Digital In Arbeit

Kein Stil, kein System, keine Richtung

Die Albertina in Wien widmet dem deutschen Maler Gerhard Richter eine Retrospektive und gibt Einblicke in die großen Werkblöcke seines vielfältigen Œuvres. Es zeigt sich, dass Richters Schaffen zwischen Fotorealismus und dezidierter Ungenauigkeit pendelt.

Es ist ganz offensichtlich, Gerhard Richter ist ein Grenzgänger. Die Bilder des nicht nur monetär ständig in Spitzenpositionen auftauchenden Malers aus dem Post Wall-Europa changieren zwischen verschwimmender Fotorealistik und ungegenständlich auf Leinwand und Papier gesetzter Materialerkundung. Desgleichen erzählt seine Biografie davon, dass er die Mauer einst überschritten hat und seitdem den innerdeutschen Ost-West-Dialog in einer eigenwilligen künstlerischen Weise als Nebenerscheinung pflegt.

Die aktuelle Retrospektive in der Albertina bietet Einblicke in die großen Werkblöcke der gegenständlichen sowie der ungegenständlichen Malerei, der Aquarelle und der Zeichnungen im Gesamtœuvre von Gerhard Richter.

Von der DDR in die BRD

Der 1932 geborene Künstler studierte nach einer Ausbildung zum Werbemaler an der Kunstakademie in Dresden, wo er dann als Meisterschüler einige Staatsaufträge für die DDR ausführte. Im Februar 1961 setzte sich Richter in die BRD ab und studierte bis 1964 an der Kunstakademie in Düsseldorf, arbeitete dann einige Jahre als Kunsterzieher, wurde 1971 an seiner Ausbildungsstätte mit einer Professur für Malerei betraut und lehrte bis 1993.

Während viele seiner Arbeiten, die in der DDR entstanden sind, zerstört oder im Falle von Wandarbeiten übermalt sind, haben die späteren Arbeiten Eingang in alle wichtigen Museen weltweit gefunden und erzielen bei Auktionen mit Werken lebender Künstler die höchsten Summen, und auch die Liste der Preise, die der seit 1984 in Köln lebende Maler verliehen bekam, kann sich sehen lassen.

In der ersten Hälfte der 1960er Jahre erfand Richter gemeinsam mit Sigmar Polke, Konrad Lueg und Manfred Kuttner den „Kapitalistischen Realismus“. Damit nahmen die vier Künstler einmal den offiziellen Malstil in den Ländern des sogenannten Ostblocks, den Sozialistischen Realismus aufs Korn, bezogen aber gleichzeitig auch eine kritische Haltung gegenüber der westlichen Konsumgesellschaft. Ab 1962 stellt Richter seinen „Atlas“ zusammen, eine Sammlung von Zeitungsausschnitten, Fotografien, Landschaften, Stillleben und historischen Stoffen, auf die er bis heute oftmals als Vorlage für seine Malereien zurückgreift.

Viele Motive daraus überträgt er in Vergrößerung auf die Leinwand, wobei zumeist Grau- und Weißtöne seine Farbpalette bestimmen. Perfekt gemalt, verpasst Richter seinen Sujets aber verschwommene Konturen, die zwar den abgebildeten Gegenstand erkennen lassen, gleichzeitig aber eine eindeutige Festlegung verweigern. Das, was aus dem fixen Standpunkt des Fotoapparates eine klare Umrisslinie ergibt und damit dem betreffenden Gegenstand im Feld unserer Sehgewohnheiten seine ihm typische Gestalt verleiht, wird bewusst „vernebelt“.

Eine Momentaufnahme, die suggeriert, dass es diese klaren Konturen auch in der sogenannten Wirklichkeit gebe, darf für Richter ganz offensichtlich nicht in den Status von einer Definition verpflanzt werden. Dafür weiß er viel zu genau, dass diese Begrenzungslinie mit dem Wechsel des Standpunktes weiterwandert und sich als eine fiktive, erfundene Linie entpuppt.

Dem Zufall verdankt

Es entspricht daher der Konsequenz im gesamten Schaffen von Gerhard Richter, dass man parallel zum verschwimmenden Fotorealismus auch auf dezidierte Ungegenständlichkeit stößt. In einem langen Schaffensprozess entstanden, verdanken diese Arbeiten nach Richters Aussage viel dem Zufall, aber es bleibt immer ein von seiner Hand gesteuerter Zufall, der dann in mehreren Schichten und Überlagerungen Farbräume erzeugt, die ebenso grenzgängerisch offen bleiben wie die naturalistischeren Arbeiten.

Richters Strategie, sich keinem System, keiner Richtung, keinem Stil und keinem Programm zu verschreiben, führte zu einem Werk, in dem Bilder sich zu jener Bildmächtigkeit verdichten, dass allzu viel Nachrede darüber Gefahr läuft, automatisch zum Störfaktor zu werden.

Gerhard Richter

Albertina Wien,

Albertinaplatz 1, 1010 Wien

bis 3. Mai 2009, täglich 10–18, Mi 10–21 Uhr,

2 Kataloge, jeweils herausgegeben von Barbara Steffen und Klaus Albrecht Schröder, einzeln E 24,90, zusammen E 39.-

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau