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Feuilleton

Klammheimliche Freude

1945 1960 1980 2000 2020
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Es ist eine besondere Sache mit der klammheimlichen Freude. Sie kann nämlich eine legitime, aber auch eine hundsgemeine Freude sein. Seit dem Bekenntnis eines deutschen Terroristen-Sympathisanten, er habe über die Erschießung des entführten Hanns Martin Schleyer eine klammheimliche Freude empfunden, geistert das Wort durch die Medien. Klammheimliche Freude ist die anrüchige Freude ob der Schrecklichkeiten, die anderen widerfahren. Solchen, die man nicht mag. Und die Freude über die Erschießung eines Entführungsopfers ist unter allen Umständen eine hundsgemeine, durch und durch miese Freude.

Einem Unternehmen den Absturz an der Börse an den Hals zu wünschen, ist heutzutage fast so schlimm, wie jemandem den Tod zu wünschen. Trotzdem bekenne ich mich aber zu meiner klammheimlichen Freude über den Absturz der Libro-Aktien. Ich wünsche diesem Unternehmen auch fürderhin jeden nur möglichen weiteren Misserfolg, und wenn ich deshalb ein klein wenig schlechtes Gewissen habe, dann nur wegen der Arbeitsplätze, die mit dem von den diversen Anleger-Postillen verantwortungslos hochgejubelten Hai im Karpfenteich in den Orkus rauschen könnten. Die Libro-Verkäuferinnen können ja nichts dafür.

Wofür? Dafür, dass es vom Huhn keinen Tafelspitz gibt und der Hai ein Hai ist? Braucht denn der Markt keine Haie, so wie die Natur sie braucht, weil die Evolution sie sonstnicht hervorgebracht hätte? Nun, im Meer werden sie schon ihren Sinn haben. Aber wenn sie unbedingt auch noch den Karpfenteich kolonisieren wollen, ist, wenn ihnen der Raubzug missglückt, klammheimliche Freude erlaubt.

Der Buchhandel ist mit seinen speziellen Bedingungen ein Karpfenteich. Libro erklärte, noch unter dem Ureigentümer Wlaschek, dem Karpfenteich samt seinen Hechten den Krieg. Hätte sich Libro in Brüssel mit seiner Attacke auf die Buchpreisbindung durchgesetzt, hätte dies den Todesstoß für unzählige Buchhandlungen und einen Teil der Buchproduktion, und zwar den schutzbedürftigsten, bedeutet. Zum Glück gab es einen brauchbaren Kompromiss. Der Hai aber muss jetzt aufpassen, dass er nicht bald mit dem Bauch nach oben im Karpfenteich schwimmt. Und darüber sollen sich die Karpfen nicht klammheimlich freuen?