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"Keine Interviews geben"

Zum 100. Geburtstag von Samuel Beckett: Zwei unveröffentlichte Briefe und ihr Kontext.

Auf den 28. Oktober 1960, einen Freitag, war im Pariser Théâtre de Lutèce die Frankreich-Premiere von Max Frischs "Monsieur Bonhomme et les Incendiaires" angesetzt. Das bewog Siegfried Unseld, der damals gerade etwas mehr als ein Jahr lang den Suhrkamp Verlag leitete, zu einem Parisaufenthalt, um einige Vorhaben voranzutreiben. Er konnte Samuel Beckett einige Projekte vortragen, ihn mit dem anderen Suhrkamp-Autor, Max Frisch, bekanntmachen und prospektive Autoren des Verlags (etwa den Büchner-Preisträger des Jahres 1960: Paul Celan) aufsuchen. Die deutsche Übersetzung von "Warten auf Godot" (1953; das Faksimile eines Beckett'schen Handexemplars dieses Stücks ist soeben erschienen) hatte Peter Suhrkamp in Auftrag gegeben, und Beckett zählte für Unseld seit ihrer ersten Begegnung 1956 zu den wichtigsten Verlagsautoren und Gesprächspartnern.

Beckett und Max Frisch

Zunächst fragte Unseld deshalb am 6. Oktober Max Frisch, ob er bei der Pariser Erstaufführung seines "Biedermann und die Brandstifter" anwesend sein werde. Zugleich erkundigte er sich brieflich, wie immer auf Deutsch, bei Beckett, welcher Tag und welcher Ort ihm für ein Gespräch, bei dem auch Frisch anwesend sein könne, zusage. Nachdem Beckett Sonntag, den 30. Oktober, als ihm genehmen Termin genannt und einem Treffen zu dritt zugestimmt hatte, schrieb Unseld nun wiederum an Frisch, der sein Kommen angekündigt hatte, unter dem Datum des 17. Oktober:

Am Sonntag nachmittag um 18.00 Uhr werde ich in Paris mit Beckett zusammentreffen. Er würde sich sehr freuen, Sie kennenzulernen. Wir könnten gemeinsam zu diesem Rendezvous in der Closerie des Lilas gehen.

Max Frisch nahm das Angebot an, so dass Unseld Beckett am 21. Oktober mitteilen konnte:

Verehrter, lieber Herr Beckett, Max Frisch stimmte erfreut zu. Wir werden uns also am Sonntag um 18. 00 Uhr in der Closerie des Lilas einfinden. Max Frisch wird von Ingeborg Bachmann begleitet; sicher werden Sie sie auch gern kennenlernen wollen. Sie wissen sicher, daß am 28. Oktober die Premiere von Frischs Stück "Biedermann und die Brandstifter" stattfindet. Hätten Sie nicht Lust hinzuzukommen?

Nachdem Beckett, wie immer auf Französisch, mit dem hier zum ersten Mal veröffentlichten Brief die Vereinbarung bestätigt hatte, stand einer Vierer-Begegnung nichts mehr im Wege. Zumal Paris für Ingeborg Bachmann und Max Frisch, wie wir heute wissen, auch aus einem ganz privaten Grund anziehend war: Die beiden hatten sich dort am 3. Juli 1958 kennen gelernt und waren ein Paar geworden - übrigens bei einem Gastspiel des Schauspielhauses Zürich mit "Biedermann" (so inszeniert sich das Leben).

Die Erstaufführung dieses "Lehrstücks ohne Lehre" (Regie: Jean-Marie Serreau, der auch den Biedermann spielte) in Frankreich erlebte dessen Verfasser als die pure Aneinanderreihung von Demütigungen. Siegfried Unseld hielt fest:

Das Treffen mit Gallimard und Mascolo [dem französischen Verleger von Max Frisch und dem zuständigen Lektor] ist schief gegangen; die Herren haben sich nicht gemeldet. [...] Die Aufführung begann mit einem Eklat. Frisch hatte sie verboten, weil die Proben völlig unzureichend waren. [...] Frisch war aus Zorn über Serreau nicht zur Premiere erschienen. Dann ging auch noch ein Interview mit "Le Monde" schief, und Frisch reiste etwas enttäuscht am Samstag ab.

