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Feuilleton

Krise? Welche Krise denn?

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Was ist denn eigentlich gemeint, wenn stets von der Krise die Rede ist? Tatsächlich werden die Verhältnisse durch die Globalisierung umgepflügt. Konflikte sind eine Folge. Gerade in einer Krise ist es wichtig, eine Wahl zu treffen.

Nur wer alles in allem betrachtet, erhält ein vollständiges Bild, auch auf die Gefahr hin, dessen Betrachter könnten es als zu allgemein oder als zu grob gezeichent erachten. Der Wurf ist zu wagen, denn zu viel ist von der Krise oder von einer Krise die Rede, und kaum jemand vermag es zu benennen, was von allen damit gemeint sei. Niedrige Zinsen? Der Zustand des Euro oder doch jener des US-Budgets? Oder ist es eine Krise des Vertrauens, der Beziehungen, der Verbindlichkeit, der Legimität von Herrschaft? So viel an Krise war noch nie.

Zuvorderst ist festzuhalten, was Gesellschaften in sich umstülpt und zudem aufeinander prallen lässt: Die Digitalisierung und das Internet treffen unsere Zeit wie einst die Industrialisierung die Agrar- und Feudalgesellschaften. Die jederzeitige und allerortige Verfügbarkeit von Wissen und Information, von Technik und Kapital, verbunden mit einer unregulierten Globalisierung dieser Machtmittel, pflügt die Erde um, klaftertief, wahrscheinlich sogar tiefer als eine Armspannweite reicht.

Entfesselte Kräfte ohne Verankerung

Das Höchstmaß an Möglichkeiten bei gleichzeitigem Mindestmaß an Regeln hat enorme ökonomische Kräfte entfesselt, denen es an jeglicher moralischer Verankerung mangelt und die kein Dienen und keine Demut mehr kennen, nur mehr die Mehrung eigenen Wohlstands. Dass die Politik - einmal mehr - mitsamt dem Rechtssystem den technischen und ökonomischen Entwicklungen kaum zu folgen vermag, löste all die Preissteigerungen, Kurschwankungen und Spekulationen aus. Diese diskreditieren das politische System, weil es jene nicht zu schützen vermag, die des Schutzes vor entfesselten fremden Kräften bedürfen.

Was wir als Krise wahrnehmen ist zudem auch der Funkenflug an den Berührungsflächen verschiedener, teils gegensätzlicher Kulturen. Digitalisierung und Internet beflügeln den Austausch von Bildern, die vor Betrachtern landen, für welche sie weder gedacht waren noch geeignet sind, denn zwischen dem Hersteller und dem Betrachter gibt es keine Konvention, keine Übereinkunft darüber, was denn beispielsweise Humor ist. Was in westlichen Demokratien als Karikatur gilt, ist in islamischen Staaten bereits Beleidigung. Was dem einen als traditionelle und kulturelle Sitte gilt, ist dem anderen ein Verstoß gegen Menschenrechte. Wir verkehren interkulturell miteinander ohne zu wissen, wie, weil es an Bildung über die Art gelingender Begegnung mangelt, von Beziehung ganz zu schweigen.

Zu allen Zeiten fanden sich an allen Stellen der Welt jene Hitzköpfe, die aus Berührungspunkten prompt Reibungsflächen schufen, mit jeweils fatalen Folgen. Die sich daraus stets ergebenden Konflikte sollten nicht, um auf eine historische Lehre einzugehen, mit Bilderverbot, Wahrheitsministerien oder ethnischen Säuberungen gemildert werden. Brachial hergestellte Homogenität der Verhältnisse ist keine Lösung von Konflikten. Diese kann nur darin liegen, sich im Umgang mit dem andern zu üben. Doch auch hier war die Globalisierung schneller als die Lernfähigkeit - an die wir weiter ganz fest glauben wollen - ganzer Gesellschaften.

Entscheidungen als Antwort

Die Digitalisierung und das Internet, gepaart mit Globalisierung und Liberalisierung durchpflügen die Äcker dieser Erde nun schon eine Generation hindurch. Wie die Dinge liegen, wird es zumindest eine weitere Generation verbrauchen, ehe die Menschheit als Ganzes damit umzugehen gelernt hat, und das dann in einer Art, die das Leben und Überleben unter humanen Bedingungen für alle erlaubt, nicht nur für die glücklichen Besitzenden.

Das Jahr 2013 ist ein für Europa und für Österreich jeweils bedeutsames Wahljahr. Zu wählen haben wir weiters, wie wir uns all dem stellen, was als Ursache oder als Ausdruck der Krise gelten mag. Darüber wird es unterschiedliche Ansichten geben, doch außer Streit steht zweierlei: Es gibt, erstens, eine Krise und einen Umbruch, und wir haben, zweitens, mehrfach die Wahl. Diese ist zu treffen, will man der Krise begegnen.

claus.reitan@furche.at

Was ist denn eigentlich gemeint, wenn stets von der Krise die Rede ist? Tatsächlich werden die Verhältnisse durch die Globalisierung umgepflügt. Konflikte sind eine Folge. Gerade in einer Krise ist es wichtig, eine Wahl zu treffen.

