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Keine Rache, aber Gerechtigkeit

Drachs Rück- und Wiederkehr. Zum zehnten Todestag des Schriftstellers und Anwalts Albert Drach.

Am 30. 10. 1948 erschien in den Mödlinger Nachrichten eine Anzeige: "Rechtsanwalt Dr. Albert Drach ist aus Frankreich zurückgekommen und hält seine Sprechstunden wieder täglich außer Mittwoch von 15 bis 18 Uhr in Mödling, Hauptstraße 44". Für manche seiner Mitbürger, die aktiv an der Arisierung von Drachs Haus, seiner Vertreibung und der Delogierung seiner Mutter mitgearbeitet hatten, mag das eine unliebsame Überraschung gewesen sein. Da war er tatsächlich wieder, der Widerspenstige und Wehrhafte - ein Mann, der sich schon vor seiner Emigration genug Feinde gemacht hatte, in jenen Zeiten des Rassenwahns nicht nur als Jude missliebig, sondern auch als unbequemer Anwalt.

Zwar sieht er mitgenommen und extrem abgemagert aus - das Exil in Frankreich war nicht nur lebensgefährlich, sondern auch entbehrungsreich. Zwar kann er in seinem rückerstatteten Haus 1948 fürs erste nur einen Bruchteil seiner ehemaligen Räumlichkeiten beziehen, da es vom Keller bis zum Giebel mit Mietern besetzt ist, von denen ihm einige an Eigentum und Existenz wollten. Doch hat er gegen jede Wahrscheinlichkeit überlebt. Und man muss mit seinem Erinnerungsvermögen rechnen.

"Wiedersehensfreude"

Nichtsdestotrotz wird er in seiner Heimatstadt von Menschen willkommen geheißen, von denen er das nicht erwartet hätte. "Die Bevölkerung ist falsch und verlogen, wie sie immer war", schreibt er resümierend an seinen Anwaltskollegen und Emigrationsfreund Dr. Lorbeer nach Nizza, "die nichteingesperrten Nazis sind häufig süßlich und biedern sich auf jede Weise an." Da wäre zum Beispiel einer der beiden ehemals sozialdemokratischen Gerichtsbediensteten, die ihn 1938 denunziert haben. In der irrigen Annahme, Regimekritiker vor sich zu haben, hat er ihnen kurz nach dem Einmarsch Hitlers anvertraut, dass er das so genannte Tausendjährige Reich als wesentlich kurzlebiger einschätzt - wenn ihm die Anzeige der beiden nicht von einem wohlwollenden Richter zugespielt worden wäre, hätte er diese Denunziation wohl kaum überlebt, aber nun fällt ihm der Mann auf offener Straße vor Wiedersehensfreude um den Hals.

Da wäre weiters der alte Amtsrichter Withofner, der 1938 die Drangsalierung des Juden Drach durch so genanntes gesundes Volksempfinden mit ansah. Auf eine Leiter gezwungen, sollte der das Ladenschild eines Lederhändlers mit den Worten "Nur ein Schwein kauft bei Juden ein" beschmieren. Drach verbrauchte damals - jedenfalls nach seiner eigenen Darstellung im autobiografischen Roman "Z.Z. - Das ist die Zwischenzeit" - für das Wörtchen "Nur" den gesamten auf dem Schild verfügbaren Platz. In einer Anspielung auf den "führenden Parteigenossen" rechtfertigte er sich damit, dass er eben leider kein Anstreicher sei, und wurde vor dem aufgebrachten Pöbel durch ein befreundetes bdm-Mädchen gerettet. Der Richter, der sich in der Folge noch bei der Arisierung des Drach-Hofs verdient machen sollte, hatte ihm damals in keiner Weise geholfen. Trotzdem sitzt er nun, 1948, in Drachs Zimmer. "Auf einem großen Sessel, der mir, wenn auch arg beschädigt, doch noch sitzbar geblieben war." Er ersucht Drach um die Bestätigung, "daß er es nicht gewesen sei, der Greuel angerichtet oder zugelassen hätte" (A. Drach: Blinde Kuh. Versuch einer Zusammenfassung. Unveröffentlichtes Typoskript, um 1983/84, S. 2. Nachlass Albert Drachs im Österreichischen Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek).

Der Denunziant als Zeuge

Drach nimmt keine Rache. An den einen nicht, weil er sie für Unmenschen hält, an denen er als Mensch keine ebenbürtige Rache nehmen kann, an den anderen nicht, weil es ihm trotz allem widerstrebt, sie für Unmenschen zu halten. Er beschränkt sich darauf, sein Haus zurückzuerobern. In der besten Parterrewohnung hat sich jener Hausmeister einquartiert, der ihn 1938 bei der Parteileitung nicht nur als Juden sondern auch als Kommunisten vernadert hat. Er möchte diesen Mann nicht strafrechtlich verfolgen, er will nur erreichen, dass er das Haus verlässt. Aber auch das ist bis auf weiteres nicht durchzusetzen. So schnell mahlen die Mühlen der neuen österreichischen Gerechtigkeit nicht. Als Drach sich seiner Ansicht nach pünktlich zum anberaumten Gerichtstermin einfindet, stellt sich heraus, dass zwar Wochentag und Monat stimmen. Aber man hat die Verhandlung erst für ein Jahr später angesetzt.

Beim Schriftstellerverband sucht Drach auf Anraten Viktor Matejkas - kommunistischer Stadtrat in Wien und einer der wenigen, der sich aktiv für die Remigration vertriebener Juden einsetzt - um die Schwerarbeiterkarte an. Damit hätte er in diesen Hungerzeiten Anspruch auf höhere Essensrationen. Aber als Voraussetzung dafür verlangt man ausgerechnet eine Bescheinigung des oben erwähnten Hausmeisters. Der Mensch, der ihn bei der Parteileitung denunziert hat, soll dem Heimkehrer nun attestieren, kein Nazi gewesen zu sein.

