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Kein Gott schneller Lösungen

Über den langsamen, schwierigen Freiheitsprozess des wandernden Gottesvolkes Israel.

Alles Leben nimmt sich seine Zeit. Wir erleben darin ein Grundgesetz der Schöpfung. Von der Schöpfung dürfen wir auf ihren Schöpfer schließen. Wäre Gott Schöpfer schneller Lösungen, dann hätte er, unter Voraussetzung unseres Zeitempfindens, das Experiment Mensch längst abgebrochen. Denn die großen menschlichen Katastrophen ereignen sich vor allem auch dort, wo der Mensch keine Geduld aufbringen will und zur schnellen Lösung greift.

Schnelle Lösungen erhoffen wir uns vor allem, wenn der Leidensdruck zu groß wird. Wir wissen freilich, dass auch Heilungen ihre Zeit brauchen, vor allem, wenn wir nicht nur Symptome behandeln wollen, sondern die Not an der Wurzel erfassen.

Jüdische Theologen haben die Anfangsgeschichte Israels in der mythischen Beschreibung seiner Volkswerdung nach Ägypten zurückverlegt. Ausgangspunkt ist eine immer schwierigere Situation: Eine größer werdende Minderheit gerät unter immer größeren Druck einer Mehrheit, die sich durch diese Minderheit bedroht sieht. „Je mehr man sie aber unter Druck hielt, umso stärker vermehrten sie sich und breiteten sich aus, so dass die Ägypter vor ihnen das Grauen packte. Daher gingen sie hart gegen die Israeliten vor und machten sie zu Sklaven. Sie machten ihnen das Leben schwer durch harte Arbeit …“ (Ex 1,9-14). So wird die Ausgangssituation Israels im Buch Exodus beschrieben – und der Versuch des Pharao, das Problem schnell zu lösen.

Schwierige Situationen werden nicht immer sofort erfasst. Manchmal braucht es eine Weile, ehe Menschen begreifen, was da mit ihnen geschieht. Es sind prophetische Frauen und Männer mit dem klaren Blick des Kindes und der Weisheit des Alters, die sich nichts mehr vormachen lassen. Aber sie wissen um die Last dieser Berufung, ahnen die Mühsal, die auf sie zukommt, sobald sie sich einmischen in die bis dahin gut geölten Abläufe mit Herren und Sklaven.

Der biblische Text erzählt die Berufung des Mose zum Befreier seines Volkes. Auch das ist keine einfache Geschichte, weil biblischen Menschen von Gott Einspruchsrecht eingeräumt wird. Das von Seiten des Mose sehr widerspenstige Gespräch führt dazu, dass sich der Gott der Mütter und Väter in seiner Namenlosigkeit offenbart: Dieser Gott hat keinen Namen wie wir, er ist sein Name – so muss wohl die bekannte Aussage „Ich bin, der ich bin (da)“ gelesen werden. Er ist da. Bei seinem Volk. Jetzt in der Not. Dieses Da-sein Gottes ist sein unverwechselbarer Name. Aber was wäre das für eine Freiheit, die nicht langsam heranreift, was wäre das für eine Gottesbeziehung, die nicht errungen ist!

Zur oft nicht beabsichtigten „Entschleunigung“ des Weges in die Freiheit gehört die „Versuchung der schnellen Lösung“. Wenn nicht sofort die Lösung eines bestehenden Problems eintritt, dann resignieren viele und wollen bald/ in alte Abhängigkeiten zurückkehren. Sie versprechen ihnen zwar Sicherheit und Ordnung, können sie aber auf Dauer nicht geben.

Von der Gefahr des retardierenden Momentes der Rückwendung in scheinbar alte Sicherheiten erzählen sowohl die ersttestamentlichen wie auch die zweittestamentlichen Überlieferungen. Das Volk Israel sehnt sich bald nach den „Fleischtöpfen Ägyptens“ – oder jenen Babylons – zurück. Die dürftige Speise der Wüste sind die Menschen leid. Die Entscheidung steht an: in alte Herrschaftsstrukturen und Vorräte zurückzuweichen oder die Unsicherheit der Freiheit zu wagen. Die Freiheit wohnt in Zelten, nicht in Palästen, das ist der immerwährende Preis jedes neuen Lebensweges. Wer den zu zahlen nicht bereit ist, wird das erhoffte Ziel nie erreichen.

Die meisten, von den Historikern so genannten Revolutionen fanden ein Ende in einer neuen Form von Diktatur. Die „Knechte von gestern“ waren häufig die brutalen „Unterdrücker von morgen“, wie uns zurzeit viele afrikanische Staaten vorexerzieren. Und auch die „Demokratie der Demokratien“, die USA, zeigt in Gefangenenlagern, zu welch unmenschlichem System die darin enthaltene Militärdiktatur führen kann.

Ein kritischer Blick ist auch auf die christliche Religion und auf andere große Weltreligionen zu werfen. In ihren fundamentalistischen Strömungen – und die sind allen Religionen, den kleinen und großen, zu eigen – neigen sie immer zur Unmenschlichkeit, wenn sie mehr oder weniger laut, ihren Weg als den weltweit allein seligmachenden verstehen und durchzusetzen versuchen. Auch hier geht es irrtümlicherweise um Beschleunigung und nicht um Entschleunigung von Entwicklungen. Es ist immer wieder eine ängstliche Ungeduld, die zu neuen, versklavenden Verhältnissen führt. Die Geschichte der Menschheit und auch der Kirchen ist voll davon.