Da Ingeborg Bachmann mit Frisch abreiste, ging Unseld allein zu der Verabredung. Man verständigte sich auf Englisch:

Das Gespräch begann zunächst bei einem Tee in der Closerie des Lilas und wurde dann fortgesetzt bei einem Abendessen in einem Restaurant am Kleinen Montparnasse. Schließlich fuhren wir noch in der Nacht nach Malmaison zu Tophoven [der deutsche Übersetzer von Beckett]. Es war ein höchst interessanter Abend, an dem Beckett auch einmal ganz aus sich herausging und auch von seinen politischen Einsichten sprach. Was meine doppelte Bitte betraf, so lehnte er es ab, auf Schallplatte oder Band zu sprechen; er möchte seine Stimme nicht konserviert sehen. Dafür erfüllte er meine Bitte, zu unserem Beckett-Abend zu kommen, freilich unter der Bedingung, daß er selber nichts vorlesen müßte; denn dazu sei er nicht imstande, im Angesicht des Publikums versage er völlig. - Beckett wird am 25. Februar [1961] ohnehin nach Bielefeld fahren, wo die Premiere der Oper "Das letzte Band" (Musik von [Marcel] Mihailovici) stattfinden wird. Wir müssen unseren Abend also kurz zuvor oder kurz danach legen. Dies ist mit Adorno zu besprechen.

Mit Theodor W. Adorno musste gesprochen werden, sollte er doch, da der Hauptakteur dieser vom Verlag veranstalteten "Hommage à Samuel Beckett" im Cantate-Saal in Frankfurt am Main stumm bleiben wollte, der redende Ko-Hauptakteur sein. Das Resultat der Unterredungen hielt Unseld am 3. November in einem Brief an Beckett fest:

Der Termin für den Beckett-Abend ist jetzt festgesetzt. Es ist der 27. Februar. Ich hoffe, daß dieser Tag Ihnen angenehm sein wird. Sie können dann erst an der Bielefelder Premiere teilnehmen und danach in Ruhe nach Frankfurt reisen. Wenn es Ihnen recht ist, komme ich selbst auch zur Premiere nach Bielefeld und nehme Sie dann in meinem Citroen nach Frankfurt mit. Professor Adorno war sehr erfreut, von mir zu hören, daß Sie an dem Abend in Frankfurt anwesend sein werden.

Beckett und Adorno

Darauf antwortete Beckett mit dem auf der folgenden Seite ebenfalls faksimilierten erstveröffentlichten Brief vom 6. November aus Ussy-sur-Marne, einem kleinen Ort etwa 50 km östlich von Paris, in dem er 1953 ein kleines Landhaus als Schreibrefugium gebaut hatte. Nachdem Unseld am 14. desselben Monats Beckett schriftlich beruhigt hatte - Seien Sie ohne Sorge, wir werden Ihnen in Frankfurt nichts zumuten, das Sie sich nicht selbst wünschen. Ich versichere Ihnen nochmals, Sie werden an jenem Abend nicht zu einer öffentlichen Lesung aufgefordert werden und nur als "verdienter Zuschauer" teilzunehmen haben. -, verlief alles nach Plan.

An besagtem Montag trug Adorno seinen kurze Zeit später (in "Noten zur Literatur II") veröffentlichten "Versuch, das ,Endspiel' zu verstehen" vor, bevor Elmar Tophoven Passagen aus Becketts damals unveröffentlichtem Roman "Mercier und Camier" las. Beckett bedankte sich danach bei den Vortragenden des Abends. Ob er sich über das ihm von Adorno gewidmete Exemplar der Rede freute, wissen wir nicht. Denn Unseld berichtet über das gemeinsame Mittagessen und den Abend dieses Montags:

Adorno entwickelte unvermittelt seine Vorstellung von der Etymologie und Philosophie und Bedeutung der Namen bei Beckett. Und Adorno bestand darauf, daß "Hamm" sich von "Hamlet" herleitet. [...] Beckett sagte: "Tut mir leid, Professor, aber an Hamlet habe ich nicht gedacht, als ich den Namen erfand." [...] Am Abend hielt Adorno seine Rede und wies natürlich auf die Herleitung des "Hamm" von "Hamlet" hin. Beckett hörte sich das geduldig an. Doch danach flüsterte er mir ins Ohr: "Das ist der Fortschritt der Wissenschaft, daß die Professoren mit ihren Irrtümern weitermachen können!"

