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Kein Ende im Wettbewerb der Kriegsopfer

Am 9. November 1993 wird Stari Most, die Brücke von Mostar, im Bosnien-Krieg zerstört. 15 Jahre danach erstrahlt das Bauwerk in neuem Glanz. Menschen-Brücken zwischen den einzelnen Volksgruppen gibt es hingegen fast keine. Der Balkan ist nach wie vor unversöhnt.

Mujo und Fata sind in Bosnien-Herzegowina so etwas wie Graf Bobby und Baron Mucki in Wien – zwei Witzfiguren: Eines Tages kommt Fata früher vom Markt nach Hause als erwartet und erwischt Mujo in flagranti mit einer anderen. „Betrügst du mich!“, schreit sie ihn an. „Aber nein, Fata, ich schwöre, nein“, sagt er. Sie wieder: „Sicher, du betrügst mich!“ Und er: „Ganz sicher nicht!“ Eine Zeit lang geht das so hin und her, bis Mujo sagt: „Liebste Fata, wem glaubst du mehr: mir oder deinen Augen?“

Mirsad Tokaca erzählt diesen Witz, bevor er eine todernste Frage stellt: Wem glauben wir mehr, wenn es um die Geschichte des Bosnien-Krieges geht – unseren Augen oder den Erzählungen von nationalistischen Politikern, instrumentalisierten Historikern und anderen Kriegs(v)erklärern? Tokaca hat sich für die Fakten, die man se- hen und zählen kann, entschieden. Denn „ohne Fakten“, sagt er, „gibt es keine Gerechtigkeit“ und „ohne Fakten gibt es keine Versöhnung“.

„Ohne Fakten keine Versöhnung!“

Tokaca war Anfang der Woche Gast in Wien und Vortragender beim Symposium „Umgang mit der Vergangenheit und Versöhnungsprozesse auf dem Westbalkan“. Und worauf er bei Aussöhnung und Heilung der Kriegswunden am meisten baut, ist die „Macht der Fakten“. Deswegen hat der Bosnier das Zentrum für Forschung und Dokumentation (RDC) in Sarajewo gegründet. Seit 2004 werden dort Daten, Fotos, Filme und Zeugenaussagen über die Kriegsverbrechen in Bosnien zwischen 1992 und 1995 zusammengetragen und für alle Bosnier zugänglich gemacht.

Nach wie vor ärgert sich Tokaca über die Aussage, die Carl Bildt, der erste Hohe Repräsentant für Bosnien-Herzegowina, bei seiner Amtseinführung vor mehr als zehn Jahren gemacht hat: „Vergessen Sie die Vergangenheit, schauen Sie in die Zukunft!“ Genau darin sieht Tokaca den gefährlichen Fehler, der in den letzten 50 und mehr Jahren in den Ländern Ex-Jugoslawiens gemacht worden ist und gemacht wird: „Die Vergangenheit, die wir heute ignorieren, kommt morgen als Bumerang zurück.“

Der RDC-Chef legt aber Wert darauf, dass sein Erinnerungszentrum nicht nur Gräueltaten sammelt und Verbrechen zählt, sondern auch positive Kriegsgeschichten, die von Zivilcourage und ethnische und religiöse Gruppen übergreifende Solidarität erzählen. Das eine wie das andere bildet zusammen ein „elektronisches Denkmal“, das „den ideologischen Zugang zur Erinnerung“ und politische Manipulationen mit der Geschichte unmöglich machen soll.

Keine gemeinsame Wahrheit

Denn solange der Wettbewerb zwischen den Kriegsopfern weitergeht und von den verschiedenen Seiten benutzt wird, solange es „unsere und ihre und seine und meine Wahrheit gibt“, sagt Tokaca, „aber keine gemeinsame Wahrheit über den Krieg, solange ist keine Aussöhnung möglich“.

Wolfgang Petritsch, ein weiterer Vortragender beim dieswöchigen Balkan-Symposium, erstellt einen ähnlichen Befund über den Versöhnungsprozess am Westbalkan: „Alles in allem“, sagt der österreichische Botschafter zu MilosÇevi´c-Zeiten und ehemalige Hohe Repräsentant für Bosnien-Herzegowina, sind die Ergebnisse bislang nicht sehr ermutigend.“ Petritsch verweist auf das Beispiel Spanien, wo es über 30 Jahre bis heute gedauert hat, das Hass-Erbe des Franco-Regimes aufzuarbeiten. Der Botschafter folgert daraus, dass Aussöhnungsprozesse eine Frage der Zeit sind – „nichtsdestotrotz, Zeit allein kann die Wunden nicht heilen.“ Ähnlich wie Tokaca spricht Petritsch auch von „den Geistern der Vergangenheit“. Diese werden die Balkan-Gesellschaften quälen, solange es nicht gelingt, die „ethnisch-nationalistischen Argumente“ zu widerlegen und das Misstrauen gegenüber „den anderen“, die angeblich schuld an allem früheren und jetzigen Übel sind, zu überwinden.

