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Kreative Flucht nach vorn

Im Jänner war "Schmalzparty" angesagt. Im Februar drehte sich alles um die Marmelade, und im März gab's Biokäse für die Fastenzeit. Das "Heiligenkreuzer Gwölb" am Wiener Stephansplatz hat viele Schmankerln auf Lager. So richtig läuft das Geschäft mit den "Kostbarkeiten aus Klöstern" jedoch noch nicht, beklagt Geschäftsführer Fritz Hagenbüchl: "Vor Weihnachten war eine gute Zeit, doch jetzt sind wir nicht so zufrieden." Dabei läßt die Angebotspalette keine Wünsche offen: Weine ohne Ende stehen in den hellhölzernen Regalen, Kekse aus Frankreich gibt es zu knabbern und sogar Hirschwurst bietet man feil.

Bei solch exquisiten Delikatessen vergeht Schwester Theresia Sessing ein wenig der Appetit: "Ob uns das so gut tut, weiß ich nicht. Ich kann mir das jedenfalls nicht leisten." Die Generalsekretärin der Frauenorden in Österreich hat andere Sorgen. Als Sprecherin von etwa 100 weiblichen Ordensgemeinschaften mit insgesamt 629 Niederlassungen ist die gebürtige Niederländerin mit einem dramatischen Schwesternschwund konfrontiert. Konnte man im Jahr 1980 noch 12.000 Schwestern verzeichnen, so hat sich die Anzahl seither halbiert und hält nun bei rund 6.400 Ordensfrauen österreichweit. Noch bedenklicher ist die Altersstruktur: Nur 45 Prozent der Schwestern sind unter 65 Jahre alt. Ganze 40 Novizinnen und 34 Kandidatinnen für das Noviziat wurden verzeichnet.

Im Vergleich zu den männlichen Ordensgemeinschaften gestaltet sich die Nachwuchssituation bei den Frauen besonders schwierig. Wenn ernsthafte Interessentinnen bei ihr im Informationszentrum der Orden am Wiener Stephansplatz vorbeikommen, dann werde vor allem nach Sozialarbeit gefragt, meint die Hartmann-Schwester Sessing: "Viele junge Leute möchten nicht in diesen ,Machtblöcken' leben. Sie wollen zurück zum armen Leben." Die Rückkehr zu beweglicheren Gemeinschaften glaubt sie auch an den neuen Bewegungen zu erkennen, die gerade in der Diözese Wien entstehen: "Dazu gehören etwa die ,Kleinen Schwestern vom Lamm', die von Kardinal Schönborn 1996 nach Wien geholt worden sind. Sie gehen in die Häuser und betteln für sich um Brot. Die Reaktionen darauf sind geteilt. So etwas zu tun wäre auch nicht meine Berufung, aber ich halte es grundsätzlich für gut." Auch andere Neugründungen wie die Gemeinschaft der Schwestern Jesu, die Töchter Mariens und die Gemeinschaft der Seligpreisungen zeugen von diesem Hang zu flexibleren Gemeinschaften und charismatischer Spiritualität.

Trotz der nicht gerade rosigen Situation großer Orden mit ihren Spitälern, Kindergärten, Schulen und Altenheimen blickt Sessing gelassen in die Zukunft: "Man darf sicher nicht den Kampf aufgeben. Aber wir können keine Berufungen herbeizaubern, und Gott weiß schließlich, was er mit uns vorhat!"

