Peter Szondi - © Foto: Peter Szondi, Fotograf unbekannt / FU Berlin, UA, Personalakten, PA-B/236

Klaus Reichert über Peter Szondi: „Man konnte miteinander sehr lange schweigen“

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 50 Jahren, am 18. Oktober 1971, nahm sich Peter Szondi in Berlin das Leben. Klaus Reichert erinnert sich im Gespräch an den Literaturwissenschafter.

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Vor 50 Jahren, am 18. Oktober 1971, nahm sich Peter Szondi in Berlin das Leben. Klaus Reichert erinnert sich im Gespräch an den Literaturwissenschafter.

Als Überlebender der Schoa war der Literaturwissenschafter Peter Szondi ähnlich traumatisiert wie der Dichter Paul Celan, mit dem er ebenso befreundet war wie auch mit dem Lektor und Literaturwissenschafter Klaus Reichert. Dieser erinnert sich an Begegnungen mit Szondi, der vor 50 Jahren starb.

DIE FURCHE: Wie verlief Ihr erster Kontakt mit Peter Szondi?
Klaus Reichert:
Ich fand seinen Namen im Vorlesungsverzeichnis der Freien Universität Berlin, und da ich in London sein Buch „Theorie des modernen Dramas“ gelesen hatte, besuchte ich sein Seminar über Hegel. Damals war es üblich, dass man sich nach der ersten Sitzung vorstellte. Er fragte, was ich bisher gemacht hätte, was mich interessierte, und da stellte sich sehr schnell heraus, dass wir beide mit Paul Celan befreundet waren; das hat dann eine enge Verbindung ergeben.

DIE FURCHE: Wie war Ihr Verhältnis zu Paul Celan und Peter Szondi?
Reichert:
Celan und Szondi waren sich sehr ähnlich. Man konnte miteinander sehr lange schweigen. Die Nähe war da, aber gleichzeitig die Distanz der beiden mir, aber auch anderen gegenüber. Es war nicht sehr häufig, dass diese Nähe wirklich eine echte Nähe war; oft war es diese dialektische Spannung zwischen Nähe und Ferne, dem Schweigen und dem Sprechen. Mit Szondi habe ich auch lange Spaziergänge im Grunewald in Berlin gemacht und lange geschwiegen; aber es war eigentlich eine erfüllte Stille.

DIE FURCHE: Bei näherer Bekanntschaft erwähnte Szondi seine traumatisierenden Erlebnisse während seiner Jugend im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Welche Begebenheiten hat er Ihnen gegenüber erwähnt?
Reichert:
Er erzählte, etwas melancholisch, dass die gesamte großbürgerliche Familie Szondi ausreisen durfte, weil sie zur Oberschicht gehörte und Geld hatte. Organisiert hatte das ein gewisser Kasztner, der selbst Jude war. Der Deal mit den Nationalsozialisten bestand darin, Lastwägen gegen Juden auszutauschen. Der Transport sollte vereinbarungsgemäß in die Schweiz geleitet werden. Der Zug fuhr aber nicht in die Schweiz, sondern in das Konzentrationslager Bergen-Belsen, wo die Familie einige Wochen festgehalten wurde und nicht wusste, ob überhaupt und wann sie weiterfahren könnte. Das sind Eindrücke, die sicher traumatisierend auf den ganz jungen Peter Szondi gewirkt haben.

DIE FURCHE: Wie erlebten Sie Szondi im Seminar?
Reichert:
Manchmal herrschte minutenlanges Schweigen im Celan-Seminar. Er stellte eine Frage in den Raum. „Was sagen Sie dazu?“ Es kam keine Antwort, und er schwieg – eben wie im Gespräch. Irgendwann wurde es den Studenten zu viel; die Spannung war zum Zerreißen. Dann sagte einer etwas, und der Bann war gebrochen. Aber das musste man aushalten können, angesichts eines Textes einfach zu schweigen.

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