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Klosterbibliotheken in der Großstadt: "Jesuiten haben immer schon viel geschrieben"

1945 1960 1980 2000 2020

Von Petrus Canisius und anderen: Kleinode bibliothekarischen Bestandes in Wien.

1945 1960 1980 2000 2020

Von Petrus Canisius und anderen: Kleinode bibliothekarischen Bestandes in Wien.

Breite, in Leder gebundene alte Buchrücken, sorgfältig in bereits vergilbtes Schutzpapier eingeschlagene Bände, Taschenbücher: in deckenhohen, eng stehenden Regalen ist der Bestand der Provinzbibliothek der Jesuiten am Ignaz-Seipl Platz untergebracht. Sie umfasst etwa 20.000 Bände und spiegelt in einzigartiger Weise die Geschichte der österreichischen Ordensprovinz wider. 1551 begann die "Societas Jesu" an der Universität in Wien ihre Lehrtätigkeit, 1560 verfasste Petrus Canisius den ersten katholischen Kathechismus in deutscher Sprache. Zwei frühe Ausgaben aus dem 16. Jahrhundert zählen zu den wertvollsten und ältesten Büchern. Auch die "Ratio Studiorum", eine Studienordnung, die 1599 für alle Jesuiten-Universitäten und Schulen verfasst wurde und bis 1773 gütig war, findet sich hier. Für Forscher besonders ergiebig sind die "litterae annuae" mit den Jahresberichten der Häuser aller Provinzen versammelt, die jährlich an den Papst gesandt wurden. Viele davon stehen in der Nationalbibliothek, zwei Bände gibt es nur bei den Jesuiten.

"Für Ethnologen sind das wichtige Quellen, die viel über die Volksfrömmigkeit und das Seelsorgeverständnis einzelner Häuser aussagen", meint Helga Penz, die das Archiv betreut. "Die Berichte der Missionare aus Übersee reichen noch weiter: sie schreiben auch über die zu missionierenden Völker, ihre Pflanzen und Tierwelt." Im "Neuen Welt-Bott" erschienen kontinuierlich gesammelte Schriften und Briefe der Missionare aus exotischen Ländern. Sie waren als informative Lektüre hochgeschätzt, auch der Philosoph, Mathematiker und Naturforscher Gottfried Leibnitz las darin.

"Unsere Bibliothek besteht aus zwei Teilen: der eine ist die Forschungsbibliothek zur Geschichte des Ordens, im zweiten wird das Schriftgut aller österreichischen Jesuitenpatres gesammelt. Jeder, der ein Buch oder einen Artikel verfasst, liefert ein Belegexemplar an die Bibliothek", erklärt Penz. "Jesuiten haben immer schon viel geschrieben, Schriftlichkeit gehört zur Grundausstattung geistlicher Klöster." Historisches Gedankengut wird gepflegt, reflektiert, aus Nachlässen und Antiquariaten erweitert und gesammelt. Wer Einsicht in die Bücher nehmen möchte, kann das nach Terminvereinbarung vor Ort tun, zwischen 80 und 100 Anfragen von Studierenden und Forschern langen pro Jahr ein. Abgesehen davon hat jedes Haus eine Handbibliothek zum internen Gebrauch.

In unmittelbarer Nähe der Jesuiten liegt ein ordensbibliothekarisches Kleinod: Die Dominikaner besitzen eine exquisite Handschriftensammlung. Die reiche Schrifttradition der Stifte und Klöster spiegelt sich in ihren Bibliotheken wider, allein in Wien gibt es 20 davon. Die bedeutendste ist wohl die der Benediktiner im Schottenstift, deren Wurzeln als erste Schreibstube Wiens bis ins Mittelalter reichen. Ihr Buchbestand umfasst 200.000 Bände sowie 442 Inkunabeln und acht Globen. Die Bibliothek ist ausschließlich für wissenschaftliche Zwecke und nach vorheriger Anmeldung nutzbar, der zuständige Prof. Gerhard Schlass telefonisch kaum zu erreichen. Ein weiteres herausragendes Juwel ist die Bibliothek der Mechitaristen, die gleichfalls einen Bestand von 200.000 Bänden mit einer exquisiten Sammlung armenischer Handschriften und zwei Globen aufweist. Der Umfang der anderen Klosterbibliotheken Wiens bewegt sich zwischen 3.000 (Clarentiner) und 30.000 Bänden (Brüder der christlichen Schulen.) Interessierte können sich unter www.klosterbibliotheken.at einen Überblick verschaffen.

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