Kein Dialog auf Augenhöhe

Streit muss nicht unbedingt die negative Seite der Kommunikation sein. Es gibt die produktive Auseinandersetzung, an deren Ende eine Lösung und vielleicht sogar neue Einmütigkeit steht. Auch in der Kirche gilt das, schon in der Bibel lassen sich Beispiele finden. Etwa der Konflikt in der Urkirche um die Einordnung von Nichtjuden in die jungen Gemeinden: Mussten diese erst Juden werden oder nicht? Die Auseinandersetzung war heftig, bis das Ergebnis lautete: Sie mussten nicht.

Obige Geschichte sollte altbekannt sein. Aber an sie ist einmal mehr zu erinnern, richtet sich der Blick auf die aktuellen Auseinandersetzungen in der katholischen Kirche Österreichs - konkret auf den Streit zwischen der Pfarrer-Initiative und den Bischöfen, zuletzt personifiziert am Sprecher der Initiative, Helmut Schüller, und Kardinal Christoph Schönborn.

Mehr als 300 Pfarrer protestieren

Der Vergleich hinkt allerdings auch ein wenig, denn im zitierten Beispiel aus dem frühen Christentum ging es um eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe: Hier widerstand Paulus dem Petrus ins Angesicht, wie Ersterer im Galaterbrief schreibt.

Heute kann von solcher Gleichheit der Mittel für die Streitparteien keine Rede sein: Hier steht die Mega-Organisation katholische Kirche, die ihre Substanz zu bewahren sucht - und darunter vieles subsumiert, was gar nicht zu solcher Glaubensmitte gehört. Und dort reicht es immerhin mehr als 300 Pfarrern, den Spagat zwischen den Vorgaben der Kirchenleitung und der Realität in den Gemeinden, die in vielerlei Widerspruch dazu steht, weiter auszuhalten.

Man kann nicht genug betonen: Da sind keine Berufs-Protestler am Werk, sondern es brodelt in der Mitte der Kirche. Paul Zulehner nennt im FURCHE-Gespräch (Seite 19) die Pfarrer eine "Lesehilfe“ der Kirche für das, was an der Basis vorgeht. Es ist wirklich beklagenswert, dass sich die Kirchenleitung ebendieser Lesehilfe begibt und das längst vorhandene Schisma zwischen Kirchenspitze und Basis perpetuiert.

Man mag es undiplomatisch oder strategisch falsch nennen, was sich da im "Aufruf zum Ungehorsam“ der Pfarrer-Initiative angesammelt hat. Aber, um beim biblischen Beispiel zu bleiben: Auch die Diplomatie des Paulus hielt sich in engen Grenzen. Die Kirchenleitung wäre gut beraten, sich nicht mit Stilfragen und Reizwörtern wie "Ungehorsam“ herumzuschlagen, sondern an der Substanz des Konflikts zu arbeiten.

Der Fehler im System

Das Problem dieser Kirchen(leitungs)krise ist, dass die Gewichte zwischen Oben und Unten ungleich verteilt sind und ein Dialog "auf Augenhöhe“ hintangehalten wird. Das hat auch mit dem gegenwärtigen Zustand der katholischen Hierarchie zu tun: Kardinal Schönborn etwa ist nicht zu beneiden, denn er muss sich seit Jahr und Tag in einer Sandwich-Position zwischen den beharrenden Vorgaben Roms und den davon so abweichenden Realitäten und Notwendigkeiten in den Gemeinden herumschlagen.

Das ist ebenso unbequem wie unbefriedigend, liegt aber am System: Nur wer 100-prozentig hinter der römischen Kirchensicht steht, kann heutzutage hoffen, Bischof zu werden. Dabei lehrt doch die Kirche selber, die Bischöfe seien Nachfolger der Apostel. Und von daher müssten sie - siehe Urkirche - auch selbstbewusste Anwälte ihrer Ortskirche sein und im Fall des Falles auch Rom ins Angesicht widerstehen. Die Realität sieht ganz anders aus. Änderung ist nicht in Sicht.

Man kann - und soll! - natürlich aufs Wehen des Geistes in der Kirche hoffen. Vielleicht hat ein solches Lüfterl der katholischen Welt ja vor einem halben Jahrhundert den Konzilspapst Johannes XXIII. beschert. Man darf aber auch nicht naiv sein: Der gegenwärtige Mainstream des erstarrenden Bewahrens an der Kirchenspitze wird alles dazu tun, dass ein "Betriebsunfall“ wie dieser sich so schnell nicht wiederholt.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau