Kein Stück haben und Theater machen

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Nach vier Jahren Unterbrechung kehrt René Pollesch mit der Uraufführung von "Carol Reed" ans Wiener Akademietheater zurück - ohne Bühnenbild und ohne Carol Reed. Der Kultregisseur bedient sich dabei wieder des Films als Referenzpunkt für seine Theaterarbeit.

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Nach vier Jahren Unterbrechung kehrt René Pollesch mit der Uraufführung von "Carol Reed" ans Wiener Akademietheater zurück - ohne Bühnenbild und ohne Carol Reed. Der Kultregisseur bedient sich dabei wieder des Films als Referenzpunkt für seine Theaterarbeit.

Was passiert, wenn ein Autor/Regisseur mit einem Theater zwar eine Abmachung für ein neues Stück hat, aber eigentlich über keine Idee dazu verfügt? Na klar, er macht genau diese Ausgangssituation zum Thema des Stückes.

So ungefähr könnte es sich zwischen René Pollesch und dem Burgtheater im Vorfeld zu "Carol Reed" zugetragen haben. Einerseits ist verständlich, dass auch Karin Bergmann während ihrer Intendanz den in Wien regelmäßig und gern gesehenen Kult-Autor-Regisseur auf ihrem Spielplan sehen möchte. Ebenso Verständnis kann man dafür haben, dass der meist beschäftigte Vertreter des postdramatischen Theaters - nach über hundert Stücken, die der bald 55-Jährige dem deutschen Theater mittlerweile geschenkt hat - für seine achte Arbeit in Wien gerade kein fertiges Werk in der Schublade zur Verfügung hat. Aber Pollesch wäre nicht Pollesch, würde er aus dieser Not nicht eine Tugend machen und mit dieser Vorgabe ein Stück basteln. Dabei bedient er sich eines Tricks, der wohl einfach nur ihm einfallen kann. Um sein Stück anzukurbeln, entlehnt er den von Alfred Hitchcock geprägten Begriff des MacGuffin - der in der Filmtheorie Objekte oder Personen bezeichnet, die in einem Film meist dazu dienen, die Handlung auszulösen oder voranzutreiben, ohne selbst aber von besonderem Nutzen zu sein.

Und das geht so: Nach dem Vorspiel, dem "Tanz" dreier Lichtbrücken auf einer bis auf die Brandmauern nackten, also leeren Bühne stakt Martin Wuttke in elegantem Smoking herein und hechelt aufgeregt "Mon dieu! Wo ist denn das Bühnenbild!". Madame Brack (gemeint ist die Bühnenbildnerin Katrin Brack) hat nämlich -so erfahren wir von der im rosa Tüll-Tutu hereinstürmenden, nicht minder entrüsteten Birgit Minichmayr - das Bühnenbild mitgenommen.

Kunstvoll geschachtelt

Selbstverständlich stellt das abwesende Bühnenbild einer jener von Pollesch so geliebten paradoxalen Verschlaufungen dar, denn auch eine leere Bühne ist ein Bühnenbild. Statt ein großes Drama entwickelt sich wegen des abwesenden Bühnenbilds ein munteres, auf diversen Metaebenen, kunstvoll ineinander geschachteltes Konversationsstück ohne jegliche Handlung, ohne tieferen Ernst und höhere Bedeutung.

Was das Stück, dem das Stück wegen des fehlenden Bühnenbildes abhanden gekommen ist, trotzdem zu einem kurzweiligen Vergnügen macht, ist die virtuose Schauspielkunst der vier Darsteller, Irina Sulaver und Tino Hillebrand komplettieren das Quartett.

Man tut allerdings gut daran, auf den Versuch, einen Sinn zu finden im Lamentieren über Repräsentation, Bedeutung, Glück und Liebe und was noch alles an Diskursen, selbstreflexiven Volten, Zitaten und Querverweisen Pollesch seinen Akteuren in den Mund legt, von Vornherein zu verzichten. Auch als der Abend mit der Szene, in der sich die vier in bunten Raumanzügen gekleidet, einen riesigen Joint rauchend, in Zeitlupe durch die Nebelschwaden rollen, ein wenig Handlung bekommt, bleibt das für das Verständnis unbedeutend. Stattdessen sollte sich der Zuschauer seinem Assoziationsstrom überlassen. Denn der oft doch immer noch überraschende Nonsens hat nur Tautologie vor, will also nichts als Narretei sein. Und wem's zu schnell geht, der kann sich bei Pollesch immer noch darauf verlassen, dass ganze Textfetzen von einer anderen Figur eine virtuose Wiederholung erfahren, ohne dass es dadurch verständlicher oder sinnvoller würde.

Bedeutungsmotörchen

Selbst der Titel des Stückes ist ein Fake. Denn um Carol Reed, geht es gar nicht. Er fungiert alsRed Herring, wieder ein für Pollesch so typischer Verweis. Als falsche Fährte ist er einerseits eine Reverenz an Wien und Reeds berühmten Film "Der dritte Mann" und andererseits ist der Stückname selbst ein MacGuffin, der das Interpretations-und Bedeutungsmotörchen im Zuschauer munter am Laufen hält.

Carol Reed Akademietheater 8., 21. Mai, 1. Juni

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