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König Wallners Glück und Ende

ÖOC-Präsident Leo Wallner nahm diese Woche seinen Hut. Mit ihm verschwindet ein rot-weiß-rotes Sportsymbol besserer Zeiten. Kämpfe um Macht, Geld und Doping haben ihn zu Fall gebracht. Drehbuch eines Trauerspiels.

Rien ne va plus! Game over. Die glänzende Karriere von Leo Wallner, dem langjährigen Casino-Boss, der Glücksspiel für sich selbst immer ablehnte, ist vorbei. Am Ende hat das österreichische olympische Komitee scheinbar doch zu hoch gepokert. Die Kugel fiel auf Sotschi. Wer weiß, was passiert wäre, wenn Salzburg den Zuschlag für die Winterspiele 2014 bekommen hätte? Vielleicht wäre es gewesen wie im Sport: Wer am Ende gewinnt, hat alles richtig gemacht. Aber so? Die Staatsanwaltschaft prüft Geldflüsse rund um Salzburgs Olympiabewerbung, Ex-ÖOC-Generalsekretär Heinz Jungwirth soll Gelder veruntreut haben. Wallners Lebenswerk hat Kratzer bekommen. Die Art und Weise erzählt mehr über die Österreicher und den Sportbetrieb, als so manchem Funktionär lieb sein wird.

Leopold Wallner, 1935 als Sohn eines Holzhändlers in Amstetten geboren, begann seine Karriere als Liebling des Kanzlers. Von Josef Klaus 1964 als Wirtschaftsberater engagiert, hält er Vorträge im ganzen Land. „Der junge Gentleman“, wie Klaus ihn nennt, repräsentiert gern, kann gut mit Leuten. Als ÖH-Vorsitzender der Hochschule für Welthandel hatte er Hannes Androsch, Franz Vranitzky und Heinz Fischer kennengelernt, beim CV mit Leopold Figl und Julius Raab Bierkrüge gestemmt. Alles in allem der Grundstein für das „System Wallner“: Wann immer es Hindernisse zu überwinden galt – mit seinem Draht in die politischen Reichshälften alles kein Problem.

Millionen für die Sportförderung

Über eine Studie, die er verfasst, kommt er zum Glücksspiel. Von 1968 bis 2007 macht er als Generaldirektor der Casinos Austria aus der verruchten, schmutzigen Branche ein blitzblankes, globales Imperium. Sein Gesicht steht für das korrekte Nachkriegsösterreich, sein Ruf ist makellos. Mit dem Sporttoto-Gesetz und der Einführung des Lottos 1986 bringt er zig Millionen an Sportförderung zum Sprudeln. In seiner Biografie erscheint der katholisch erzogene Wallner mit dem Bau eines Casinos in Jericho, auf palästinensischem Autonomiegebiet, sogar als Friedensstifter im Nahen Osten. Er traf sich mit Arafat, Netanjahu gab seine Zustimmung. 1998 eröffnete das Casino Oasis. Wallner fragt Stronach, ob er seine Kugel nicht daneben aufstellen will – als Schauplatz der drei Weltreligionen. In großen Schwimmbecken sollten die Kinder von Juden, Christen und Arabern plantschen. Dann kam leider die zweite Intifada dazwischen.

1990 hatte Heinz Jungwirth Wallner beim Mittagessen überredet, neuer Präsident des ÖOC zu werden. Jener Generalsekretär, von dem Wallner jetzt „enttäuscht“ ist. Er soll sich persönlich bereichert haben. Nach einer internen Revision wurde für die vergangenen drei Jahre eine Schadenssumme von 72.000 Euro errechnet und Strafanzeige gestellt. Wallner, der Reisen selbst bezahlte, sei geknickt, heißt es aus seinem Umfeld. Weit größerer Schaden droht seinem Image durch die Affäre um Salzburgs Olympiabewerbung 2014. Die Staatsanwaltschaft untersucht Geldflüsse zwischen der Salzburg Winterspiele GmbH, die Steuergelder der Bewerbung verwaltete, und dem Wiener Olympia Förderverein – der von ÖOC-Personal geführt wurde und dessen Präsident Wallner war. Über den Verein flossen die Sponsorgelder. „Um alles sauber zu trennen“, sagt ÖOC-Kassier Gottfried Forsthuber. Um Kontrolle zu umgehen, sagen Kritiker. Bei der Suche nach Aufklärung waren einige Kassabücher und Belege nicht auffindbar. „Als Verantwortlicher muss Kontrolle mein höchstes Interesse sein, damit ich ruhig schlafen kann“, sagt Beppo Mauhart, Kopf der erfolgreichen Bewerbung Österreichs zur Fußball-EM. „Vielleicht war er zu gutgläubig“, sagt ÖOC-Vorstandsmitglied Paul Schauer. „Er ist eine hervorragende Persönlichkeit, hinter der man sich gerne versteckt hat. Jetzt sammeln sich die Lemminge hinter ihm.“