Alterstendenz: Steigend Nicht ganz so dramatisch, aber dennoch schwierig ist die Situation der Männerorden. Die Ordensmänner sind im Vergleich zu den -frauen auch noch verhältnismäßig jung: Fast 60 Prozent sind laut kirchlicher Statistik unter 60 Jahre alt. Doch die Alterstendenz ist auch in den 316 österreichweiten Niederlassungen steigend. Gab es 1957 noch 4.000 Ordensmänner, so sank diese Zahl mit Ende 1998 auf 2.500. 34 Novizen bereiteten sich 1998 auf die Gelübde vor. Das Kuriose dabei: Noch nie war die Zahl der Neugründungen von Gemeinschaften beider Geschlechter so groß wie seit 1975. 20 neue Gemeinschaften haben sich allein in Wien konstituiert. Für Sebastian Bock, Laienmitarbeiter bei der Superiorenkonferenz der 55 männlichen Ordensgemeinschaften Österreichs, ein Signal: "Wir verzeichnen einen enormen spirituellen Aufbruch, besonders aus Frankreich. Zuwächse haben vor allem die neuen geistlichen Bewegungen, die ,movimenti'. Diese Leute suchen die Nähe zum Menschen, sie wohnen lieber in Etagenwohnungen als in prächtigen Klöstern." Ein Umstand mache es jungen Menschen besonders schwer, sich für ein klassisches Ordensleben zu entscheiden, vermutet Bock: "Früher sind viele einfach mitgeschwommen. Heute müssen Ordensleute Führungskräfte sein."

Pastorale Probleme Die Folgen der Ordensscheu bekommen nicht nur die Klöster zu spüren. In Österreich stützen sich viele Diözesen auf die Mitarbeit der Orden und können nur mit ihrer Hilfe den pastoralen Dienst erfüllen. Besonders schwierig ist die Situation der Ordensspitäler, erklärt Bock: "Drei weltliche Schwestern ersetzen eine geistliche Schwester. Wer will aber für drei arbeiten in einem Krankenhaus? Um als Krankenschwester zu arbeiten, brauche ich außerdem in keinen Orden zu gehen." Man sei existentiell auf Laien angewiesen. Die Gretchenfrage sei, inwieweit sich ein Ordensspital noch von einem "normalen" Krankenhaus unterscheide und ob es möglich sei, Angestellte als Träger eines religiösen Geistes zu sehen oder als bloße Arbeitnehmer. Ähnlich gestaltet sich das Problem bei den katholischen Privatschulen, doch hier hat man schon 1992 zur Selbsthilfe gegriffen: Die Vereinigung von Ordensschulen Österreichs nimmt sich jener Orden an, die ihre Bildungseinrichtungen nicht mehr erhalten können. Hauptaufgabe dieses Vereins ist es, neben dem finanziellen Überleben der Schulen auch ihre religiöse Eigenprägung zu retten. Ob das gelingt, wird sich weisen.

Aufbrüche Im Westen befindet sich die Kirche "in einer winterlichen Zeit" - so lautete zumindest die Diagnose Karl Rahners. Auch Kurt Schmidl vom Canisiuswerk teilt diesen Befund: "Wenn Rom sagt, die Ordensmänner und -frauen werden mehr, so stimmt das für die Welt, aber für Europa schaut's schlecht aus." Doch nicht überall befinden sich die Orden - was den Nachwuchs betrifft - in der Eiszeit: Besonders in Indien freut man sich über steigendes Interesse am Ordensleben. Doch auch in Osteuropa können sich mehr junge Menschen für die alternative Lebensform im Kloster begeistern. 27 der 53 Schwestern in der Wiener Noviziatsschule kommen beispielsweise aus Polen, Tschechien oder Ungarn.

Bleibt nun den traditionellen Orden in Österreich nur noch Resignation? Nicht zwingend. Es brodelt da und dort, nicht nur aufgrund der Tatsache, daß das Jahr 2002 von Österreichs Bischöfen zum "Jahr der Berufung" erklärt wurde. Manche Orden haben eine Berufungspastoral entwickelt, die sich sehen lassen kann. Im Linzer Haus "Manresa" geben die Jesuiten suchenden Menschen die Gelegenheit, drei Tage lang still und sich klar zu werden, ob sie zum Ordensleben oder einer anderen Form der gelebten Glaubens berufen sind. Der Priester und Psychologe Josef Maureder SJ leitet seit vier Jahren dieses "Haus der Berufungsklärung". 115 Interessierte nehmen dieses Angebot pro Jahr in Anspruch - Tendenz steigend, freut sich Maureder: "Wir sind offen auf die Lebensform hin. Es kommen also Männer und Frauen, die nach einer Möglichkeit der intensiven Nachfolge Jesu suchen." Von acht Besuchern, die zu Einzelexerzitien kommen, würden durchschnittlich sechs eine Lebensentscheidung treffen, erklärt der 39jährige Jesuit. "Und mindestens die Hälfte entscheidet sich für einen Orden oder ein Seminar, im vergangenen Jahr insgesamt 20."

