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"Kinder sind Forscher und Entdecker"

"Wir fangen zu spät an und wir hören zu früh auf" schreibt die Expertenkommission "Zukunft der Schule" in ihrem zweiten Zwischenbericht. Gefordert wird mehr Frühförderung. Wassilios E. Fthenakis, lang-jähriger Leiter des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München, kennt die Zustände an Österreichs Kindergärten - und erklärt, wie sie sein sollten.

Die Furche: Herr Professor Fthenakis, Sie gelten als Nestor der Frühpädagogik im deutschsprachigen Raum. Wie ist es in Österreich um den vorschulischen Bereich bestellt?

Wassilios Fthenakis: In Österreich gibt es zwar eine gute Tradition - aber sie bedarf weiterer Entwicklung. Das hat auch die OECD-Studie "Starting Strong" festgestellt, bei der ich 2004 beteiligt war. Zum einen wäre ein bundesweiter Bildungsplan für den vorschulischen Bereich notwendig. Zweitens wäre eine zentrale Steuerung oder zumindest eine länderübergreifende Verständigung zu empfehlen, weil die alleinige Zuständigkeit der Länder für den vorschulischen Bereich große Qualitätsunterschiede erzeugt. In manchen Bundesländern sind etwa bis zu 28 Kinder in einer Gruppe zulässig. Wenn man aber wirklich Bildungsprozesse voranbringen will, sind 15 Kinder für zwei Pädagoginnen die Richtschnur! Drittens bedarf die Ausbildung des Personals der Verbesserung - was Ausbildungsniveau, Ausbildungsqualität und Bezahlung betrifft. Und schließlich investiert Österreich nur knapp 0,5 Prozent des BIP in den vorschulischen Bereich, während die OECD ein Prozent empfiehlt. Schweden investiert viermal so viel wie Österreich.

Die Furche: Wenn Sie von einem Bildungsplan für Kindergartenkinder sprechen, werden manche aufheulen und sich um das "freie Spiel" sorgen …

Fthenakis: Wenn man Kinder genau beobachtet, dann wird man entdecken, dass sie bereits im Alter von unter einem Jahr Forscher und Entdecker sind, dass sie naive Hypothesen bilden über das Funktionieren der Welt, dass sie sogar experimentieren, um ihre Hypothesen zu testen und zu revidieren. Das Problem ist, dass viele Fachkräfte nicht professionell genug sind, um diese Prozesse anzuregen. Deshalb langweilen sich viele vor allem ältere Kinder im Kindergarten. Ein Modellbildungsplan würde den Bildungsprozess nicht aus der Alltags- und Spielsituation des Kindes separieren. Sondern wir spielen mit den Kindern - aber wir nutzen die Situation, um ihnen zu helfen, zu erkennen, dass sie dabei lernen.

Die Furche: Apropos Professionalisierung: Wären Sie dafür, Kindergartenpädagoginnen akademisch auszubilden?

Fthenakis: Die bloße Akademisierung wird das Problem nicht lösen. Aber wir koppeln damit den Anspruch auf eine höhere Qualität der Ausbildung. Dazu kommt, dass Österreich das einzige Land in Europa ist, in dem es keinen Lehrstuhl für Frühpädagogik und deshalb keine universitäre Forschung gibt. Wenn man nicht akademisiert, wird das in Österreich so bleiben.

Die Furche: Vielfach wird aber gewarnt, dass akademisch ausgebildete Kindergartenpädagoginnen unleistbar wären …

Fthenakis: Dieses Argument lasse ich nicht gelten. Österreich ist eines der reichsten Länder. Andere Länder, die nicht so reich sind, haben das bereits seit über 20 Jahren umgesetzt.

Die Furche: Würde ein akademischer Abschluss den Beruf für Männer attraktiver machen?

Fthenakis: Es ist nicht zu erwarten, dass wir dann im Kindergarten von Männern überbevölkert werden. Aber es würde einen signifikanten Anstieg der Männer geben. Und es würde eine höhere Wertschätzung des Berufes und endlich soziale Gerechtigkeit geben. Denn was im Kindergarten geleistet wird, hat ja gravierendere Auswirkungen als das, was ein Studienrat im Gymnasium in zwei Stunden anrichten kann. Mittelfristig sollten wir überhaupt ein neues Profil eines Pädagogen entwerfen, der befähigt wird, das Kind sowohl im Kindergarten als auch in der Grundschule zu begleiten. In Schweden, Australien, Neuseeland und in der Provinz Bozen gibt es schon solche gemeinsamen Ausbildungsgänge.

