Was ist der Mensch? Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft fand in seiner umstrittenen Rede vom Juni Antworten darauf. Die furche bringt Auszüge.

Das, woraus sich etwas Neues entwickelt, ist nicht identisch mit dem Neuen selbst. Dies gilt auch für den Menschen. Jede geborene menschliche Person ist etwas einmalig Neues, das sich aus einer befruchteten Eizelle entwickelt hat. Aber deshalb ist die befruchtete Eizelle noch lange kein Mensch, jedenfalls nicht als eine naturwissenschaftlich begründete Tatsache; allenfalls dann, wenn wir dem Begriff "Mensch" - und zwar durchaus willkürlich - eine ganz andere Bedeutung als bisher zuweisen. Das hat damit zu tun, was wir sinnvollerweise meinen, wenn wir einem Lebewesen den Begriff "Mensch" zuordnen. Dies ist nämlich kein Etikett der Natur, sondern eine selbstbezügliche Redeweise von Menschen, deren Bedeutung nicht die Natur festlegt, sondern die sie selbst bestimmen. (...)

Nichts könnte deutlicher machen, dass "Mensch" ein kulturbezogener Zuschreibungsbegriff von Menschen ist und keine rein biologische Tatsache, es ist eine kulturell-sozial begründete Attribution. Deshalb kann sich seine Definition auch nicht in molekulargenetischen Tatsachen wie dem chemisch beschreibbaren Vorhandensein jener 3,2 Milliarden Nu-cleotiden bestimmter Reihenfolge in einer Zygote erschöpfen.

Wir wissen, dass, heute wie in der Vergangenheit, verschiedene Kulturen den Zeitpunkt des Beginns der Zuschreibung des Menschseins gegenüber dem sich entwickelnden Embryo oder Fötus sehr verschieden gewählt haben und noch wählen, selbst bei genauer Kenntnis der Tatsache, dass der Embryo seinen Entwicklungsanfang in der Vereinigung von Ei- und Samenzelle hat. Dabei finde ich die Stellungnahme jüdischer Religionsgelehrter besonders überzeugend, einer Religion, der es wahrhaftig weder an Scharfsinn der Argumentation, wissenschaftlichen Kenntnissen, Gesetzestreue und Achtung des Lebens mangelt. Sie weist nämlich der Tatsache, dass sich der Mensch nur in engster Verbindung zu einem mütterlichen Körper entwickeln kann, eine besondere Bedeutung für die Menschwerdung zu.

Um dem böse Interessen unterstellenden Gegenargument - mit einer solchen Feststellung würde der nicht in einen Uterus implantierte Embryo zum "Freiwild der Forscher" - sogleich zu entgegnen: Selbstverständlich hindert nichts daran, auch der nicht implantierten Zygote und dem nicht von der Mutter physisch wie psychisch aufgenommenen Embryo eine ganz andere Qualität, nämlich menschliche Qualität, im Sinne des Grundgesetzes also Menschenwürde, zuzusprechen (...) und daher den Umgang mit Menschenembryonen anderen Normen zu unterwerfen als den mit Mäuseembryonen, etwa einem strikten Begründungs- und Genehmigungsvorbehalt für jede forschende Verwendung.

Mir kommt es nur darauf an, nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass - selbst in heutigen Hochkulturen, die keiner moralischen Belehrung durch uns bedürfen, - dieser Akt der Zuschreibung des vollgültigen Menschseins mit allen Pflichten vorbehaltlosen Schutzes seines Lebens durchaus verschieden begründet wird. Dies ist auch unserer Rechtsprechung wie Lebenspraxis alles andere als fremd, sonst wäre die nach langem Ringen weitgehend rechtsfriedliche Regelung von Abtreibungen, aber auch die allgemein akzeptierte Verwendung von einnistungshemmenden Mitteln zur Geburtenkontrolle nicht möglich. (...)

Dass dabei in Abwägung aller einschlägigen Interessen, Werte und Rechtsgüter am Ende, wie manchmal abschätzig gesagt wird, "willkürliche" Entscheidungen - wie jene der Dreimonatsgrenze in der Abtreibung - unvermeidlich sind, sollte bei genauerem Überlegen gerade als Ausdruck menschlicher Gewissensfreiheit und moralischer Verantwortlichkeit gesehen werden: Der Mensch ist eben dadurch mit Menschenwürde begabt, dass er sich nicht Naturfakten - wie dem Zeitpunkt einer Zellkernverschmelzung - in seinen verantwortlich zu treffenden Entscheidungen zu unterwerfen hat. "Willkür" bedeutet dann nichts anderes als den Willen zur Urteilskraft und zur "Kür", das heißt zur Auswahl zwischen Entscheidungsalternativen.

