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Feuilleton

Kirchen hüten Menschenleben

1945 1960 1980 2000 2020
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Wofür ist die Kirche, ist eine Kirche, ist meine Kirche gut? Vielen fällt die Antwort auf eine solche Frage nicht mehr sehr leicht. Aber eine Aussage könnte noch am ehesten konsensfähig sein: Auf die Kirche kann ich zählen, wenn es um den Schutz des menschlichen Lebens geht!

Dieser Tage feierte eine Frau ihren 65. Geburtstag, die wie kaum eine zweite mit Kirche und Lebensschutz in Verbindung gebracht wird: Grit Ebner, seit Jahren in der "Aktion Leben" führend tätig - ernst in der Sache, fröhlich im Ton, einfühlsam, unbeugsam, ohne Fanatismus, nie ohne Hoffnung. Sie wurde mit einem Expertendiskurs geehrt. Rasch war sich die Runde einig: Lebensschutz wird immer wichtiger. Am Beginn des Lebens steht die Bedrohung Ungeborener. Da mahnen die Kirchen seit langem - aber immer weniger hören zu. Nun wird das Leben immer stärker auch am Ende bedroht: Schon ist eine Volksmehrheit bereit, sich mit aktiver Sterbehilfe anzufreunden! Plötzlich ist Kirche kein Privatvergnügen mehr.

Aber plötzlich wird klar: Wie am Anfang, so tauchen am Ende des Lebens quälende Fragen auf! Unbestritten sei, dass die befruchtete Eizelle menschliches Leben ist. Aber ist es ein Mensch? Eine Person? Wann beginnt Mensch-Sein wirklich? "Die wichtigste Frage, auf die ich eine Antwort haben möchte", sagte ein Arzt. Und ein Jurist. Selbst die Befruchtung einer Eizelle ist nicht ein Punkt-Ereignis, sondern ein Prozess. Das Sterben auch. Ist ein Mensch, der wie eine Pflanze dahinvegetiert, noch Person? Schutzwürdig, zum Weiterleben verurteilt? Wen oder was müssen wir bedingungslos schützen: menschliches Leben oder den Menschen?

Vielen mag die Fragestellung schon frivol erscheinen. Noch macht das Lehramt der katholischen Kirche es sich leicht und anderen schwer: "Leben," sagt es, ist heilig. Aber viele Menschen suchen längst differenzierte Wege aus qualvoller Gewissensnot: am Anfang und am Ende menschlichen Lebens. Sie möchten keine Mörder sein. Auch immer mehr Theologen und Lehramtsvertreter ringen und leiden: Gibt es diese Wege?

Hubert Feichtlbauer ist freier Publizist und Vorsitzender der Plattform "Wir sind Kirche".