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Kongo, Molukken - und heute?

1945 1960 1980 2000 2020

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse wird mit Sachbüchern aus den Niederlanden und aus Flandern auch Geschichte und Politik diskutiert - und die Lage der Demokratien in Europa heute.

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Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse wird mit Sachbüchern aus den Niederlanden und aus Flandern auch Geschichte und Politik diskutiert - und die Lage der Demokratien in Europa heute.

Wer im Jahr 2016 einen Blick auf Europa wirft, der sieht: EU-feindliche Nationalisten, Separatisten und Ausländerfeinde jeglicher Couleur, Islamophobe und Rassisten treten hervor, rechte Populisten definieren in kleineren Ländern wie Dänemark, Ungarn, aber auch Österreich die politische Kultur, in Frankreich droht die Machtübernahme durch den Front National und in Deutschland etabliert sich in verdächtiger Eile die populistische Partei AfD, die es auf Muslime und Flüchtlinge abgesehen hat. Auf der Frankfurter Buchmesse sind in diesem Jahr Flandern und die Niederlande eingeladen, sie bringen interessante Sachbücher zur Krise der europäischen Demokratie in die Diskussion.

Den Romancier Stefan Hertmans ("Der Himmel meines Großvaters", Übers. I. Wilhelm, Hanser) konnte ich in Brüssel fragen, wie Geist und Macht um die Lösung dieser offensichtlichen Krise ringen: "Dieses Brüssel gibt es nicht, in dem sich EU-Mächtige und belgische Intellektuelle beraten", so Hertmans im Gespräch. "Das eine Brüssel ist der Hügel dort oben, wo sich gut genährte und sorgenfreie EU-Bürokraten keine großen Gedanken machen über das andere Brüssel hier unten, wo wir leben." Unten ist das Brüssel der verschärften sozialen Gegensätze, etwa im Stadtteil Molenbeek mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, aber, so Hertmans, nicht zwingend mit einem Clash of Cultures, wie ihn rechte Scharfmacher nach den islamistischen Terroranschlägen von Paris und Brüssel wieder propagieren.

Wiederkehr des Verdrängten

So weit mit Stefan Hertmans zur ersten Grundfigur dieser Lageerörterung, der schiefen Ebene der europäischen Repräsentation. Es gibt in Brüssel noch eine andere Figur der schiefen Ebene, eine eher nationale Disposition, angelegt in dem von unten nach oben zu richtenden Blick auf das Reiterdenkmal von Leopold II. Unten das Subjekt, oben Leopold II., König von Belgien von 1865 bis 1909 und Privatbesitzer des Freistaats Kongo von 1885 bis 1908, ein gnadenloser Ausbeuter der afrikanischen Bevölkerung. In diesem unhinterfragten Reiterdenkmal ohne jeglichen relativierenden Kontext erscheint eine verdächtige demokratische Disfunktionalität, eine offene Ignoranz gegenüber der historischen Verantwortung für den belgischen Kolonialismus, ein politisch Unbewusstes, das gefährlich zum Ausdruck drängt.

Ich habe den belgischen Historiker und Publizisten David Van Reybrouck gefragt, ob die für ehemalige Kolonialmächte typische Verdrängung der Geschichte zu einer Art negativer Ressource werden kann, einem Gedächtnis für Rassismus und Xenophobie: "Tatsächlich, ein Teil des kolonialen Diskurses kommt zurück. Das erinnert mich sehr an die Debatten in Kongo in den 1950er-Jahren, an die Vorstellung, dass andere Menschen nur dann wertvoll sind, wenn sie uns nachahmen. Damals konnte ein Kongolese ein Evalué oder Immatriculé werden, also den offiziellen Status einer als weiß angesehenen Person erhalten." Dann prüften belgische Beamte beim Zufallsbesuch, ob der Aspirant für eine weiße Identität auch mit Messer und Gabel essen kann und ob er in einem ordentlichen Bett schläft. "Heute geht es nicht mehr um Kongolesen, sondern um Muslime", so Van Reybrouck mit Hinweis auf einen nicht mehr nur unterschwelligen Rassismus in Belgien.