Ich kann auch nicht umhin, mich in diesem Zusammenhang nicht nur zur "Freiheit eines Christenmenschen" - nämlich seinen Glaubensnormen entsprechend zu leben -, sondern auch zur "Freiheit eines Nichtchristenmenschen" zu bekennen, denn wenn es um bioethische Entscheidungen geht, die insbesondere Beginn und Ende des Menschenlebens betreffen, dann muss der Gewissens- und Handlungsfreiheit des einzelnen selbst betroffenen Menschen - ob Christ oder nicht - in einer freien Gesellschaft ein hoher Rang eingeräumt bleiben. Damit ist nicht nur die Freiheit von Eltern, insbesondere von Müttern gemeint, sich wenn Präimplantations- oder Pränataldiagnostik schwere Entwicklungsstörungen einer Leibesfrucht erwarten lässt, nach ärztlicher Beratung für oder gegen deren Austragen zu entscheiden. (...)

Eingegrenzte Freiheit

Mich schreckt am meisten der Geist erbarmungsloser Moral und zugleich des rechtlichen Zwanges auf betroffene Einzelne im Dienste vermeintlicher Gemeinschaftsinteressen. So als gehörten eine Frau und ihr Reproduktionsverhalten und sogar die dabei instrumentalisierten Behinderten zu allererst einmal dem Staat, der dieser Frau in von Mehrheitsmeinung abhängigen Grenzen Freiheiten hinsichtlich ihres ureigensten Menschenrechts, nämlich der Entscheidung über die eigene Fortpflanzung, einräumt oder versagt, und sie gegebenenfalls dazu zwingt, ein schwerst behindertes Kind sozusagen als Exempel für andere auszutragen und aufzuziehen. Es mag schon zutreffen, dass Eltern keinen Rechtsanspruch auf ein gesundes Kind haben - allerdings sehr wohl ein Menschenrecht, danach zu streben! Aber ebensowenig gibt es wohl einen Rechtsanspruch einer Gesellschaft auf Zeugung und Geburt von Behinderten zum Ausweis ihrer moralischen Prinzipien! (...)

Dies ist vor allem ein Appell für die Freiheit. Nicht so sehr für die Freiheit der Forschung, um die es dabei zwar auch, aber noch am wenigsten geht. Sondern um die Freiheit jedes Bürgers in einer demokratischen Gesellschaftsordnung. Denn dieser Freiheit droht vom eifernden Moralzwang einer Gesinnungsmehrheit nicht weniger Gefahr als von der Zügellosigkeit gewissenloser Einzelner. (...)

Es entspricht durchaus einer konsistenten Argumentation in der Begründung menschlicher Verantwortung und menschlicher Kultur, dass der im Laufe seiner Evolution zu Freiheit von Urteil und Handeln aus genetischem Naturzwang entlassene Mensch tun kann, was die Natur im Tierreich sonst durch genetisches Programm erledigt, wenn er es so richtig findet. Im Gegenteil will es mir scheinen, als ob die alleinige Fixierung des Menschenwesens auf den Besitz eines Satzes menschlicher Gene und die als hochmoralisch bewertete willenlose Hinnahme jedes Zufallsunglücks in der Beschaffenheit dieses Gensatzes, den Gipfel eines Biologismus bedeutet, der den Menschen tatsächlich zum reinen Biowesen degradiert und ihm genau das abspricht, was ihn eigentlich erst zum Menschen macht: seine kulturbedingende Entscheidungsfreiheit.

Gipfel des Biologismus

Wenn dies der Rubikon wäre, den nicht zu überschreiten uns Weisheit riete, dann hieße es für mich genauso viel, wie Freiheit und Selbstverantwortung des Menschen zu entsagen und sich blind hoffend und leidend dem Naturgeschehen auszuliefern. Eine solche Haltung kann ich nicht einmal gottergeben finden, selbst wenn sie uns von christlichen Lehr-ämtern nahe- oder gar auferlegt wird, denn mir kann kein Gottverständnis einleuchten, das nicht zu allererst anerkennt, dass der Mensch ein Wesen mit Fähigkeit und Pflicht zur selbstverantwortlichen Lenkung seiner Geschicke ist, mit jener Einsichtsfähigkeit, jenem Erfindungsreichtum und jener Willenskraft, die es ihm erlaubte, sich über Jahrhunderttausende hinweg immer mehr von den Schicksalszwängen der Natur zu befreien. (...)

Der Rubikon ist kein Fluss, jenseits dessen das Böse lauert; das Böse ist, wenn schon, dann längst immer mitten in uns. Der Rubikon ist vielmehr ein Fluss, dem der Mensch ständig selber ein neues Flussbett bahnen muss, weil er das Vertraute vom Unerschlossenen trennt, und den wir deshalb nur wohlbedacht und mit Verantwortung für unser Handeln überschreiten sollten. Aber wir sollten auch nicht vergessen: Rom liegt auch künftig jenseits des Rubikon, und Caesar hat ihn erfolgreich überschritten. Denn der Mensch ist seit je ein Wesen, das seine Grenzen überschreiten muss, um ganz Mensch zu sein, und das sich dabei dennoch stets neue Grenzen setzen muss.

Der Autor ist Zoologe, Evolutionsbiologe und Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. Im Juni 2002 wird er in dieser Funktion vom Entwicklungsbiologen Peter Gruss abgelöst. Markls Rede vor der Hauptversammlung am 22. Juni galt als ein Höhepunkt der Kontroverse zur Biotechnologie in Deutschland

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