Kleine Welt, wo Österreich Probe hält

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Der Neuankömmling wurde lange Zeit stiefmütterlich behandelt. Doch die Aufholjagd ist gelungen, heute erblüht das Burgenland als autonome Kraft.

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Der Neuankömmling wurde lange Zeit stiefmütterlich behandelt. Doch die Aufholjagd ist gelungen, heute erblüht das Burgenland als autonome Kraft.

Im heurigen Jahr gilt es, der Heimkehr des Burgenlandes nach Österreich, der Entstehung dieses neunten österreichischen Bundeslandes, zu gedenken. Schon 1919 wurde das Burgenland im Friedensvertrag von St. Germain Österreich zugesprochen und im Friedensvertrag von Trianon - der so wie der österreichische mehr ein Diktat der Siegermächte des Ersten Weltkrieges als ein echter Vertrag war - Ungarn aberkannt. Bis dahin war das Burgenland ein Teil Ungarns und wurde "Deutsch-Westungarn" genannt. Karl Renner, der Leiter der Regierungsdelegation und Außenminister der Republik nach Otto Bauer, der selbst mit einer Frau aus Güssing - mit seiner über alles geliebten Luise - verheiratet war und sich dafür einsetzte, dass das spätere Burgenland zu Österreich kam, sagte einmal scherzhaft: "Die Tatsache, dass das Burgenland zu Österreich gekommen ist, ist ein Zeichen, dass wir den Krieg doch nicht ganz verloren haben".

Es scheint mir nicht überflüssig, zu erwähnen, dass das Burgenland ursprünglich "Vierburgenland" genannt werden sollte. Aber nicht - wie eine nach wie vor verbreitete irrige Meinung und Volksetymologie annimmt - von den zahlreichen Burgen, die in diesem Bundesland existieren, stammt der Name, sondern von den vier auf "-burg" endenden Komitaten Ungarns, zu denen das Land ursprünglich gehörte.

Hauptstadt geraubt Doch von der Unterzeichnung des Friedensvertrages von St. Germain im September 1919 bis zur endgültigen Besitznahme des Burgenlandes und seiner Einverleibung in das österreichische Staatsgebiet war noch ein weiter Weg. Die Ungarn wollten sich nicht mit dem Verlust dieses Gebietes abfinden und setzten dem ersten Versuch einer Landnahme im August 1921 durch die österreichische Gendarmerie den entschlossenen Widerstand durch Freischärler entgegen. Erst der zweiten Landnahme durch das österreichische Bundesheer im November/Dezember 1921 war Erfolg beschieden. Allerdings musste sich Österreich nach der Einschaltung der Italiener als Vermittlungsmacht in den Venediger Protokollen schon vorher mit einer Volksabstimmung in Ödenburg abfinden. Unter starkem Druck der ungarischen Behörden, die ihre Stellung am Ort des Geschehens ausnützten, fiel diese schließlich gegen Österreich aus. Damit sah sich Österreich auch der geographisch und kulturell prädestinierten Landeshauptstadt, die schon im Rahmen eines eigenen Bundesverfassungsgesetzes im Oktober 1920 zur Hauptstadt des neuen Bundeslandes erklärt worden war, beraubt.

Mein Onkel Ludwig Leser, der in der Ersten Republik als sozialdemokratischer Landeshauptmannstellvertreter und ruhender Pol des politischen Lebens unter acht Landesregierungen wirkte und auch 1945 erster provisorischer Landeshauptmann wurde, wollte die Macht der Tatsachen nicht anerkennen und kämpfte noch 1945/46 um die Rückgewinnung dieser Österreich vorenthaltenen Hauptstadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das aber noch aussichtsloser als nach dem Ersten. Heute ist Eisenstadt in die Rolle einer Landeshauptstadt, zu der sie schon 1925 erklärt wurde, hineingewachsen, in der Ersten Republik jedoch war das Fehlen Ödenburgs eine tiefe Wunde, an der die Burgenländer schmerzlich litten.

Mit der Besitznahme des Burgenlandes wurde es territorial ein Teil Österreichs, die Integration in die österreichische Gesellschaft und die Gleichberechtigung mit den anderen österreichischen Bundesländern war damit aber noch lange nicht erreicht. Der Neuankömmling musste sich mit einem stiefmütterlich bedachten Platz zufriedengeben und hinkte der Entwicklung im übrigen Österreich nach. Für diese Benachteiligung des Burgenlandes war nicht nur die Knappheit der finanziellen Mittel, die dem Staat zur Verfügung standen, maßgebend, sondern auch die mangelnde Bereitschaft der Bürgerblockregierung in Wien, sich voll für das Burgenland einzusetzen. Nach wie vor war nämlich das Burgenland ein Zankapfel zwischen Österreich und Ungarn, und Wien vermied es tunlichst die halbfaschistische Regierung Horthy, mit der man gute Beziehungen unterhielt, zu verstimmen. Außerdem hatte Ungarn dem Landstrich, der bis 1919 voll unter seiner Gewalt stand, in vieler Hinsicht ein Erbe der Rückständigkeit hinterlassen: Vor allem die Straßenverhältnisse waren katastrophal und verlockten die übrigen Österreicher und die Ausländer nicht, dieses entlegene Gebiet zu besuchen.

Allerdings muss man der Wahrheit die Ehre geben und anerkennen, dass es auch Bereiche gab, in denen Ungarn Österreich eine positive Vorgabe hinterlassen hatte. Das ungarische Amtmännersystem, das die Gemeinden von Beamten mit Matura verwalten ließ, war dem System der Gemeindesekretäre, das im übrigen Österreich herrschte und nicht an eine solche Qualifikation gebunden war, voraus und überlegen.

