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Kirchen-Freiheit - nicht um jeden Preis

Die Herbert Haag-Stiftung vergibt jährlich den Preis für Freiheit in der Kirche. Doch einer der 2011 auserkorenen "Freiheitskämpfer“ lehnt dankend ab.

Die Tschechoslowakei nach dem zweiten Weltkrieg: Am 26. Mai 1946 gewinnt die kommunistische Partei die Wahlen, zwei Jahre später kommt es zur endgültigen Machtübernahme. Die katholische Kirche hat damit ausgedient - zumindest offiziell.

Papst Pius XII. erteilt in den 50er-Jahren den Auftrag, eine Untergrundkirche zu bilden, Priester und Bischöfe werden geheim geweiht. Einer von ihnen ist Felix Maria Davídek. Zugunsten einer besseren Tarnung nimmt er es mit dem Kirchenrecht nicht so genau - schließlich geraten Frauen und verheiratete Männer weniger leicht in Verdacht, im Geheimen als Priester zu arbeiten. Mit Ludmila Javorová macht Davídek auch eine Frau zur Generalvikarin.

Verratene Untergrundkirche?

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wird genau das zum Problem. Der Vatikan stellt die verheirateten Priester aus der Tschechoslowakei vor die Wahl: Übertritt zur mit Rom unierten griechisch-katholischen Kirche oder Degradierung zum Diakon. Die geweihten Frauen werden ignoriert. "Man nannte uns auch die Schweigende Kirche. Doch zum Schweigen brachten uns nicht die Kommunisten, sondern erst der Vatikan.“ So wird Dusˇan Sˇpiner, einer der Untergrundbischöfe, im Vorwort des Buches "Die verratene Prophetie. Die tschechoslowakische Untergrundkirche zwischen Vatikan und Kommunismus“ zitiert.

Das Buch wird im Zuge der Verleihung des Preises der Herbert Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche, als deren Präsident der vatikankritische Theologe Hans Küng fungiert, am 2. April in der Wien Donaucity-Kirche präsentiert. Dabei wird an die Untergrundkirche und insbesondere ihren 1988 verstorbenen Felix Maria Davídek erinnert für ihr Engagement während der kommunistischen Zeit, die Preisträger Dusˇan Sˇpiner und Ludmila Javorová aber auch für den innerkirchlichen Widerstand, den sie danach erfahren mussten. Außerdem erhält der in Luzern lehrende Österreicher Walter Kirchschläger einen der Preise für seine theologische Arbeit.

Ausgezeichnet werden sollte aber auch der Prager Weihbischof Václav Maly´ "für seinen Kampf für Freiheit und Menschenrechte im Rahmen der Charta 77 und der Samtenen Revolution von 1989“, wie es in der Einladung heißt. Doch Mal´y will den Preis nicht entgegennehmen. In einem Brief an die Stiftung heißt es, er habe den Eindruck gewonnen, dass mit der Preisverleihung vor allem ein "Protest gegen Rom“ bezweckt würde. Im Speziellen geht Maly´ auf die Rolle der Frauen ein: Der Kontext der Einladung erwecke den Eindruck, "die Frage der Frauenordination stünde schon außer jeglichem Zweifel“. Er halte zwar "auf diesem Gebiet eine freie und sorgfältige Diskussion“ für "angebracht“, seine Teilnahme an der Preisverleihung sei unter solchen Umständen aber "nicht förderlich“.

Gegenüber der FURCHE war Maly´ zu keiner Präzisierung der Gründe für seine Absage bereit. "Bischof Maly´ hält seine bisherigen Aussagen hinsichtlich Herbert Haag Stiftung Preis für ausreichend und wird sich dazu nicht mehr äußern“, sagt sein Sekretär Jan Kofronˇ - übrigens der einzige der tschechischen Untergrundpriester, der mit Sondergenehmigung aus dem Vatikan in seinem Amt und trotzdem verheiratet bleiben durfte.

"Keine Vereinnahmung geplant“

Die Stiftung reagiert jedenfalls irritiert: "Die Herbert-Haag-Stiftung kann die Sicht nicht teilen, dass sie die Preisverleihung anti-römisch zuspitzt und dass sie Weihbischof Maly´ in der Frage von Frauenpriestertum oder Weihe verheirateter Männer vereinnahmen will“, meint Geschäftsführer Andreas Heggli zur FURCHE. "Dass die Stiftung seit ihrer Gründung für diese reformorientierten Postulate eintritt, ist allseits bekannt. In diesem Sinne hoffen wir, dass die von uns angestrebten weiteren Gespräche mit Weihbischof Maly´ eine Klärung allfälliger Missverständnisse bringen werden.“

Durch Maly´s Absage wird die diesjährige Verleihung des Herbert-Haag-Preises ein weiteres Kapitel im Tauziehen zwischen dem Vatikan und den reformorientierten Kräften in der katholischen Kirche. Dass ein als liberal geltender Weihbischof einen derartigen Preis ablehnt, weil er den "Protest gegen Rom“ befürchtet, zeigt, wie weit die Fronten inzwischen auseinanderklaffen.

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