Kosovo: eingefrorener Konflikt?

Die einen und die anderen, wir und sie – neben Bosnien-Herzegowina und der Republika Srpska ist der Kosovo in den serbischen Norden und den albanisch dominierten Süden geteilt. Und „die tiefliegenden Gegensätze zwischen der albanischen Mehrheit und der serbischen Minderheit verhärten sich zunehmend zu einem institutionalisierten eingefrorenen Konflikt“, schreiben Vedran DzÇihi´c und Helmut Kramer, in ihrer aktuellen Studie Der Kosovo nach der Unabhängigkeit ( www.fes.de/ipa).

Die ehemalige kosovarische Außenministerin und heutige Parlamentarierin, Edita Tahiri, widerspricht auf dem Balkan-Symposium. Laut Tahiri gibt es diese Teilung nicht: Albanisch-kosovarische Abgeordnete würden mit ihren serbisch-kosovarischen Kollegen konstruktiv zusammenarbeiten – so übrigens auch der Tenor eines FURCHE-Lokalaugenscheins ein Monat nach der Unabhängigkeit des Kosovo im März dieses Jahres. Und die serbische Sprache, so Tahiri, sei in den Straßen des Kosovo wieder überall zu hören – da zeichnet besagte FURCHE-Reportage ein anderes Bild.

Der Bosnier Mirsad Tokaca ergänzt, dass er es leid ist, die Menschen und Ethnien am Westbalkan in Mehrheiten und Minderheiten einzuteilen: „Unsere Schwierigkeit ist die Wahrung der Menschenrechte allgemein und unser größtes Problem ist: Wir sind keine offene Gesellschaft. Wir sind von einem totalitären kommunistischen System in ein totalitär nationalistisches System übergewechselt.“

Was explizit den Kosovo, aber auch die Region darüber hinaus betrifft, mit starken Verflechtungen zwischen organisierter Kriminalität und Politik ergänzen die Studienautoren DzÇihi´c/Kramer: „Wie es scheint, ist der einzig profitable Wirtschaftszweig, in dem es auch vertrauensvolle Zusammenarbeit von Albanern und Serben gibt, die organisierte Kriminalität.“

Organisierte Kriminalität & Politik

Herointransit, Frauen- und Organhandel, Benzin- und Zigarettenschmuggel sowie Geldwäsche in „aus dem Boden schießenden Tankstellen“. Der Kosovo wird als Mafia-Eldorado schlechthin präsentiert. Wobei auch die von Erhard Busek vorgenommene Relativierung der Kriminalität im Kosovo nicht beruhigt. Der Ex-Sonderkoordinator für den Stabilitätspakt für Südosteuropa hat in einem Interview mit der Wiener Zeitung gemeint: „Ich traue mir nicht zu, einen Vergleich des Korruptionspegels zwischen Süditalien, Rumänien und dem Kosovo vorzunehmen. Hier wird sehr einseitig geurteilt.“

Nur, wie gerecht urteilen über organisierte Kriminalität? Über die undurchsichtige Rolle, die Vertreter von Internationalen Organisationen in diesem Geschäft spielen? Über die noch aus Kriegszeiten stammenden Verflechtungen und Dankbarkeiten zwischen Politik und dem organisierten Verbrechen? Wie auch immer die Antworten auf diese Fragen ausfallen, soweit haben DzÇihi´c/Kramer sicher recht: „Die Verknüpfung der Strukturen der organisierten Kriminalität mit den politischen Strukturen erweist sich als Hemmschuh für eine positive Entwicklung im Kosovo.“

Gegenwart wie Vergangenheit am Westbalkan leiden an „Multifunktionspersonen“, die gleichzeitig politische, wirtschaftliche und kriminelle Interessen verfolgen.

Ein gutes Beispiel dafür ist der von Carla del Ponte Anfang des Jahres erhobene Vorwurf, Kämpfer der kosovarischen Befreiungsarmee UCK hätten hunderten gefangenen Nicht-Albanern ihre inneren Organe entnommen und diese verkauft. Die serbische Seite sieht damit ihre Definition der UCK als Barbaren bestätigt, streut der früheren Chefanklägerin des Haager Kriegsverbrechertribunals (ICTY) erstmals Rosen und klagt sie gleichzeitig an, diese „Wahrheit“ nicht früher veröffentlicht zu haben. Die kosovarische Seite dementiert, Tirana und Den Haag schweigen.

Und das Schluss-Resümee von ICTY-Vertreter Refik HodzÇi´c beim Balkan-Symposium findet erneut seine Entsprechung in der Realität: „Kriegsopfer aus anderen ethnischen Gruppen werden geleugnet oder ignoriert. Die Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal wird als notwendiges Übel, aber nicht als Chance für die Zukunft angesehen. Und es gibt bis dato keinen von den politischen Führern initiierten und geförderten Versöhnungsprozess im früheren Jugoslawien.“

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