Leser über Leser Der schon erwähnte Ludwig Leser, der wohl die größte Persönlichkeit war, die in diesem Land wirkte, gab die Devise aus: "Das Burgenland muss europäisiert werden". Er bemühte sich nach Kräften, den widerstrebenden Verhältnissen und Umständen ein Maximum an Konsolidierung für das Land abzugewinnen. Er warb vor allem durch Vortragsreisen in Deutschland für das neue Land und erhielt in Würdigung dieser Bemühungen 1931 den philosophischen Doktor h.c. von der Universität Heidelberg. Leser verzweifelte aber trotz gewisser Fortschritte und Avancen, die dem Lande gemacht wurden, an der Möglichkeit, das Burgenland ohne weiteres vollwertig an Österreich anzuschließen. Er und viele andere mit ihm meinten damals, das Burgenland nur auf dem Umweg des Anschlusses Österreichs an Deutschland voll in Österreich beheimaten zu können. Freilich schwebten Leser und anderen nicht das Deutschland Hitlers, das sich damals noch nicht als echte Gefahr ankündigte, sondern das der Klassiker Goethe, Schiller und Lessing vor.

Der Anschluss an Deutschland sollte Jahre später unter Umständen erfolgen und Wirkungen zeitigen, die die meisten Österreicher von dem Wunsch, ein Teil Deutschlands zu sein und zu bleiben, kurierte. Das Burgenland wurde im Dritten Reich - zur großen Enttäuschung vieler - als Einheit zerschlagen und zwischen Niederdonau und Steiermark aufgeteilt. Erst im August 1945 wurde es gegen zentrale Widerstände wiedererrichtet, die nicht zuletzt die burgenländischen Politiker Ludwig Leser für die SPÖ und Lorenz Karall für die ÖVP mit dem Rückhalt der burgenländischen Bevölkerung, die sich nach ihrem alten Land zurücksehnte, überwinden konnten.

Die Erste Republik war aber nicht nur durch den Kampf des Burgenlandes um seine Geltung im Rahmen Österreichs charakterisiert, es gab auch einen Kulturkampf, der sich vor allem an der Schulfrage entzündete. Die Schulen standen - wie in der ungarischen Zeit - unter Aufsicht der Kirche, beziehungsweise des örtlichen Pfarrers. Die Sozialdemokratie kämpfte erbittert gegen diese "burgenländische Schulschande", die Christlichsozialen verteidigten sie mit nicht minderer Vehemenz. In der Ehefrage, der Frage der Scheidbarkeit von Ehen und der Möglichkeit der Wiederverheiratung verliefen die politischen Fronten hingegen umgekehrt. Sah doch die im Burgenland festgeschriebene ungarische Lösung eine obligatorische Zivilehe vor. Heute, da im Burgenland wie im übrigen Österreich eine zivilrechtliche Ehe- und eine vorrangig staatliche Schulregelung herrscht, mutet der damalige Konflikt anachronistisch an.

Auf der Basis des Antiklerikalismus und Deutschnationalismus wurde in der Ersten Republik aber Politik gemacht: so wurde der Großdeutsche Dr. Alfred Walheim, obwohl Vertreter der kleinsten Partei, zweimal zum Landeshauptmann gewählt. Man kann sich rückblickend des Eindrucks nicht erwehren, dass die katholische Kirche mit Hilfe ihres verlängerten politischen Armes der Christlichsozialen Partei verbissen um Machtpositionen kämpfte und Rückzugsgefechte lieferte, in der Meinung, damit pastoralen Anliegen gerecht zu werden und dem Glauben abträgliche Gefahren abzuwenden. Heute stellt sich klar heraus, dass es nicht die inzwischen geräumten Positionen waren und sind, die der kirchlichen Frömmigkeit - die im Burgenland übrigens religionssoziologisch erhoben, die beste in Österreich ist - Abbruch tun. Vielmehr sind es die Versuchungen, die mit dem einseitigen Konsumdenken einer materialistisch gesinnten Zeit, die auch vor dem Burgenland nicht Halt machte und sich zum Beispiel in der gewaltsamen Zerstörung der alten Ortsbilder und deren Ersetzung durch geschmacklose Modernisierung auswirkte, einhergehen.

Kein Anhängsel mehr Doch wenn die Burgenländer auch da und dort im Eifer des Gefechtes übers Ziel schossen und Traditionen zerstörten, die erhaltenswert gewesen wären, es lässt sich nicht leugnen, ja es ist positiv hervorzuheben, dass das Burgenland in der Zweiten Republik auf vielen Gebieten eine Aufholjagd zu absolvieren hatte und damit auch erfolgreich war. Im materiellen Bereich sind vor allem die modernen Straßen zu erwähnen, die das Burgenland erst richtig erschlossen und an das übrige Österreich angeschlossen haben. Doch auch im Bereich des Kulturell-Religiösen und des Staatlich-Offiziellen hat sich das Burgenland emanzipiert und ist von einem Anhängsel Wiens zu einer autonomen Kraft geworden. So kam es 1960 zur Errichtung einer eigenen Diözese und im staatlichen Bereich zur Installierung der einem Bundesland zustehenden Landesgerichtsbarkeit.

Die Geschichte des Burgenlandes ist so zu einer Erfolgsgeschichte geworden. Wenn Friedrich Hebbel den mit Recht oft zitierten Satz "Dies Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält" prägte, so lässt sich im Hinblick auf das Burgenland sagen, dass es ähnlich wie Österreich als Mikrokosmos der großen Welt als Mikrokosmos Österreichs gelten kann.

Der Autor, Professor für Gesellschaftsphilosophie an der Universität Wien, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Institutes für neuere österreichische Zeitgeschichte ist gebürtiger Burgenländer (Oberwart).

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