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Konfrontation mit den Wurzeln

Binyomin Jacobs, 60, ist seit Oktober 2008 Oberrabbiner des Interprovinciaal Opperrabinaat (IPOR). Dies ist der Zusammenschluss aller orthodoxen Gemeinden der Niederlande, mit Ausnahme der drei Städte Amsterdam, Rotterdam und Den Haag, die eigene Rabbinate unterhalten.

Die Furche: Nach ihrer Ernennung zum Oberrabbiner kündigten Sie an, sich um das Thema der Adoptivkinder in ihrer Amtszeit besonders kümmern zu wollen. Wieso?

Binyomin Jacobs: Als Rabbiner finde ich den Gedanken schockierend, dass Menschen geboren werden, aufwachsen und schließlich sterben, ohne zu wissen, dass sie eigentlich Juden sind. Was mich dazu bewegt, sind Andenken und Respekt gegenüber ihren ermordeten Eltern.

Die Furche: Eine äußerst sensible Angelegenheit...

Jacobs: Natürlich erfordert das Vorsicht. Es geht schließlich nicht darum, Menschen um jeden Preis mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren. Nach dem Motto: Ihr Leben ist kaputt, und ich stehe dafür in der Zeitung. Aber mein Amt kann mir den Zugang zu offiziellen Stellen wie Archiven erleichtern.

Die Furche: Wie kamen Sie mit dem Thema überhaupt in Berührung?

Jacobs: Zum einen kenne ich mehrere Fälle in meiner Verwandtschaft. Dann treffe ich als Rabbiner des Sinai Centrums, der einzigen jüdischen psychiatrischen Einrichtung Westeuropas, auf viele Menschen, die deswegen behandelt werden. Und wenn ich in Gemeinden zu Besuch bin, tauchen bei Veranstaltungen immer wieder Leute auf, die dort unbekannt sind und die irgendetwas suchen. Häufig sind dies ehemalige Adoptivkinder. Sehr oft stoße ich zufällig auf solche Geschichten. Ich gehe davon aus, dass es in den Niederlanden noch Hunderte dieser Kinder gibt.

Die Furche: Hat sich der gesellschaftliche Umgang mit dem Thema geändert?

Jacobs: Zunächst gab es dafür gar keine Öffentlichkeit. Das hat sich zwar geändert, doch all zu viel Interesse besteht immer noch nicht. Doch was noch schlimmer ist: Nach dem Holocaust bestand in den Niederlanden keine Möglichkeit, solche Personen aufzufangen und zu behandeln. Und wie hoch der Bedarf war, zeigt die Tatsache, dass noch heute zahlreiche Menschen psychologischen oder seelsorgerischen Beistand suchen, weil die Konfrontation mit ihren jüdischen Wurzeln einen so ungeheuren Einfluss auf ihr Leben hat.

Hunderte Kinder

gibt es in den Niederlanden, die ehemalige Adoptivkinder sind, deren leibliche Eltern Juden waren. Sie erfahren oftmals erst im Alter, dass sie Juden sind.

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