlke, auf Reisen schickt, weil der Milchmann nicht zu seinem Kiewer Palast passt. "Wenn nicht nach Amerika, dann vielleicht ins Land Israel? Alle alten Juden fahren ins Land Israel." Die zynische Parodie auf Zionismus, dem auch der Autor nahesteht, und auf "Nächstes Jahr in Jerusalem!" wird in der letzten Geschichte, die zur Zeit des Ritualmordprozesses gegen Mendel Beilis spielt, noch überboten. Der Dorfvorsteher kündigt Tewje an, man habe zwar nichts gegen ihn, werde ihn aber "verdreschen", weil allerorts im Lande Pogrome stattfinden. Tewje beschwört "den alten jüdischen Gott", warum der so etwas zulasse - die darauf folgende Vision des auf einem weißen Pferd reitenden Messias stellt sich allerdings als Polizist heraus, der Tewje auffordert, das Land binnen drei Tagen zu verlassen. Zuletzt fügt er hinzu:"Du bist ein kurioser Jid".

Es mutet wie die bizarre Umsetzung des alten Traumes der Einheit von Leben und Kunstwerk an, dass Scholem Alejchem nach seiner Internierung die Emigration in jenes Land gelingt, das er auch für seinen Protagonisten Tewje vorgesehen hat. Die Neuübersetzung von "Tewje, der Milchmann" anlässlich des 100. Todestages von Scholem Alejchem durch den Salzburger Jiddisten Armin Eidherr aber ist einzig und allein als Glücksfall zu bezeichnen. Masel tov!

Tewje, der Milchmann Von Scholem

Alejchem Aus dem Jidd.

übers. u. m. Nachwort von Armin Eidherr Manesse 2016

277 S., geb., € 25,70

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