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"Katzen kommen in den Himmel"

Die österreichische Schriftstellerin Lene Mayer-Skumanz, eine der meistausgezeichneten Kinder- und Jugendbuchautorinnen, feiert ihren 65. Geburtstag. Im Interview mit der furche spricht sie über die Bedeutung des Erzählens und die Verquickung von religiöser Dimension und kindlichem Alltag in ihren Büchern.

Die Furche: Ein Kind, das um eine tote Katze trauert, ein Großvater, der der Frage nachgeht: "Kommen Katzen in den Himmel?" Woher holen Sie sich denn die Ideen für Ihre Geschichten?

Lene Mayer-Skumanz: Ich nehme mir nicht vor, etwas über die Unsterblichkeit zu schreiben. Themen für meine Geschichten finde ich dort, wo ich sehe, dass Kinder mit ihren Gefühlen, mit Bedrängnissen allein bleiben und damit sehr beschäftigt sind. Ich bin immer wieder konfrontiert damit, dass Kinder über den Tod eines geliebten Tieres trauern. Diese kindliche Trauer ist für mich zum Thema geworden. Ich lasse da einmal einen kompetenten Großvater in der Bibel nachlesen, in der Offenbarung. Der Großvater findet kein Wort darüber, dass Katzen im Himmel verboten wären. Also schließt er daraus, dass Katzen im Himmel möglich sind. Nichts geht verloren, was man liebgehabt hat - ich glaube, das ist etwas, das man auch Kindern erklären kann, das gilt für Katzen, aber auch für Großväter.

Die Furche: In Ihren Geschichten geht es oft um Glauben - warum?

Mayer-Skumanz: Es hat wohl mit meiner eigenen Befindlichkeit zu tun, dass der Glaube von meinem persönlichen Alltag nicht zu trennen ist. Glauben dürfen, lernen, üben, auch nicht glauben können - das gehört für mich so sehr zum Leben wie atmen, kochen, putzen, als Omama gefragt sein, sich unterhalten und reden mit anderen Menschen. Ich kann's nicht trennen. Außerdem hat der Glauben einen großen Vorteil: man hat eine Adresse, an die man sich wenden kann, und zwar mit Vergnügen, mit Wut, mit Zweifel, mit allem.

Die Furche: Das ist auch etwas, das alle Ihre Figuren auszeichnet, das persönliche Verhältnis zu ihrem Gott.

Mayer-Skumanz: Ja, wie den Xaverl, der fragt immer "Bist du da, lieber Gott?" - und hört dann in seinem Inneren "Ja, ich bin da", also den uralten Gottesnamen. Ich will aber keinesfalls missionieren, sondern eine Freiheit anbieten, Vorschläge, dem Leser die Frage stellen: "Wie siehst du das? Du kannst das auch ganz anders denken." Ich werde grantig, wenn man mir, wie einmal Religionslehrerinnen bei einem Symposium, erklärt: "So kann man nicht schreiben, wie Sie die Xaverlgeschichten schreiben". Mein Xaverl hört halt in seinem Inneren Gott. Und nun sagt man mir: Man kann nicht so direkt von Gott sprechen. Das habe ich mir eineinhalb Tage lang angehört, dass das so nicht geht, dann habe ich erklärt: "Dass man's kann, sehen Sie am Text. Warum man's kann, ist Ihr Problem."

Die Furche: Ihre Geschichten werden aber gerne didaktisch genutzt, etwa in der Schule, um über ein bestimmtes Thema reden zu können. Stört Sie das?

Mayer-Skumanz: Ich finde es praktisch, wenn ein kurzer Text zur Hand ist, mit dem man arbeiten kann. Man kann ja meist nicht so einfach fragen: "Na Pauli, wovor fürchtest du dich denn am meisten?" Geschichten, in denen die Rede von so etwas Wichtigem wie Gefühlen ist und wie man damit zurecht kommen kann, üben keinen Zwang aus, sich äußern zu müssen. Kinder können ins Thema einsteigen, müssen aber nicht. Sie können ihre Befürchtungen, ihren Zorn vielleicht, an etwas in der Geschichte festmachen. Ich mache oft Puppenspiele, Theaterstücke, damit Kinder nicht sich selbst hergeben müssen. - Das gilt für Erwachsene übrigens genauso.

Die Furche: Gibt es bei Ihnen keine Spannung zwischen Kirche als Institution und Glauben? In den Geschichten ist davon nichts zu spüren.

