#Handke

Literaturnobelpreis für Peter Handke

Handke_1_jung - <strong>Peter Handke</strong><br />
In den 1960er Jahren begann seine Karriere als Schriftsteller­. - © picturedesk.com  / Harry Croner / Ullstein Bild
Feuilleton

Kein Bewohner des Elfenbeinturms

1945 1960 1980 2000 2020

Seit bekannt ist, dass Peter Handke den Nobelpreis erhält, wird viel diskutiert, oft ohne Fakten. Lothar Struck zeigt wichtige Spuren in Handkes Werk.

1945 1960 1980 2000 2020

Seit bekannt ist, dass Peter Handke den Nobelpreis erhält, wird viel diskutiert, oft ohne Fakten. Lothar Struck zeigt wichtige Spuren in Handkes Werk.

Zwei Mal war ich bei Peter Handke zu Besuch, 2014 und 2017. Es war um Mitternacht, als wir im November 2017 an der Station Chaville-Rive-Gauche standen. Ich hatte ein Zimmer im einzigen Hotel von Chaville gebucht (was, wie Handke mir versicherte, noch nie ein Besucher gemacht hatte – alle wollten immer in Paris übernachten). Hier trennten sich die Wege. Ich hatte noch zwanzig Minuten zu gehen; er rund fünf in die andere Richtung. Noch einmal bedankte ich mich für den schönen Abend und die Großzügigkeit. Ich hätte ihn doch erpresst, so Handke plötzlich, die schöne Stimmung scheinbar brechend. Ich hätte gesagt, dass ich kommen wollte, und da müsse man eben den Gast einladen. Schweigen. Grinsen. Sein Humor. Dann wies er mich, den Orientierungsidioten, noch einmal darauf hin, dass ich an einer bestimmten Stelle rechts bleiben müsse.

Es war ein heiterer Abend mit ihm und seiner Frau Sophie Semin. Irgendwann kam das Thema Nobelpreis auf. Das wäre doch was, „Nobelpreisträger Handke“. Er wurde verlegen, nur ganz kurz.

Jetzt aber ist es passiert: Peter Handke bekam den Literaturnobelpreis 2019 zugesprochen.

Er wollte schreiben

„Du brauchst dir über mich keine Sorgen machen, ich bin schon ziemlich zäh, und außerdem werde ich sicher weltberühmt.“ Das schrieb 1963 der 21-jährige Jurastudent Handke seiner Mutter aus Graz. Da stand schon fest: Er wollte Schriftsteller werden, oder, genauer: Er wollte schreiben. Erste Veröffentlichungen in der Kleinen Zeitung gab es schon. Und er arbeitete bereits an einem Manuskript.

Handke begann im Herbst 1961 mit dem Jurastudium in Graz. Schnell wurde er mit der Künstlervereinigung „Forum Stadtpark“ bekannt, einer losen Verbindung von vorwiegend, aber nicht ausschließlich sich avantgardistisch gebenden Schriftstellern.

Handke kam für sie aus der Provinz, aus Kärnten. Dennoch gelangen ihm Lebens-Freundschaften, unter anderem die intensivste mit Alfred Kolleritsch, dem Herausgeber der manuskripte. Ab November 1964 versuchte sich Handke als „Kritiker“ in der Rundfunksendung „Bücherecke“ bei Radio Steiermark. 300 Schilling für 15 Minuten. Insgesamt entstanden in knapp zwei Jahren 15 Sendungen; die letzte Sendung gab es im September 1966. Der zu Beginn 22-jährige Handke zeigte sich als kundig, kannte keine Berührungs­ängste, scheute auch Kritik an Autoren wie Elias Canetti, Stefan Zweig oder André Gide nicht und beschäftigte sich auch mit den intellektuellen Ikonen wie Adorno oder Marcuse.

1965 wurde das Manuskript „Die Hornissen“ von Suhrkamp angenommen. Das Buch erschien im Frühjahr 1966. Handke hatte Siegfried Unseld zuvor noch Manuskripte von Theaterstücken geschickt, darunter die „Publikumsbeschimpfung“. Knapp zwei Wochen nach dem Erscheinen teilte Unseld Handke brieflich mit, dass er eine Einladung zum Treffen der Gruppe 47 arrangiert habe. Damit war der Ritterschlag vollzogen. Seit 19 Jahren richtete Hans Werner Richter in einer Art Lesewerkstatt eine Zusammenkunft von Schriftstellern aus. Zum Zirkel gelangte man nur mit einer Einladung Richters, die dem Auserwählten (manchmal war es auch eine Auserwählte) per Postkarte zuging.

Bei der Gruppe 47

Aber die Gruppe war in die Jahre gekommen. Um nicht immer dieselben Protagonisten dabei zu haben, hörte Richter immer mehr auf die Einflüsterungen von Kritikern und Verlegern. Der ursprüngliche Werkstattcharakter, die konstruktive Beschäftigung mit den Texten, war verloren gegangen. Stattdessen gab es fast nur noch Geschmacks- und Gesinnungsurteile der Kritiker. Die großen Vier (Marcel Reich-Ranicki, Hans Meyer, Joachim Kaiser und Walter Jens) dominierten die Diskussionen. 1966 sollte die Gruppe 47 nicht in einem westdeutschen Landgasthof in der Provinz stattfinden, sondern – auf Einladung – in Princeton. In den USA. Das passte vielen nicht. Eine solche Veranstaltung in einem Land, welches in Vietnam Krieg führte? Es gab Absagen und Proteste vor Ort.