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Kein harmloses Erzählen

Der spanische Schriftsteller Javier Marías erhält den diesjährigen Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Seine Romane sind ausschweifende literarische Denkwege.

"Heutzutage fragt sich jeder, was einen Serien- oder Massenmörder dazu bringt, massiv oder serienweise zu morden, einen Sammler von Vergewaltigungen dazu, seine Sammlung ständig zu erweitern, einen Terroristen dazu, alle Leben im Namen irgendeiner primitiven Sache zu mißachten und eine größtmögliche Anzahl davon zu vernichten, einen Tyrannen dazu, grenzenlos zu tyrannisieren, einen Folterer dazu, grenzenlos zu foltern, ob er es nun bürokratisch tut oder sadistisch. Es herrscht ein obsessives Interesse daran, das Abscheuliche zu begreifen, im Grunde ist es eine krankhafte Faszination, und den Abscheulichen tut man damit einen riesigen Gefallen.“ Der das sagt, nämlich der Vater des Protagonisten in Javier Marías’ Roman "Dein Gesicht morgen“, war einst einem franquistischen Prozess und jahrelangen Repressalien ausgesetzt. Ein guter Freund hatte ihn verleumdet. Im Gespräch mit dem Vater meint der Sohn, er selbst hätte wohl später versucht, sich an diesem "Freund“ zu rächen, und er fragt, warum der Vater dies nicht getan habe. Durch Rache hätte er ihm "eine Art Rechtfertigung a posteriori gegeben, einen falschen Halt, einen anachronistischen Grund für sein Handeln“, erklärt der Vater.

Erzählen und Erkennen

In seinem dreibändigen Romanwerk "Dein Gesicht morgen“ hat Javier Marías seinem Vater, dem Philosophen Julián Marías Aguilera, ein literarisches Denkmal gesetzt. In diesem gigantischen Opus, insgesamt umfasst es über 1600 Seiten, stellt Marías auf unverkennbare Art, nämlich mittels ausschweifenden, literarischen Denkens, Fragen nach den Möglichkeiten des Erzählens und Erkennens. Etwa: Wozu ist ein Mensch fähig, kann man ihm das ansehen, kann man sein Gesicht morgen voraussagen, erfinden?

Der Weg, den dieses literarische Denken nimmt, führt über die Sprache - es ist kein Zufall, dass Marías Figuren oft Dolmetscher sind, so auch Jaime Deza, die Hauptfigur in "Dein Gesicht morgen“ - und über das Erzählen, das nicht harmlos ist: "In Wirklichkeit sollte man niemals etwas erzählen“. Aber auch Schweigen kann töten.

Der Ich-Erzähler Jaime Deza, auch Jago, Jacobo, Jack, Jacques genannt, arbeitet beim britischen Geheimdienst. Seine Aufgabe besteht darin, "zuzuhören und aufzupassen und zu deuten und zu erzählen, darin, Verhaltensweisen, Fähigkeiten, Charakterzüge und Skrupel, Abneigungen und Überzeugungen, den Egoismus, Ambitionen, Bedingungslosigkeiten, Schwächen, Stärken, Wahrhaftigkeiten und Mißbilligungen zu entziffern; Unentschiedenheiten. Ich deutete - in drei Worten - Geschichten, Menschen, Leben.“

Jaime hat die Gabe, das "Gesicht morgen“ zu sehen, alles sei erkennbar, man müsse es nur genau anschauen, schon sehe man die Geschichte. "Einige von uns hat man dafür bezahlt, für das Erzählen und Hören und das Ordnen und Erzählen. Für das Festhalten und Beobachten und Auswählen. Für das Ausforschen, Aufbereiten, Erinnern. Für das Interpretieren und Übersetzen und Anstiften. Für das Zungelösen und das Überzeugen und das Verdrehen. (Mich hat man bezahlt für das Erzählen dessen, was noch nicht war oder gewesen war, für das Erzählen des Künftigen und Wahrscheinlichen oder nur Möglichen - die Hypothese -, das heißt, für das Erahnen und Vorstellen und Erfinden; und für das entsprechende Überzeugen.)“

Diese Gabe ist auch ein Fluch, das wird im ersten Band schon angedeutet. Am Ende wird Jaime mit den Folgen seines Erzählens konfrontiert: Was er ausgesprochen hat, wird wirklich. Zudem wird er zum Mitwisser einer Gewalttat, dann sogar selbst Täter.