Eine Prognose für die Zukunft der Orden wagt Maureder nicht, doch nimmt er wahr, "daß der Kreis der Interessenten wächst."

Die Herausforderung an die Orden sei eine dreifache, ist er überzeugt: Zum einen die Arbeit nach innen, "denn was bringt es, wenn junge Menschen anklopfen, aber dann gleich wieder gehen, weil sie in der Gemeinschaft oder den gegebenen Strukturen nicht leben und überleben können?". Zum zweiten die Arbeit mit jungen Menschen bei Orientierungstagen, Tagen der Stille und in Exerzitienkursen. Zum dritten schließlich eine effiziente Öffentlichkeitsarbeit. Wenn das Geld dazu reiche, so sein Zusatz.

Auch mit einer ausgeklügelten Berufungspastoral könne man jedoch nichts erzwingen, lautet die Erkenntnis des stellvertretenden Vorsitzenden der Superiorenkonferenz und Provinzials der Jesuiten, Alois Riedlsperger: "Wie der Funke in der persönlichen Berufung überspringt, wissen wir nicht."

Kreative Offensive Pforten auf, lautet also die Devise. Nicht nur junge Ordensleute sind gefragt. Auch das "einfache Fußvolk" soll hinter dicken Klostermauern zur Ruhe kommen. Im Leitfaden "Energie für die Seele tanken" publiziert das Canisiuswerk halbjährlich alle Veranstaltungen, die Interessierte in hiesige Klöster locken sollen. Das Interesse ist riesig, konstatiert Kurt Schmidl: "Wir verschicken 9.000 Exemplare im Halbjahr. Vor allem die Exerzitien interessieren die Leute. Klar, denn wo immer man heute hinkommt ist es laut, sogar auf der Alm." Eines sei jedoch gerade von Stillesuchenden zu bedenken: "Vielen ist nicht bewußt, daß bei vier Tagen Stille einiges aufbrechen kann."

Einen Schritt weiter geht die Plattform mit dem griffigen Titel "Klösterreich". Erst vergangenes Jahr wurde der "Verein zur Förderung aller kulturellen und touristischen Aktivitäten der Klöster, Orden & Stifte Österreichs" unter Federführung des Abtes von Stift Geras, Joachim Angerer, gegründet. Nach dem Motto "Bevor uns andere vermarkten, vermarkten wir uns selbst" nimmt sich der Verein der Interessen von mittlerweile 18 Klöstern in Nieder- und Oberösterreich, der Steiermark und Kärnten an. Kunstkurse, Gesundheitsangebote oder "Kloster auf Zeit" sollen den Häusern das Image touristischer Meilensteine zurückzuerobern. Medienwirksam sind die klösterlichen Selbstbeschreibungen auf jeden Fall: Seitenstetten bezeichnet sich als "Vierkanter Gottes", und Stift Heiligenkreuz wirbt mit dem Aufruf "Besuchen Sie die weißen Mönche im Wienerwald." Auch Kulinarisches kommt nicht zu kurz - die Erinnerung an das "Heiligenkreuzer Gwölb" legt diesen Schluß zumindest nahe.

Was aber soll dieses "Erlebnis für Leib und Seele" den 18 Stiften und ihren Besuchern bringen? Nun, ersteren den dringend benötigten Mammon. Und letzteren 18 gute Gründe, ins Kloster zu gehen.

Informationen: * Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften, 1010 Wien, Freyung 6/1/2/3 Tel.: 01/535 12 87-0. Web: www.kath-kirche.at/maennerorden * Vereinigung der Frauenorden Österreichs, 1010 Wien, Stephansplatz 6, Tel.: 01/512 82 94; Web: ourworld.compuserve. com/homepages/theresiasessing * Canisiuswerk, 1010 Wien, Stephansplatz 6, Tel.: 01/512 51 07,Web: www.canisius.at * "Klösterreich", c/o ITA, Hermann Paschinger, Prof. Kaserer-Weg 333, 4391 Straß im Straßertale, Tel.: 02735/55 35-0, Web: www.kloesterreich.at

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