Als bekannt wurde, dass über den Förderverein horrende Beraterhonorare ausbezahlt wurden, gab Wallner an, von den täglichen Geschäften nichts gewusst zu haben. „Sache der Wiener“, sagte Heinz Schaden, Chef der Salzburger Bewerbungs-GmbH. Das brachte Erwin Roth auf die Palme, der um 1,1 Millionen Euro vom Förderverein engagiert worden war. Lauthals ging er auf Wallner und Schaden los, um ihrer Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. Sie hätten von allem gewusst. Wallners Unterschrift findet sich auf einigen Dokumenten. Wenige Tage später gibt er seinen Rücktritt bekannt. „Er ist aus anderem Schrot und Korn als Schaden“, sagt Roth. „Trotzdem ist es tragisch. Das hat er nicht verdient.“

Revanchefoul der Alpinen

Zeitgleich mit Wallners Rücktritt gab eine Art Sonderkommission des ÖOC die Rehabilitierung der restlichen Biathlon-Betreuer bekannt, die nach dem Doping-Skandal von Turin 2006 lebenslang für Olympia gesperrt worden waren. Im Quartier der Österreicher hatte man Utensilien für Blutdoping gefunden. Die Aufhebung des Banns ist ein Erfolg für ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, der dem ÖOC nach dem Skandal zähneknirschend eine Million Dollar zahlen und den Vorstand verlassen musste. Ein Konflikt, der in einer Anzeige und dem Vorwurf gegen Jungwirth gipfelte, er habe die Million für den Olympia-Förderverein verwendet – was nicht der Fall war. „Wer Schröcksnadel kennt“, sagt ÖOC-Kassier Forsthuber, „weiß, dass er nicht gerne verliert.“ Er habe Wind gegen das ÖOC gemacht. „Wie zu hören war, hat er einen Herrn beim Kurier angerufen. Der hat alles losgetreten.“ Blödsinn, sagt Schröcksnadel. „Ich hab nix angestellt und misch mich auch nicht ein.“ Wir sind nicht die Bösen – wiederholt er in puncto Doping mantra-artig. Persönlich wird er sich aber hüten, zum Strafprozess nach Turin zu fahren. Seine Medienberater haben ihm abgeraten, sich flankiert von Carabinieri auf der Anklagebank zu zeigen.

Leo Wallner legten seine Berater den Rücktritt nahe, als der öffentliche Druck zu groß wurde. In einer Sportindustrie, wo große Männer Politik machen, ist Image ein hohes Gut. Das Image Österreichs im Ausland wird dabei scheinbar oft vergessen. Österreich, zu klein für Doping? Irgendwelche Unregelmäßigkeiten? Wir haben nichts gemacht. Wir doch nicht. Jetzt nicht und früher auch nicht. Land der gemütlichen Schlawiner. Und Prost.

Jetzt fragen alle: Ging er zu spät?

Leo Wallner war stets als Mister Cool bekannt. Nichts konnte ihn aus der Fassung bringen. Eine Selbstdisziplin, die er sich antrainiert hatte. Im Juli 2006 muss er aber fast die Contenance verloren haben. Damals erfuhr er aus der Presse, dass die ÖVP-BZÖ-Regierung eine Liberalisierung des Glücksspielmonopols plante. Hinter seinem Rücken! Vom „Lex Novomatic“ war die Rede. Die Konkurrenz war längst viel aktiver als zu Beginn seiner Laufbahn, als er der Junge mit den frischen Ideen war. Wallner brauchte zwei Tage, um das Vorhaben zu vereiteln. Insider witterten aber bereits das Erlöschen seiner Macht. Er ging zu spät – sagen Stimmen aus den Casinos Austria. Er ging zu spät, hört man auch in Bezug auf das ÖOC. Dabei wollte er Österreich noch bei den olympischen Spielen in Vancouver vertreten. Laut Forsthuber sei bei Salzburgs Olympiabewerbung nichts Verbotenes passiert: „Wallner hätte ein klares Wort sprechen müssen.“ Vielleicht einmal richtig auf den Tisch hauen. Aber das war eben nicht sein Stil.

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