Ein weiteres Kapitel zur politischen Wiederkehr des Verdrängten liefert der niederländische Autor Frank Westermann ("Reden. Reden? Reden! Spricht man mit Terroristen?", Übers. G. Busse, U. Faure, Ch. Links). In seinem erzählenden Sachbuch über Terroranschläge und den Umgang mit Entführern rekapituliert er auch eine Geschichte aus den 1970er-Jahren. Damals haben Mitglieder oder Anhänger der Freien Südmolukkischen Jugend in den Niederlanden Züge entführt und Schulen überfallen, um die politische Anerkennung ihrer Heimat durchzusetzen. Diese Heimat sollte eine freie molukkische Republik werden, die Republik Malatu Selatan (RMS), aber die jugendlichen Terroristen haben nicht einmal die Inseln gesehen.

Denn die Freie Südmolukkische Jugend bestand aus Niederländern, aus der zweiten Generation jener 12.500 Südmolukker, die bei den sogenannten "Polizeiaktionen" gegen den indonesischen Befreiungskampf mit den Niederländern kollaborierten und später expatriiert wurden. Der Autor schreibt, dass die Assimilationsmühle offenbar versagt hat, ebenso aber der weiche Dutch Approach, das verhandlungsorientierte Krisenmanagement bei Entführungen.

Deliberative Demokratie

Westermann beschreibt die südmolukkische Minderheit in einem anhaltenden Setting sozialer Desintegration, das mit vielen Migranten vergleichbar wäre. Aber die politische Relevanz des Themas hat sich deutlich verschoben, auf die von rechten Populisten undifferenziert als Terrorgefahr apostrophierte muslimische Migrationsgesellschaft. Der "Erfolg" dieser symbolischen Exklusion lässt sich einmal mehr auf jene schiefe Ebene der Repräsentation zurückführen, auf die Abgehobenheit von Berufspolitikern. So argumentiert David Van Reybrouck, der das Scheitern der Politik in seinem Debattenbuch "Gegen Wahlen"(Üs. A. Braun, Ch. Links) auf das Prinzip des elektoral-repräsentativen Systems zurückführt, also dem Wählen von Berufspolitikern in bestimmten Abständen. Sein Lösungsvorschlag: Ein aleatorisch-repräsentatives System, die Auslosung von Bürgern, die für bestimmte Zeiten zu politischen Entscheidern werden: "Das wäre in der Flüchtlingsfrage eine sehr interessante Möglichkeit, vor allem wenn auch Flüchtlinge mitreden können. Heute ist das Thema angstbesetzt, Politiker haben Angst vor ihren Wählern, die EU hat Angst vor den nationalen Regierungen. Aber was wir jetzt machen, wird nicht mehr lange funktionieren, Wahlen, TV-Shows, Elefantenrunden."

Und was kann funktionieren? Eine deliberative Demokratie, so Van Reybrouk, die will, dass gut informierte Bürger langfristig mitdenken und mitentscheiden, auf der rationalen Basis von konkretem Wissen. Der Psychoanalytiker und Autor Paul Verhaege kommt in seinem neuen Buch "Autorität und Verantwortung" (Übers. C. Van den Block, Kunstmann) zu einem ähnlichen Schluss.

Zunächst skizziert er jedoch in der Tradition der Psychoanalyse eine Krise des Individuums und liefert einen ideengeschichtlich inspirierten Diskurs über Fragen von Identität und Autorität, Macht und Gewalt, die von Freud über Hannah Ahrendt bis zu neueren Theoretikern wie James Fishkin reicht, einem Pionier der deliberativen Demokratie. Verhaege schreibt: "Deliberation bedeutet 'Nachdenken'. Eine deliberative Demokratie ist demzufolge eine Demokratie, die auf Nachdenken basiert. Das klingt sehr einfach, ist jedoch von enormer Bedeutung. Meines Erachtens ist das der nächste Schritt im Demokratisierungsprozess, und im Idealfall kann deliberative Demokratie sogar eine gewaltlose Basis für die radikalen Veränderungen bieten, die ohnehin zu erwarten sind."

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