Auch ein Buch, das seinen Anspruch ein Schriftsteller zu sein belegen würde, kann Drach nicht vorweisen. In der Emigration hat er 1939 seinen ersten Roman, "Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum", verfasst, die Geschichte eines wegen angeblichen Zwetschkendiebstahls durch die Irrenanstalten und Gefängnisse der Monarchie getriebenen Chassiden, der als frommer Jude die Sprache seiner profanen Gegner nicht versteht. Im mit Deutschland kollaborierenden Vichy-Frankreich konnte er es nicht veröffentlichen, nun hat ihm der Luckmann-Verlag, in dem vor dem Krieg immerhin Doderer veröffentlicht hatte, Hoffnungen gemacht. Doch nach abgeschlossener Lektüre teilt ihm die Verlegerin persönlich mit, dass der Jude in seinem Buch, entgegen ihren ursprünglichen Erwartungen, gut wegkomme, für so ein Buch, so die realistisch denkende Dame, sei die Zeit noch nicht reif.

Verloren geglaubte Identität

Was bleibt? Resignation? Drach ist wieder einmal gezwungen, abzuwarten. Er wird noch ein langes Leben brauchen, um als Schriftsteller und Mensch zu seinem Recht zu kommen. Vorerst gründet er trotz allem eine Familie, justament will er sich hier, wo er fast ausgerissen worden ist, verwurzeln. Er verdient sein Brot im ungeliebten Anwaltsberuf - die Prozesse, die er führt, bringen wenig Geld und viele problematische Erinnerungen, denn unter seinen Klienten sind Menschen, die so wie er beraubt und vertrieben wurden.

Er schreibt an seinem Rückkehrtext "Das Beileid", der mehr als drei Jahrzehnte später erstmals erscheinen wird. Es ist ein Text über das Lebensgefühl eines "Untoten" oder "Gespensts", das nach überstandener Verfolgung nicht mehr weiß, wozu es auf der Welt ist. Er muss versuchen, seine Identität wiederzufinden, die er in seiner Exilzeit verloren zu haben glaubt. Nicht irgendwann, sondern damals, als er in das Auslieferungslager Rivesaltes deportiert wurde, von dem aus die Züge nach Auschwitz fuhren.

Wie hat er damals seine Haut retten können? Drach erzählt davon in seinem Emigrationsbericht "Unsentimentale Reise". Mit Hilfe von Dokumenten seiner katholischen Halbschwester, deren Mutter er als seine eigene ausgibt, und einer listigen Übersetzung des Kürzels i.k.g. (für israelitische Kultusgemeinde) auf seinem Heimatschein. Das bedeute, hat er einem elsässischen Lagerkommandanten aufgebunden, "im katholischen Glauben". Er leugnet nicht, als Jude geboren, behauptet aber, rechtzeitig konvertiert zu sein, um nach französischem Recht nicht mehr als solcher zu gelten.

Die Last, überlebt zu haben

Die Haut ist gerettet, aber wo ist die Seele geblieben? Was bedeutet es für einen Menschen, die eigene Mutter, die er im feindlich gewordenen Heimatland zurückgelassen hat, verleugnen zu müssen? Was bedeutet es, nur deshalb nicht ermordet zu werden, weil es einem mit unwahrscheinlichem Glück gelingt, die Tatsachen zu verdrehen? Wie wird ein Mensch damit fertig, auf Grund seiner angeblichen "Rasse" als lebensunwert eingestuft zu werden?

Vor allem: Wie kann man vor sich selbst rechtfertigen, dass andere, die einem in Gefangenschaft nahe waren, ermordet wurden, während man selbst überlebt hat? Gar nicht, wird Drach, danach gefragt, zeit seines Lebens antworten. Die Erfahrungen hätten ihn verhärtet, leider auch gegen sich selbst. Nichts konnte er weniger akzeptieren, als der barbarischen Unmenschlichkeit einen menschlichen Sinn zu verleihen. Niemanden traf sein Urteil härter als jene, die ihr Davongekommensein vor dem industriellen Massenmord zu einer individuell-heroischen Erfahrung umstilisieren wollten. Einer Erfahrung, an der sie zum guten Ende menschlich gereift waren - gegen die versöhnliche Attitüde etwa eines Viktor Frankl war Drach allergisch. So war er, und so sind die Texte, die von ihm bleiben. Literatur, die durch ihren erbarmungslosen Zynismus oft auch jene verstört, die guten Willens sind.

Zur Person

Albert Drach, geboren 1902, musste 1938 nach Frankreich emigrieren und kehrte 1947/48 nach Österreich zurück, wo er als Schriftsteller und Anwalt lebte. Mit dem Roman "Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum" hatte er 1964 seinen ersten literarischen Durchbruch. In den autobiografischen Werken "Z. Z. - Das ist die Zwischenzeit", "Unsentimentale Reise" und "Das Beileid" hat er Vertreibung, Exil und Rückkehr auch in gegen sich selbst zynischer Weise thematisiert. 1988 wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Drach starb am 27. März 1995 in Mödling. - Im Rahmen der kommentierten Neuausgabe bei Zsolnay ist dieser Tage als Band drei der Werke in zehn Bänden sein Emigrationsbericht "Unsentimentale Reise" herausgekommen. Eva Schobels Drach-Biografie "Ein wütender Weiser" ist 2002 bei Residenz erschienen.

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