Marías führt in den Spanischen Bürgerkrieg und an zahlreiche Orte (und Zeiten), wo Menschen verraten, verkauft, gefoltert und ermordet wurden und werden. Jaime sieht Videos des Geheimdienstes, die Gewalttaten dokumentieren. Sie werden nicht archiviert, um die (meist prominenten) Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen, sondern um etwas gegen sie in der Hand zu haben. "Der Staat braucht den Verrat, die Käuflichkeit, den Betrug, das Verbrechen …“

Gift in Kopf und Herz

Satz für Satz - oft ist ein Satz seitenlang - nimmt Marías den Leser mit in seine Denkschleifen und träufelt ihm dabei auch Gift in Kopf und Herz, lässt Sicherheiten schwinden; "Wie begreiflich ist es, daß wir fast alle übergehen, was wir erblicken und erraten und vorwegnehmen und wittern, und daß wir in den Abfalleimer der Einbildungen werfen, was uns für einen Augenblick klar erscheint, bevor es sich in unserer Seele festsetzen kann und sie uns für alle Zeit verstört hinterläßt, und so ist nichts Besonderes daran, daß wir nicht bereit sind, irgendein Gesicht zu erkennen, weder heute noch morgen noch gestern.“

Spannung in gedehnter Zeit

Die Plots hätten das Zeug für Spionageromane, doch Marías steht anderes im Sinn als Action: Er arbeitet mit Spannung, dehnt aber die Zeit. Selbst jene Szene in Band 2, in der Jaime fürchtet, einer Hinrichtung auf einer Toilette beizuwohnen, wird über viele Seiten gestreckt. Marcel Proust lässt grüßen und mit ihm die gar nicht verlorene Zeit, aber auch die Ausschweifungen eines Laurence Sterne (Marías hatte dessen "Tristram Shandy“ übersetzt). Cervantes und Shakespeare haben sich auf ihre Weise mit den Abgründen des Menschen beschäftigt und ihre Spuren in Marías Werken hinterlassen. (Jaime wird nicht zufällig Jago genannt und sinniert über den Satz: "Ich bin nicht, der ich bin“.) Der Autor greift aber auch Figuren und Motive aus seinen eigenen Romanen auf, etwa aus "Mein Herz so weiß“, mit dem er den Durchbruch zum deutschsprachigen Lesepublikum schaffte. Im "Literarischen Quartett“ erklärte ihn Marcel Reich-Ranicki am 13. Juni 1996 zu einem "der größten lebenden Schriftsteller der Welt“, den Roman hielt er für ein "geniales Buch“, es solle "auf Platz eins der Bestseller-Liste landen“, denn "ein vergleichbares Meisterwerk ist nicht zu haben“. Reich-Ranickis Wort wurde Wirklichkeit.

Am 30. Juli 2011 wird Marías in Salzburg den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur erhalten. Die Jury verwies auf sein erzählerisches Werk "von wahrhaft europäischer Dimension“, "in dem sich die Reflexion über die abgründige Menschennatur mit dem Nachdenken über Moral, Geschichte und Politik verbindet. Seine hybriden Roman-Gebilde sind zugleich metaphysische Epen und moralische Tiefenbohrungen - Untersuchungen über das Böse, über die Grausamkeit des Menschen und seine Freiheit, immer im Kontext der europäischen Geschichte.“

Unter den vielen Motiven, die sich durch das Romanwerk weben, erinnert eines an Kohelet: Alles hat seine Zeit, um geglaubt zu werden. "Die Leute glauben, was sie glauben wollen … Jeder ist bereit, den Blick abzuwenden und sich ablenken zu lassen, zu leugnen, was er vor Augen hat, nichts von dem zu hören, was geschrien wird, und zu behaupten, es gebe gar kein Geschrei, sondern eine gewaltige, friedliche Stille …“

Javier Marías 1951 in Madrid geboren, verbrachte der spanische Autor seine Kindheit teilweise in den USA. In Madrid studierte er Literaturwissenschaft und Philosophie, in Oxford lehrte er spanische Literatur und Übersetzung. Zu seinen bekanntesten Romanen gehören "Mein Herz so weiß“ (1992), "Morgen in der Schlacht denk an mich“ (1994) und der Roman in drei Bänden "Dein Gesicht morgen“ (2002 - 2007).

Dein Gesicht morgen

Fieber und Lanze. Tanz und Traum. Gift und Schatten und Abschied. Roman von Javier Marías. Klett-Cotta 2004, 2006, 2010. 488, 429, 730 S. geb.,e 25,70, e 24,70, e 30,80

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