Die Furche: Österreichs Kindergartenpädagoginnen werden ab Mai zusätzlich herausgefordert: Sie sollen bei Viereinhalb- bis Fünfjährigen eine "Sprachstandsdiagnostik" durchführen. Jene Kinder, die keinen Kindergarten besuchen, werden zu Schnuppertagen eingeladen. Ist es möglich, die Sprachkompetenz eines Kindes binnen eines Tages festzustellen?

Fthenakis: Die derzeit vorhandenen Verfahren sind meist nicht geeignet, um individuelle Entscheidungen zu treffen. Oft bleibt es bei der Willkür der Fachkraft oder bei punktuellen Interventionen: Schnell das Kind aus der Gruppe herausnehmen und es fördern, möglicherweise mit Leuten von außen. Diese Modelle funktionieren nicht. Stattdessen sollte man ein komplexeres Modell entwerfen. Wir haben etwa am Staatsinstitut für Frühpädagogik die beiden Instrumente "Sismik" und "Seldak" entwickelt, die permanent die Entwicklung der Sprache eines Kindes beobachten. Zudem müsste man die Familie stärker einbeziehen. Speziell Kindern mit Migrationshintergrund müssen wir auch die Zuversicht vermitteln, dass wir ihre Muttersprache und Kultur wertschätzen. Viele türkische Mütter, die kein Wort Deutsch sprechen, haben Angst vor einer Entfremdung ihres Kindes. Sie vermitteln dem Kind die doppelte Botschaft: Du kannst alles mögliche lernen, nur pass auf, dass du dich nicht entfernst! Das ist eine sehr ungünstige Lernbedingung für das Kind.

Die Furche: Wie sollte also für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache das Deutschlernen ablaufen?

Fthenakis: Es ist wichtig, dass sich der Kindergarten nicht monokulturell präsentiert - und dass diese Kinder vor dem vierten Lebensjahr beginnen. Wenn sie später anfangen, dann sind sie in der Lage, die ihnen entgegengebrachte Diskriminierung wahrzunehmen. Sie erleben sich als defizitär, weil sie die Sprache noch nicht oder nicht so gut wie die anderen Kindern beherrschen. Wenn sie aber mit zwei, drei Jahren beginnen, wachsen sie in die Gruppe hinein.

Die Furche: Wobei gerade Migrantenfamilien ihre Kinder aus Kostengründen oft nicht in den Kindergarten schicken …

Fthenakis: Deshalb empfehle ich, den Familien anzubieten, das Kind kostenfrei zu bringen. Der Nutzen überwiegt die Kosten bei Weitem. Es wäre auch möglich, Migrantenfamilien bei früherer Anmeldung ihrer Kinder einen Rabatt zu gewähren. Es muss ja das Interesse des Staates sein, die Integrationschancen im Vorschulalter auszuschöpfen. Wenn diese Chancen nicht wahrgenommen werden, besteht zwar später in der Grundschule noch eine Chance. Danach geht es nur noch mit hohem Aufwand - und mäßigem Erfolg.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

Griechisch-deutscher Tausendsassa

Mit diesem Papier hat Wassilios Emmanuel Fthenakis seine Freude: "Wichtig wäre ein österreichweiter Bildungsplan von 0 bis 18 und auch darüber hinaus", heißt es im zweiten Zwischenbericht der - von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SP) eingesetzten - Expertenkommission "Zukunft der Schule". Auch ein "akademisches Ausbildungssystem von der Ausbildung der Kindergartenpädagog/inn/en bis zur Erwachsenenbildung" wird von der Expertenrunde gefordert. Alles Anregungen, die der renommierte Elementarpädagoge, Familien- und Väterforscher Fthenakis schon seit vielen Jahren formuliert. 1937 in Kilkis/Griechenland geboren und auf Kreta aufgewachsen, studierte Fthenakis Pädagogik in Griechenland und Psychologie, Anthropologie und Humangenetik sowie Molekulargenetik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1973 wurde er stellvertretender Leiter und 1975 Leiter des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München, dem er 30 Jahre lang vorstand. Nebenbei lehrte der dreifache Doktor mit deutschem und griechischem Pass auch an den Universitäten Münster, Berlin, Regensburg, Augsburg und Newcastle upon Tyne - und war zudem als politischer Berater von Berlin bis Peking unterwegs. Seit 2002 ist der Vater zweier Söhne, der mit einer Griechin verheiratet ist, als Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen tätig. Die Bildungspläne von Bayern, Hessen und Südtirol sowie auch teilweise jener von Wien gehen auf ihn zurück. Freitag vergangener Woche war Wassilios Fthenakis auf Einladung der Industriellenvereinigung - anlässlich der erstmaligen Verleihung des "IV-Teacher's-Award" - in Wien.

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