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Kaum Nachfrage

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"Der Andrang hält sich in Grenzen", berichtet die Vizepräsidentin der Apothekerkammer über den angeblichen Boom von Viagra und Co.

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"Der Andrang hält sich in Grenzen", berichtet die Vizepräsidentin der Apothekerkammer über den angeblichen Boom von Viagra und Co.

dieFurche: Boomen Lifestyle-Pillen wie Viagra und der Schlankmacher Xenical in Österreich? Wie groß ist die Nachfrage?

Christiane Körner: Solange Viagra in Österreich noch nicht erhältlich war, gab es bei uns in den Apotheken eine große Nachfrage. Der Andrang hält sich jedoch jetzt in Grenzen. Denn Viagra ist nicht das Wundermittel, das sich viele erhofft haben. Das Medikament bringt nicht auf Knopfdruck die Glückseligkeit. Es müssen die äußeren Umstände auch bei der Einnahme von Viagra stimmen. Auch hat Viagra einige unangenehme Nebenwirkungen, etwa Sehstörungen. Für Menschen mit Herzproblemen ist Viagra sogar sehr bedenklich. Genauso wenig boomt Xenical, das Medikament gegen Fettleibigkeit. Es wird mehr über die Lifestyle-Pillen gesprochen und geschrieben. Eingenommen werden sie in Österreich eher selten.

dieFurche: Ist der Markt für Life-style-Medikamente gesättigt?

Körner: Nein, es sind weitere Appetitzügler in Entwicklung, die ein Glücksgefühl erzeugen. Auch kommen Präparate gegen schütteres Haar. Überdies wird viel auf dem Gebiet der Psychopharmaka geforscht. Pflanzliche Antidepressiva etwa sind verstärkt im Kommen. Sie haben sich bereits jahrzehntelang in der Volksmedizin bewährt und werden jetzt verstärkt erforscht und eingesetzt.

dieFurche: Sind Psychopharmaka für die Pharmaindustrie der Zukunftsmarkt?

Körner: Psychopharmaka sind ein großer Markt, aber nicht der größte. Herzmittel und neue Impfstoffe sind beispielsweise ebenfalls ständig in Weiterentwicklung. Es werden im Augenblick auch Impfungen gegen Krebs erforscht. Für die Zukunft wichtig werden Medikamente, die bei Erkrankungen, hervorgerufen durch Umwelteinflüsse, wirksam helfen. Etwa schleimlösende Präparate bei Lungenbeschwerden und Mittel gegen Asthma, da das zunimmt. Auch Arzneimittel gegen Allergien sind immer mehr gefragt.

dieFurche: Themenwechsel zu einem relativ neuen Problem für die Apothekerkammer. Der Vertrieb von Medikamenten via Internet nimmt immer mehr zu. Ist das ein Problem?

Körner: Der Handel via Internet steigt generell. Aus dem Internet kann man mittlerweile alles bestellen. Der Vertrieb von Medikamenten über das Internet ist bei uns aber absolut verboten, und das Gesundheitsministerium, die Ärzte und auch die Apothekerkammer lehnen das ab. Es ist wirklich gefährlich.

dieFurche: Welche Schritte unternehmen Sie gegen den Internethandel? Sind Sie hier nicht machtlos?

Körner: Wir können diese illegalen Vertriebswege lediglich aufspüren und geben diese Fälle dann an die Gerichte weiter. Wir haben für solche Fälle in der Apothekerkammer einen eigenen Juristen, der sich täglich mit diesen Dingen beschäftigt. Es ist aber schwer, eine Postkastenfirma zu klagen. Für den Patienten bedeutet das: wenn etwas passiert ist, dann kann er niemanden zur Verantwortung ziehen. Von einer Postkastenfirma können sie keine rechtlichen Konsequenzen erwarten.

dieFurche: Wenn sich jemand Medikamente aus dem Internet bestellt, ist das eine Art von Selbstmedikation. Selbstmedikation wird immer populärer. Was spricht dagegen, erprobte Medikamente wie Aspirin auch über das Internet zu vertreiben oder im Supermarkt zu verkaufen?

Körner: Gerade bei der Selbstmedikation ist der Apotheker gefragt und gefordert. Denn nur er kann sagen, ob und in welcher Form Wechsel- und Nebenwirkungen auftreten können, etwa wenn jemand mehrere Medikamente gleichzeitig nehmen muß. Als Laie können Sie das sicher nicht beurteilen.

dieFurche: In der Apotheke wird Aspirin aber meist auch ohne Beratung abgegeben. Wo ist hier der Unterschied?

Körner: Wenn kein Gefahrenpotential vorhanden wäre, dann könnte man Medikamente auch im Supermarkt vertreiben. Aber auch Aspirin kann bei falscher Anwendung großen Schaden zufügen. Vorsicht ist etwa in dem Fall geboten, wenn Medikamenten zur Blutverdünnung nach einem Schlaganfall gleichzeitig mit Aspirin eingenommen werden. Der Patient verblutet dann innerlich. Wir Apotheker haben in der Regel Stammkunden. Wir wissen daher, welche Medikamente der Kunde zusätzlich einnimmt. Das ist unsere Stärke. Dennoch muß ich hier sagen, daß im Prinzip immer die Frage vom Apotheker kommen sollte, ob noch weitere Medikamente eingenommen werden.

dieFurche: In Österreich ist, mehr als in anderen europäischen Staaten, die Zahl der rezeptfrei erhältlichen Medikamente eher gering. Die Verschreibungspflicht durch einen Arzt wird hier sehr streng gehandhabt. Wären Sie hier für eine Lockerung?

Körner: Eine Lockerung mit Maß und Ziel wäre sicherlich im Sinne des mündigen Konsumenten. Allerdings muß die Beratung immer gewährleistet sein. Es kann nicht so sein, daß wir von der Rezeptpflicht zur Rezeptfreiheit übergehen und in weiterer Folge Medikamente überall erhältlich sind. Ein völlig offener Zugang ist nicht wünschenswert. In den USA beispielsweise, wo der Arzneimittelverkauf nicht so streng gehandhabt wird und viele Pillen im Supermarkt angeboten werden, kommt es immer wieder zu Gesundheitsschäden durch falsche Einnahme. Pro Jahr muß für die "Reparatur" dieser Schäden rund 1.000 Milliarden Schilling aufgewendet werden. Umgerechnet auf Österreich wären das 35 Milliarden. Davon sind wir hier glücklicherweise weit entfernt.

Nächste Woche lesen Sie im Dossier: Österreich, Land der Vereine * Vereine als Spiegelbilder der Zivilgesellschaft * Motive für ein bürgerschaftliches Engagement im Verein * Verein und Familie

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