Komödiantische Turbulenzen in Sevilla

Mit "Figaro“ startete die Volksoper einen neuen Mozart-Da-Ponte-Zyklus. Wieder mit Regisseur Marco Arturo Marelli und natürlich auf Deutsch.

Warum nicht an eine Erfolgsstory anschließen? Das dachte sich die Volksoper Wien und lud erneut Marco Arturo Marelli ein, für sie einen Mozart-Da-Ponte-Zyklus zu inszenieren. Schließlich verbindet den Schweizer Regisseur und Bühnenbildner mit diesem Haus eine beinahe vier Jahrzehnte währende Geschichte. Am Währinger Gürtel hat er Anfang der 1970er Jahre als Regieassistent gearbeitet, ehe ihn Direktor Eberhard Waechter für diese Mozart-Opern-Serie verpflichtete, deren Erfolg ihn rasch international bekannt, schließlich zum meist beschäftigten Regisseur der Staatsopern-Ära Holender machte.

Seinerzeit begann Marelli dieses Mozart-Projekt mit der "Così“. Diesmal entschied er sich für den "Figaro“, mit dem er außer in Wien auch in Madrid und Lau-sanne präsent war. Akklamiert, versteht sich, denn Marelli zählt zu jenen Regisseuren, die ein besonderes Sensorium für das Verhältnis von Raum und Musik haben, hier stets um eine stimmige Balance bemüht sind.

Kampf der Giganten

Auch diesmal ist es nicht anders. Es beginnt schon beim - auch von ihm konzipierten - Bühnenbild, wofür er sich von einem Bildnis des Goya-Schwagers und Hofmalers Karls III., Francisco Bayeu y Subías, sowie von einem Deckengemälde Daniel Grans, die, virtuos aufgesplittert, das jeweilige gräfliche Ambiente suggerieren, hat inspirieren lassen. Damit wird der Zuseher nicht nur ganz selbstverständlich in das Sevilla des 18. Jahrhunderts geführt, sondern auch mit zwei der bestimmenden Themen der Oper konfrontiert. Denn Subías’ Gemälde stellt den Kampf respektive den Sturz der Giganten dar - und was anderes symbolisiert der Kampf des aufmüpfigen Figaro gegen seinen adeligen Herrn? Mit Grans Darstellung der Aufnahme von Diana - nicht nur Göttin der Jagd, sondern auch Hüterin der Jungfräulichkeit - in den Olymp spricht Marelli jenes ius primae noctis an, das Almaviva bei Susanna für sich beanspruchen will.

Im Gegensatz zu seiner früheren, mehr die tragischen Aspekte des Stoffs betonenden Regie - schließlich finden im Finale nur Figaro und Susanna zum gemeinsamen Glück, während die Beziehung Almavivas zu seiner Frau offenbleibt - schlägt Marelli diesmal geradezu revueartige Töne an, sorgt dafür, dass die Protagonisten ständig in Bewegung sind, verlangt ihnen eine die Lachmuskeln zuweilen strapazierende Akrobatik ab.

Ein Kontrast zur musikalischen Darstellung, denn im Orchestergraben präsentiert sich Dirk Kaftan am Pult des sorgfältig studierten Orchesters als vorrangig um Präzision und Durchsichtigkeit bemühter Sachwalter der Mozart’schen Partitur, was vor der Pause seine Wirkung nicht verfehlt, während danach die Spannung etwas nachlässt. Was nicht zuletzt in der wenig aufregenden Art der Interpretation der Rezitative, aber auch an den Darstellern liegt, die - wie schon beim ersten Wiener Mozart-Marelli-Zyklus - auf Deutsch singen.

Italienisch liegt mehr in der Kehle

Für die Volksoper eine richtige Entscheidung, auch wenn man mit der etwas eckigen Übersetzung (Nicolas Brieger und Friedemann Layer) nicht immer einverstanden sein muss und den Sängern die italienische Originalversion gewiss besser in der Kehle liegt. Wenigstens wenn man über die entsprechenden vokalen Möglichkeiten verfügt, was bei der Premiere nicht bei allen der Fall war. Immerhin gab Jacquelyn Wagner eine rollendeckende Gräfin, sang sich Rebecca Nelsen als Susanna im Laufe des Abends immer mehr frei. Konstantin Wolffs Almaviva beeindruckte mehr gestisch als gesanglich. Yasushi Hiranos Figaro wie dem noch dazu distonierenden Cherubino Dorottya Lángs fehlte es an Volumen und Artikulationsklarheit.

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30. Nov., 3., 6., 11., 18., 28. Dezember

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