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Kampf dem globalen Schreckgespenst

Die Erkrankung, die 1906 von Alois Alzheimer erstmals beschrieben wurde, ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einer der größten Herausforderungen für die Gesundheitssysteme geworden: Aufgrund alternder Gesellschaften ist ein rasanter Anstieg der Betroffenen zu erwarten, verbunden mit vermehrtem Pflegebedarf und hohen volkswirtschaftlichen Kosten. Eine wirkliche Problemlösung ist noch nicht in Sicht: Die Ursachen der Alzheimer-Demenz sind weitgehend ungeklärt, und die derzeit verfügbaren Therapien können den fortschreitenden geistigen Verfall der Patienten nicht verhindern, nur verzögern.

Gemäß den neuesten Schätzungen der Internationalen Alzheimer-Gesellschaft (AAI) leiden heute weltweit rund 44 Millionen Menschen an Demenz (einschließlich Morbus Alzheimer, der häufigsten Form) - im Jahr 2050 sollen es bereits 135 Millionen sein. "Angesichts der zunehmenden globalen Alzheimer-Epidemie müssen wir unsere Anstrengungen verstärken, um dieser verheerenden Krankheit Einhalt zu gebieten", forderte Maria Carrillo, AAI-Vize-Präsidentin, anlässlich des weltgrößten Alzheimer-Kongresses Mitte Juli in Kopenhagen. "Und es gibt eine gute Nachricht: Letzte Trends in Europa und den USA deuten darauf hin, dass eine Reduktion und vielleicht sogar Prävention der Alzheimer-Krankheit möglich sein könnte."

Verbesserte "Gehirn-Gesundheit"

So haben ein höheres Bildungsniveau und die effektivere Therapie kardiovaskulärer Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes und erhöhte Blutfette in manchen Ländern generell zu einer besseren "Gehirn-Gesundheit" geführt, was sich auch in einem Rückgang der Demenz-Neuerkrankungen niedergeschlagen hat. Ob dieser Trend angesichts steigender Raten von Fettleibigkeit und Diabetes anhalten wird, und ob er auch in ärmeren Ländern schlagend wird, sind derzeit zentrale Fragen für die Prognosen zur globalen Alzheimer-Bürde in den nächsten Jahrzehnten. Vor allem in Entwicklungsländern, wo heute der schnellste Anstieg der Lebenserwartung zu beobachten ist, wurde die Häufigkeit von Demenz-Erkrankungen bislang unterschätzt, wie Forscher nun betonen - in Kolumbien beispielsweise sogar um bis zu 50 Prozent.

Der größte Risikofaktor für die Entwicklung einer Alzheimer-Demenz ist das Alter. Dennoch ist es möglich, das individuelle Risiko über den Lebensstil zu verringern, wie zuletzt mehrere Studien verdeutlichen. So zeigt eine große finnische Untersuchung bei älteren Menschen mit erhöhtem Alzheimer-Risiko, dass sich die Gedächtnis-Leistung durch ein umfassendes Programm mit Ernährungsberatung, körperlichem und kognitivem Training, sozialen Aktivitäten und dem Management von kardiovaskulären Risikofaktoren deutlich verbessern lässt.

"Das ist die erste hochqualitative Studie, die belegt, dass ein geistiger Abbau bei älteren Risikopersonen durch ein solches Programm verhindert werden kann", erläuterte Studienautorin Miia Kivipelto. "Dabei ist es wichtig, an mehreren Risikofaktoren anzusetzen." Dass rund ein Drittel der weltweiten Alzheimer-Fälle auf potenziell beeinflussbare Risikofaktoren zurückzuführen ist und das Auftreten der Krankheit durch Änderungen im Lebensstil reduziert werden könnte, hat jüngst eine viel beachtete Studie der Universität Cambridge ergeben. Demzufolge sind es vor allem sieben Faktoren, die das Risiko beeinflussen: Bewegungsmangel, Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck, Depressionen, Rauchen und mangelnde Bildung. "Auch wenn es keinen singulären Weg zur Alzheimer-Vorbeugung gibt, können wir diverse Maßnahmen zur Reduktion des Risikos ergreifen", erklärte Studienleiterin Carol Brayne, die dafür plädiert, Zusammenhänge zwischen den einzelnen Faktoren zu berücksichtigen. "Wenn man mit körperlicher Bewegung beginnt, tendiert man auch eher dazu, gesund zu essen und mit dem Rauchen aufzuhören." Ihre Studie fügt sich in die anschwellende Forschungsliteratur zum Einfluss des Lebensstils, wonach regelmäßige körperliche Aktivität als am stärksten untermauerter Ansatzpunkt für die Demenz-Prävention erscheint. Aber auch geistige Aktivitäten, etwa durch Brettspiele, Lesen oder Kreuzworträtsel, können das Demenz-Risiko mindern. Und soziale Interaktionen mit emotionaler Beteiligung wirken ebenfalls einer Demenz-Entwicklung entgegen.

Neuer Blick auf die Alzheimer-Krankheit

Die Sicht auf Alzheimer hat sich zuletzt stark gewandelt: Wurde die Erkrankung früher nur als Ereignis der letzten Lebensphase wahrgenommen, gilt sie heute als chronischer Prozess mit jahrzehntelanger Vorlaufzeit. Sowohl genetische Ursachen als auch Umweltfaktoren werden dafür verantwortlich gemacht. Und die Umweltfaktoren können, wie Experten heute festhalten, über den gesamten Lebensverlauf günstig beeinflusst werden -von der Empfängnis bis zum Tod. Zudem gibt es nun Hinweise, dass je nach Altersgruppe unterschiedliche Schutzund Risikofaktoren zu beachten sind.

Demenz-Prävention könnte somit künftig als lebenslanges Projekt verstanden werden. "Weitere Studien sollten uns ermöglichen, hilfreiche 'Verordnungen' für Lebensstiländerungen zu entwickeln, zum Beispiel bezüglich Bewegung und Ernährung, und mehr darüber zu lernen, wie sich die Alzheimer-Risikofaktoren mit dem Alter verändern", kommentierte Heather Snyder, wissenschaftlicher Direktor der Internationalen Alzheimer-Gesellschaft.

Als globale Herausforderung wurde die Demenz mittlerweile auch zum Thema der Weltpolitik. 2013 hatte der britische Premierminister David Cameron zu einem G8 (heute G7)"Demenz-Gipfel" geladen, um der Alzheimer-Forschung weltweite Priorität einzuräumen. Dort wurde ein ehrgeiziges Ziel formuliert: Bis 2025 soll eine effektive Therapie für die Alzheimer-Demenz gefunden sein. Derzeit freilich ist der Blick auf die Therapie-Forschung ernüchternd: In Relation zur Größe des Problems werden nur wenige klinische Studien durchgeführt -und die Quote der Wirkstoffe, die überhaupt bis zum Zulassungsverfahren im Rennen bleiben, ist im Vergleich zu anderen Bereichen der Medizin außerordentlich gering.

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