Ehe Israel die Wüstenzeit verlässt, um im Kulturland neuen Herausforderungen zu begegnen, empfängt es die „zehn Worte“, die Weisungen der Freiheit, eine Bundescharta, die Mose auf Augenhöhe von Gott auf dem Sinai empfängt. Sie wurde in Folge in neuen Situationen immer wieder neu ausgelegt./Jüdische Theologie hat sich nie – in Abwandlung eines Karl Rahner zugeschriebenen Wortes – daran festgehalten wie ein Betrunkener an einem Laternenpfahl. Es kam auf den Weg an, nicht auf die Weisungen, die einzig den Sinn hatten, Menschen auf dem Lebensweg zu halten, damit sie in der Wüste der Welt nicht irgendwo „versandeten“. /

Natürlich hat der Mensch die „Fähigkeit“, auch das Gesetz der Freiheit zu pervertieren, sich tatsächlich wie ein Betrunkener zu verhalten, der sich an einem Laternenpfahl schwankend festhält und alle beschimpft, die frei an ihm vorübergehen. Die Weisungen dienen dann nicht den Menschen, vielmehr müssen dann Menschen den Weisungen dienen; die Weisungen werden zum niederdrückenden Gesetz der Unfreiheit. So aber hat die jüdische und christliche Theologie die zehn Gebote vom Sinai in ihrer breiten Tradition nie verstanden. Und es waren prophetische Gestalten, die daran erinnert haben – nicht zuletzt der Prophet Jesus selbst: Es ist eine Weisung der Freiheit. In seiner Thora-Interpretation für seine Zeit fällt auf, dass er sehr menschenfreundlich und frei mit den Kult-Vorschriften (etwa zum Sabbat) umgeht, aber die ethischen Weisungen verschärft. Das wird ausdrücklich in seiner Entdämonisierung der Feinde deutlich, in seiner Thoralehre auch an Frauen, in seiner Begegnung mit Kranken und schließlich an seiner Vision, den Tempel in Jerusalem zu einem „Haus des Gebetes für alle Völker“ zu machen (Mk 11,17). Letzteres hat wohl auch zu seiner Hinrichtung geführt.

Entschleunigung ist kein Gesetz mit festgeschriebenem „Verfallsdatum“, es ist eine Lebenserfahrung, oft sehr schmerzlich, wenn wir glauben, eine Entwicklung sei schon reif für einen weiteren qualitativen Sprung.

Die Wüstenzeit war die Zeit der Entschleunigung eines gewaltigen Freiheitsprozesses, der auch, als das Nomadenvolk Israel das „verheißene Land“ erreicht hatte, nicht zu Ende war, nie zu Ende ist. Das Land, wo „Milch und Honig fließen“ (vgl. Dtn 6,1-3; 11,8-21) haben viele nicht erreicht. Denn auch die „Wüste“ kann zu einem Ort werden, der bindet, nicht freigibt, erneut zur Sklaverei wird, wenn die Angst vor dem Unbekannten zu groß wird. Dennoch, die biblischen Texte, so sehr sie warnen, machen Mut, sich auf das Neue einzulassen, denn das Land der Zukunft ist ein Land, „um das der Herr, dein Gott sich kümmert. Stets ruhen auf ihm die Augen des Herrn, deines Gottes, vom Anfang des Jahres bis zum Ende des Jahres“ (Dtn 11,12).

Wenn jüdische Gemeinden am letzten Tag des Laubhüttenfestes (Sukkot) das fünfte Buch Mose, das Deuteronomium, zu Ende gelesen haben, beginnen sie gleich wieder von vorne, im ersten Buch der Bibel, im Buch Genesis. Es gibt kein Ende in der Welt Gottes, es gibt immer einen Anfang, mag er noch so chaotisch sein. Über unserem Chaos, unserem nachtdunklen Tohu-wa-Bohu, steht immer Gottes schöpferisches Anfangs-Wort: Licht! Beide, Chaos und Kosmos, gehören zur Erfahrung des Gottesvolkes. Aus dieser Erfahrung haben sich die nachfolgenden Generationen Kraft geholt. So sind sie, im Glauben an eine trotz allem gesegnete Zukunft, aufgebrochen.

Mose starb an der Schwelle des verheißenen Landes, er selbst erreichte es nicht.

Alle, die großen und kleinen Prophetinnen und Propheten einer humaneren Welt und Religion, starben mit einer Sehnsucht, die auf eine Zukunft ausgreift, deren Vollendung/aussteht. Die großen, charismatischen Menschen warten damit auf ihre konkrete Erlösung. Insofern sind wir noch in einer Wüstenzeit, deren Ende nicht abzusehen ist.

Insofern ist Entschleunigung ein Gesetz visionärer Geschichte, Gottes Geschichte mit uns. An sie zu glauben setzt den Glauben an die Kraft des Senfkorns voraus. Doch schon die Erinnerung, dass es anders sein könnte, dass jede Geschichte vor einem Horizont spielt, der ein helleres Dahinter hat, macht Mut weiter zu gehen. Es ist ein lebenswerter Horizont, hinter dem wir mit dem Juden Jesus, dem Christus des Glaubens, ein Land sehen, das eine gemeinsame Zukunft von Menschen und Gott verheißt. – Oder es gibt dieses Land für keinen!

Der Autor ist Theologe und lebt in Mönchen-Gladbach.

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