Zum letzten Mal begegneten sich Samuel Beckett und Siegfried Unseld - zwischen 1960 und 1989 trafen sich die beiden mehr als zwei Dutzend Mal - im März 1989, neun Monate vor Becketts Tod, in einer Art Altersheim mit dem sprechenden Namen "Le Tiers Temps" (Die dritte Zeit):

Beckett war noch schlanker, noch hagerer, noch dürrer geworden. Der Kopf, wie noch gewachsen, thronte überlebensgroß auf dem schmächtigen Körper. Jetzt nahm ich auch das Zimmerchen wahr: vier auf vier oder fünf auf fünf Meter, eine Pritsche, ein Spind, ein Bücherregal, ein wackliger Tisch, drei Stühle, in der Ecke ein Atmungsgerät. [...] Unser Gespräch lief anders als sonst, mühsamer, bemühter. Wir sprachen wie bei unsren ersten Begegnungen Englisch; Deutsch zu sprechen falle ihm jetzt immer schwerer. Doch seine freundliche Neugier war vorhanden: Was macht der Verlag? Wie geht es Max Frisch? [...] Ich würde wiederkommen, sagte ich zu Beckett. Er: Siegfried, wir werden uns wahrscheinlich nicht wiedersehen. Er fühle sich zu schwach. "There will be an end".

Der Autor ist Lektor im Suhrkamp Verlag und übersetzte auch die beiden Briefe von Samuel Beckett.

Buchtipps

Nacht und Träume

Gesammelte kurze Stücke

Von Samuel Beckett. Aus d. Französ. u. Engl. v. Erika u. Elmar

Tophoven. 359 Seiten, geb., e 25,50

Beckett Erinnerung

Hg. v. James u. Elizabeth Knowlson.

359 Seiten m. zahlr. Fotos, geb., e 23,50

DER UNBEKANNTE BECKETT

Samuel Beckett und die deutsche Kultur.

Hg. v. Therese Fischer-Seidel und Marion Dieckmann

357 Seiten, kart., e 11,90

Alle Erschienen im Suhrkamp Verlag

Transkription

Paris, 24. 10. 60

Cher Dr. Unseld,

merci de votre lettre du 21. Je suis très content que Max Frisch puisse vous accompagner dimanche. J' aurai grand plaisir à le rencontrer, ainsi que Ingeborg Bachmann. Merci de me proposer une place pour vendredi. Malheureusement je ne suis pas libre à ce soir-là. Je verrai le spectacle la semaine prochaine.

Bien amicalement à vous

Sam. Beckett

Übersetzung

Paris, 24. 10. 60

Lieber Dr. Unseld,

Danke für Ihren Brief vom 21. Ich bin sehr glücklich, dass Max Frisch Sie am Sonntag begleiten kann. Es wird mir eine große Freude sein, ihn sowie Ingeborg Bachmann zu treffen. Danke auch wegen des Angebots einer Karte für Freitag. Leider bin ich an diesem Abend verhindert. Ich werde mir die Aufführung in der kommenden Woche ansehen.

Sehr herzlich grüßt Sie

Sam. Beckett

Am 6. November 1960 Ussy

Lieber Dr. Unseld

Danke für Ihren freundlichen Brief vom 3. November. Es hat mich sehr gefreut, Sie zu sehen, und dass wir diesen Abend zusammen verbringen konnten.

Der 27. passt mir ausgezeichnet. Es wäre sehr gut, wenn Sie bei der Premiere der Oper zugegen sein könnten. Gerne nehme ich Ihr Angebot an, mich nach Frankfurt zu fahren - es sei denn, ich wäre so übermütig, mit dem 2 CV anzureisen!

Ich hoffe, in Frankfurt keine Interviews geben zu müssen. Ich gebe niemals welche - weil ich dazu nicht in der Lage bin. Ich wäre Ihnen jedenfalls sehr dankbar, wenn man sie gegebenenfalls schon im Voraus in meinem Namen ablehnte. Das würde mir die Angelegenheit außerordentlich vereinfachen. Es tut mir leid, dass ich Ihre Unternehmungen für mich in Deutschland so wenig unterstützen kann. Es handelt sich, wie Sie wissen, nicht um Sturheit, vielmehr bin ich dazu einfach außerstande. Machen Sie mir nicht allzu viele Vorwürfe deshalb.

Bitte grüßen Sie Professor Adorno von mir und sagen Sie ihm, wie glücklich ich über ihn als Textinterpreten bin.

Meine Verehrung für Frau Unseld.

Sehr herzlich grüßt Sie

Samuel Beckett

Die neue Adresse lautet

38 Boulevard Saint-Jacques

Paris 14me

aber ich werde dort nicht vor nächsten

Monat wohnen.

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