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Krishna liebt das bunte, ausgelassene Leben

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In Nepals Hauptstadt Katmandu eröffnet sich dem Besucher ein Land voll faszinierender Fremdartigkeit, mit verwirrenden Sitten und religiösen Gebräuchen.

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In Nepals Hauptstadt Katmandu eröffnet sich dem Besucher ein Land voll faszinierender Fremdartigkeit, mit verwirrenden Sitten und religiösen Gebräuchen.

Katmandu: Die lebende amtierende Göttin Kumari empfängt nicht. Sie darf nicht, ist Gefangene ihrer Funktion als Schutzheilige, die alles Unheil von der Stadt und ihren Bewohnern abwenden soll. Die Kumari ist ein etwa siebenjähriges Mädchen. Nur zu bestimmten sieben hinduistischen Festtagen darf die hauptamtliche Göttin von Nepals Hauptstadt ihren Palast verlassen und wird auf einer Prunksänfte herumgetragen, um sich dem Volk zu zeigen und Segen zu erteilen. Mit dem Einsetzen ihrer Menstruation erlischt die göttliche Funktion der Kumari und ein anderes kleines Mädchen tritt an ihre Stelle.

Der Palast der Kumari befindet sich am Basantapur-Platz, nahe dem großen alten königlichen Palast (er umfaßte 40 Höfe). Insgesamt bauten die diversen Könige nahezu 100 Paläste. Zu den jeweiligen Palästen gehörten die Stallungen der königlichen Elefanten, denen es oft besser ging als dem Volk selbst.

Als das Automobil die Elefanten zu ersetzen begann, gab es nur ein kurzes Straßenstück, das vom Fahrzeug befahren werden konnte. Also trug man die für das Herrscherhaus bestimmten Automobile von Indien aus über die Berge nach Katmandu. In den Ebenen herrscht (bis heute) der Wasserbüffel, in den schwer zugänglichen Hochlagen der Yak.

Als Reittier für Jagden hatte der Elefant seine unvergleichlichen Vorzüge als "geländegängiges" Transportmittel. Besonders auf der Jagd nach dem bengalischen Königstiger, der das südliche Sumpfland des Terai zu vielen Hunderten bevölkerte. Dereinst. Doch dann erlegte der König mit seinen Jagdgesellschaften nicht selten hundert Tiere. Auf einmal. Heute wäre man glücklich, könnte man noch über zehn Tiger zur Aufzucht verfügen.

Abseits der infernalischen Hauptverkehrsroute, auf der halsbrecherische Fahrkünstler unentschlossen zwischen Links- und Rechtsfahren pendeln, um ein Vorwärtskommen auf den Straßen kämpfen, dort wo in den Gassen der Lärm verebbt und die Besinnlichkeit einkehrt, taucht man unversehens in eine mystische Welt mit für uns fremdartigen religiösen Gebräuchen.

Der Hinduismus (etwa 87 Prozent der Bevölkerung, etwa acht Prozent huldigen dem Buddhismus) kennt Tausende von Göttern. An der Spitze des hinduistischen "Olymps" steht Brahma, der Schöpfer. Ihm folgen Vishnu, der Bewahrer, und Shiva, der Zerstörer. Danach die Schar zahlloser anderer Götter, die verwirrend viele Funktionen erfüllen (sollen).

Mit etwas Glück kann man Tieropfer zur Besänftigung Shivas erleben. Dabei werden von in Trance versetzten Priestern kleinen Ziegen die Hälse durchgeschnitten und das austretende Blut in einer feierlichen Zeremonie aus der Wunde geschlürft.

Opfer für die Göttin Zu einer wahren Blutorgie kommt es während des Festes Dasain (im Oktober) zu Ehren der Göttin Durga; es ist das beliebteste Fest Nepals und dauert zehn Tage. Während der Zeremonie werden Hunderte von Wasserbüffeln und Ziegen geopfert. Mit ihrem Blut segnet man Arbeitsgeräte, Waffen, Fahrzeuge - ja sogar Flugzeuge, damit sie vor Unfällen gefeit seien.