Mayer-Skumanz: Diese Spannung spüre ich stark. Ich muss mich auch dauernd damit auseinandersetzen, etwa in Gesprächen mit Freunden, die der Kirche fern stehen. Ich lasse diese Spannung aber nicht bis in meine Geschichten kommen. Da schreibe ich, was ich verantworten kann, was ich erzählen will. Und dabei fühle ich mich auf angenehme Art selbstständig.

Die Furche: Warum erzählen Sie eigentlich Ihre Geschichten?

Mayer-Skumanz: Ich will Geschichten erzählen, die mir und anderen Spaß machen, die Mut und Hoffnung vermitteln, die Rückenstütze geben. Ich will Geschichten erzählen, die fragen lassen - die Leute dazu bringen, Fragen zu stellen, nicht alles hinzunehmen, schon gar nicht, nur weil es wo geschrieben steht. Es gehört zu meiner Art des Schreibens, dass ich mich mit meiner Umgebung, mit allem, was ich erlebt habe, auseinandersetze. Und: Ich erzähle auch gern, einfach so. Kindern ebenso wie Erwachsenen; solchen, in denen man das Kind noch hervorlocken kann.

Die Furche: Welche Bedeutung können denn überhaupt das Schreiben, das Lesen haben?

Mayer-Skumanz: Wenn ich schreibe, ist es wichtig, in welcher Form, mit welcher Sprache, welchem Textaufbau ich welches Thema behandle. Poetik hat sehr viel mit ordentlichem Handwerk zu tun. Davon gehe ich aus, wenn ich über starke Gefühle erzähle, über Beziehungen des Menschen - zu einem Ding, einem Gegenstand ebenso wie zur Gottheit. Da ist es wichtig, die richtigen Wörter dafür zu finden. Wenn ich in meinem Kopf, in meiner Vorstellung ganz genau weiß, wie etwas aussieht, wie es sich anfühlt, wie es riecht oder schmeckt, so nützt mir das gar nichts, wenn ich nicht die richtigen Wörter finde, um dieselbe oder eine ähnliche Vorstellung bei meinen Lesern hervorzurufen. Und diese Sprache muss ich dann zum Klingen bringen, ihr den richtigen Rhythmus verleihen. Hier liegt sicher auch ein erzieherischer Aspekt in meinem Schreiben: Gefühle erkennen und sie beschreiben und ausdrücken lernen, ist für alle Menschen wichtig. Für Kinder und für Erwachsene. Wer gut streiten kann, der muss - vielleicht - nicht beißen. Da möchte ich zu einer positiven Entwicklung gerne etwas beitragen.

Das Gespräch führte Inge Cevela.

Die Erzählerin

Fabian, Xaverl, Jakob und Katharina, Tino und Tina: vielen Kindern sind sie längst gute Freunde geworden. Sie sind literarische Erfindungen von Lene Mayer-Skumanz. Sie hat mit ihnen aufgeweckte und nachdenkliche, engagierte und auch widerständige Kinder erschaffen, die mit ihren Fragen sich selbst wie auch ihre Eltern, ihre erwachsene Umgebung fordern. Was Mayer-Skumanz' Geschichten - um es mit einem etwas verpönten Wort zu sagen - so wertvoll macht, ist die Fähigkeit der Autorin, auftretende Zweifel nicht vorschnell niederzuschlagen, Fragen nicht eindimensional und rasch mit Antworten zu verstopfen. Wo andere mit erhobenem Zeigefinger zur Hand sind, lässt sie dem Gewissen Zeit. Als Ende der 1960er Jahre zu Recht ein Kahlschlag des "frömmelnden" Kinderschrifttums einsetzte, hat Lene Mayer-Skumanz ihre Karriere als Schriftstellerin begonnen: Sprache, Klang und Rhythmus waren von ihrem ersten Buch ("Ein Engel für Monika") an Werkzeug für eine neue religiöse Kinderliteratur, die sie wesentlich mit geschaffen hat. Seit vielen Jahren stehen ihre Bücher auf den nationalen und internationalen Preis- und Ehrenlisten. Sie schreibt Kinderkrimis, Erstkommuniongeschichten, Bilderbuchtexte, Lyrik und historische Erzählungen, sie entwirft Lebensbilder von biblischen Figuren. Das von der Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur in Kooperation mit der Furche veranstaltete Symposium "Spiritualität und Kinderliteratur" im Kardinal König-Haus (5.-6. November 2004) widmet sich auch der Bedeutung von Lene Mayer-Skumanz für die neue religiöse Kinderliteratur. Informationen für rasch Entschlossene: www.stube.at

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