Kirche muss Atempause nützen

Große Erleichterung nach dem Verzicht von Gerhard Wagner auf das Weihbischofsamt, dann der befreiende Hirtenbrief der Diözesanbischöfe – und jetzt? Mittlerweile hat die allgemeine Krise jene der katholischen Kirche längst wieder überlagert und aus den Schlagzeilen verdrängt. Das war auch zu erwarten und ist der Problemlage durchaus angemessen. Doch durch die zuletzt erfolgten Klarstellungen aus Rom und Wien ist der Kirche ein Befreiungsschlag gelungen, sie hat sich eine Atempause verschafft, mehr freilich nicht – gewonnen oder „erledigt“ ist noch gar nichts.

Kardinal Christoph Schönborn, der oft unentschlossen und auf Harmonie um jeden Preis bedacht wirkt, ist in den letzten Tagen über sich hinausgewachsen; gemeinsam mit seinem – ihm in der Theologie nicht unähnlichen, in der Persönlichkeitsstruktur jedoch gänzlich anders „gestrickten“ – Stellvertreter, dem Grazer Hirten Egon Kapellari, hat er die richtigen Worte gefunden, vor allem in dem am Montag publizierten Hirtenbrief: sowohl zur Causa Wagner als auch zu jener der Pius-Bruderschaft.

Die Ewigkeit und das Tagesgeschäft

Wie aber nun weiter? Die Kirche ist ja permanent, gewissermaßen strukturell bedingt, in Gefahr, im Blick auf das Überzeitliche das Konkrete, Alltägliche aus den Augen zu verlieren (ungeachtet der Tatsache, dass sich viele ihrer Repräsentanten tagaus tagein mit den sehr realen Nöten der Menschen befassen). Wer einen dermaßen langen Atem hat und in der Kategorie der „saecula saeculorum“ denkt, findet sich im Tagesgeschäft mitunter schwer zurecht. Schon die Bibel warnt ja davor, dass „die Kinder dieser Welt … im Umgang mit ihresgleichen klüger (sind) als die Kinder des Lichtes“ (Lk 16,8).

Der Glaube der Kirche, dass sie Bestand haben wird bis ans Ende der Tage, dass sie „die Mächte der Unterwelt nicht überwältigen“ werden, dispensiert sie ja nicht von der mühevollen Auseinandersetzung mit den vielfach, auch im Hirtenbrief wieder zitierten „Zeichen der Zeit“. Theoretisch weiß die Kirche das natürlich – aber ihre Praxis lässt das selbst für ihr Wohlwollende zu selten erkennen.

Auf dem Markt der Lebensrezepte

Der eigene, auf das Evangelium gegründete Anspruch auf Katholizität, also umfassende Geltung, schließt die Einsicht nicht aus, als ein Mitbewerber unter vielen auf dem Markt der Meinungen, Weltanschauungen und Lebensrezepte dazustehen. Genauer: Gerade um ihrer Botschaft überhaupt Gehör zu verschaffen und sich mit ihrem Selbstverständnis in den öffentlichen Diskurs einzuschalten, muss sie sich den Bedingungen dieses Diskurses in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft unterwerfen.

Nun geht es aber bei der Kirche letztlich immer um den Menschen und die Welt als Ganzes, um Leben und Tod, um das, was leben lässt und Hoffnung gibt. Diese Fragen freilich verstehen sich für den heutigen Menschen in ihrer expliziten Form nicht mehr von selbst, mögen sie auch im Innersten eines jeden nagen – noch weniger indes die Antworten, welche die Lehre der Kirche bereithält.

Das aber heißt nichts anderes, als dass diese Kirche einen schier ungeheuren Erklärungs- und Informationsbedarf (im Sinne einer Bringschuld) hat; und dass sie auch einzelne kirchenpolitische Entscheidungen im Horizont ihrer Kernbotschaft transparent machen – und natürlich zuvor treffen – muss. „Zu Weihnachten ist Jesus Christus geboren“ zu plakatieren, ist nicht falsch – aber noch recht simpel und eindeutig zu wenig.

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