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Kreuzzug anno 1999

Der Kampf der heimischen Montagmagazine läßt mitunter alle seriöse Vorsicht Makulatur sein: So kommt es, daß das profil schon auf der Titelseite in jeder Hinsicht euphorisch den Frieden am Balkan ausruft und im Blattinneren in großen Lettern von der Kapitulation Milosevi'cs spricht sowie vom Sieg der NATO. Daß so etwas wie Frieden im ehemaligen Jugoslawien sich bestenfalls als äußerst zähes Ringen, als kaum geglaubte und doch so erhoffte Entwicklung darstellt, steht in Widerspruch zu der propagandistisch gefärbten und von profil (und nicht nur von ihm) bereitwillig transportierten Einschätzung des Westens.

Auch das amerikanische Montagmagazin Newsweek hat es in sich. In der Ausgabe mit dem Erscheinungs- datum 14. Juni 1999 schreibt ein Gastautor namens Tony Blair, wie er sich die Zukunft am Balkan vorstellt. Schon der Titel des Aufsatzes "A New Moral Crusade" ("Ein neuer moralischer Kreuzzug") wirft mehr als Fragen auf: Denkt der britische Premier daran, was er mit derartigem Vergleich heraufbeschwört? Jene Kreuzzüge, bei denen im Mittelalter christliche Heere unter einem "moralischen" Deckmantel mordeten, brandschatzten und vieles taten, was man heutzutage unter anderem den marodierenden Serben-Armeen im Kosovo vorwirft; von einem neuen "Kreuzzug" zu reden - fast auf den Tag genau 900 Jahre, nachdem die christlichen Krieger Jerusalem eroberten und Massaker unter der muslimischen und jüdischen Bevölkerung anrichteten ...

"Wir haben jetzt die Chance, einen neuen Internationalismus aufzubauen, der auf Werten und auf der Herrschaft des Rechts basiert", schreibt Tony Blair in seinem Newsweek-Essay. Wie schön wäre das! Aber wer sich in Ignoranz gegenüber der Vergangenheit übt, darf sich nicht wundern, daß die gegenwärtige Geschichte des Balkans weiter in einem Meer von Blut geschrieben wird. Eine nüchterne und rationale Argumentation seitens des Westens nützte dem Anliegen einer künftigen Befriedung viel mehr, als das (Kriegs-)Pathos, das auch die NATO zu jedem ihrer Angriffe verbreitet.

P.S.: Vielleicht sind diese Zeilen bei Erscheinen ja obsolet, weil sich bei den NATO-G8-UNO-Serben-Verhandlungen doch etwas Substantielles bewegt. Dieses Risiko nimmt der Kommentator auf sich; aber ein - zustande gekommener - Friede ist ihm tausendmal lieber, als mit pessimistischer Einschätzung recht zu behalten.

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