Nur wer alles in allem betrachtet, erhält ein vollständiges Bild, auch auf die Gefahr hin, dessen Betrachter könnten es als zu allgemein oder als zu grob gezeichent erachten. Der Wurf ist zu wagen, denn zu viel ist von der Krise oder von einer Krise die Rede, und kaum jemand vermag es zu benennen, was von allen damit gemeint sei. Niedrige Zinsen? Der Zustand des Euro oder doch jener des US-Budgets? Oder ist es eine Krise des Vertrauens, der Beziehungen, der Verbindlichkeit, der Legimität von Herrschaft? So viel an Krise war noch nie.

Zuvorderst ist festzuhalten, was Gesellschaften in sich umstülpt und zudem aufeinander prallen lässt: Die Digitalisierung und das Internet treffen unsere Zeit wie einst die Industrialisierung die Agrar- und Feudalgesellschaften. Die jederzeitige und allerortige Verfügbarkeit von Wissen und Information, von Technik und Kapital, verbunden mit einer unregulierten Globalisierung dieser Machtmittel, pflügt die Erde um, klaftertief, wahrscheinlich sogar tiefer als eine Armspannweite reicht.

Entfesselte Kräfte ohne Verankerung

Das Höchstmaß an Möglichkeiten bei gleichzeitigem Mindestmaß an Regeln hat enorme ökonomische Kräfte entfesselt, denen es an jeglicher moralischer Verankerung mangelt und die kein Dienen und keine Demut mehr kennen, nur mehr die Mehrung eigenen Wohlstands. Dass die Politik - einmal mehr - mitsamt dem Rechtssystem den technischen und ökonomischen Entwicklungen kaum zu folgen vermag, löste all die Preissteigerungen, Kurschwankungen und Spekulationen aus. Diese diskreditieren das politische System, weil es jene nicht zu schützen vermag, die des Schutzes vor entfesselten fremden Kräften bedürfen.

Was wir als Krise wahrnehmen ist zudem auch der Funkenflug an den Berührungsflächen verschiedener, teils gegensätzlicher Kulturen. Digitalisierung und Internet beflügeln den Austausch von Bildern, die vor Betrachtern landen, für welche sie weder gedacht waren noch geeignet sind, denn zwischen dem Hersteller und dem Betrachter gibt es keine Konvention, keine Übereinkunft darüber, was denn beispielsweise Humor ist. Was in westlichen Demokratien als Karikatur gilt, ist in islamischen Staaten bereits Beleidigung. Was dem einen als traditionelle und kulturelle Sitte gilt, ist dem anderen ein Verstoß gegen Menschenrechte. Wir verkehren interkulturell miteinander ohne zu wissen, wie, weil es an Bildung über die Art gelingender Begegnung mangelt, von Beziehung ganz zu schweigen.

Zu allen Zeiten fanden sich an allen Stellen der Welt jene Hitzköpfe, die aus Berührungspunkten prompt Reibungsflächen schufen, mit jeweils fatalen Folgen. Die sich daraus stets ergebenden Konflikte sollten nicht, um auf eine historische Lehre einzugehen, mit Bilderverbot, Wahrheitsministerien oder ethnischen Säuberungen gemildert werden. Brachial hergestellte Homogenität der Verhältnisse ist keine Lösung von Konflikten. Diese kann nur darin liegen, sich im Umgang mit dem andern zu üben. Doch auch hier war die Globalisierung schneller als die Lernfähigkeit - an die wir weiter ganz fest glauben wollen - ganzer Gesellschaften.

Entscheidungen als Antwort

Die Digitalisierung und das Internet, gepaart mit Globalisierung und Liberalisierung durchpflügen die Äcker dieser Erde nun schon eine Generation hindurch. Wie die Dinge liegen, wird es zumindest eine weitere Generation verbrauchen, ehe die Menschheit als Ganzes damit umzugehen gelernt hat, und das dann in einer Art, die das Leben und Überleben unter humanen Bedingungen für alle erlaubt, nicht nur für die glücklichen Besitzenden.

Das Jahr 2013 ist ein für Europa und für Österreich jeweils bedeutsames Wahljahr. Zu wählen haben wir weiters, wie wir uns all dem stellen, was als Ursache oder als Ausdruck der Krise gelten mag. Darüber wird es unterschiedliche Ansichten geben, doch außer Streit steht zweierlei: Es gibt, erstens, eine Krise und einen Umbruch, und wir haben, zweitens, mehrfach die Wahl. Diese ist zu treffen, will man der Krise begegnen.

claus.reitan@furche.at