Im Katmandu-Tal ist Gott Ganesch sehr beliebt, er wird auf einer Ratte sitzend dargestellt, die er als Reittier benützt.

Ein seltsamer, wenn auch manchmal unangenehmer Festtagsbrauch ist Holi, zu Ehren Krishnas gefeiert. Zunächst werfen Kinder wassergefüllte Luftballons auf Passanten. Am Vollmondtag wird rotes Farbpulver geworfen, manchmal auch Beutel mit Ölfarbe oder Schmieröl. Krishna liebt die bunten Farben und die Ausgelassenheit der Jugend. So versichern die ausgelassenen Akteure.

Eines der größten Heiligtümer der Hindus ist die Tempelanlage Pashupatinath, nahe Katmandu. Im Januar und Feber ziehen Tausende Wallfahrer, selbst aus Indien, zur "Nacht des Shiva" herbei. Der Haupttempel, am Bagmati-Fluß gelegen, ist off-limits für Fremde. Weil das Wasser des Bagmati irgendwo in den heiligen Ganges mündet, ist auch er selbst heilig - man nimmt im graubraunen Wasser des Bagmati (der die Abwässer Katmandus enthält) ein heiliges Bad, verbrennt an seinen Ufern die Toten, deren Asche man in den Fluß streut. Pashupatinath, in dessen Tempel geheimnisvolle hinduistische Riten zelebriert werden, wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

In Katmandu gibt es auch einen Zahnweh-Gott: die kleine goldene Statue von Vaishya Deo. Daneben ein Holzblock, über und über mit Nägeln bespickt. Je mehr Schmerzen man hat, umso heftiger schlägt man den Nagel ins Holz. Könnte trotzdem sein, daß die Nägel nicht in allen Fällen helfen, darum haben sich gleich in nächster Nähe Zahnärzte und Kieferchirurgen etabliert. Ihre Künste zeigen sie in Schaufenstern in Form von künstlichen Gebissen.

Nahe dem Hauptpalast befindet sich in einer Art Kapelle die überlebensgroße Statue des sechsarmigen Gottes Kaalo Bhairav, schauerlich, schwarz bemalt. Sie stammt aus dem 7. bis 8. Jahrhundert und stellt Shiva, den Zerstörer, dar. Er zertrampelt Dämonen, trägt eine Halskette aus Menschenschädeln. Der Volksglaube behauptete einst, wer vor der Statue lüge, verblute auf der Stelle. Darum vereidigte man vor der Statue hohe Staatsdiener, leugnende Angeklagte mußten hier ihre Unschuld beschwören. Und jeder hütete sich, die Unwahrheit zu sagen ... Die Saga weiß nichts von Verbluteten zu berichten. Hatte Shiva seine Pflichten etwa nicht genügend ernstgenommen?

Am Eingangstor zum Alten Palast tritt man durch eine goldene Pforte und steht unvermittelt der Statue des löwenköpfigen Gottes Narasingha gegenüber, wie er einem Dämon mit bloßen Händen die Gedärme herausreißt. Diese Darstellung sollte jedermann, der nicht in lauterer Absicht kam, vom Betreten des Palastes abschrecken.

Regierender Gottkönig An der Außenmauer des Palastes befindet sich eine Steinplatte, in der vor langer Zeit ein König in fünfzehn Sprachen und Schriftarten Lobeshymnen auf die Göttin Kali (die Gattin des Shiva) einmeißeln ließ.

Wer all dies lesen könne, so weiß das Volk zu berichten, dem sollte Milch aus dem Stein fließen; die dafür vorgesehene Öffnung blieb jedoch stets trocken. Vielleicht, weil dereinst nur ganz wenige lesen und schreiben konnten. Selbst heute beträgt die Rate der Analphabeten 50 Prozent. Oder hatte der König gar geschwindelt, als er Milch verhieß? Eine peinliche Lügenprüfung vor Kaalo Bhairav blieb ihm erspart, denn der König von Nepal ist selbst ein Gott; er wird bis zum heutigen Tag als lebende Inkarnation des Gottes Vishnu verehrt. Da Vishnu der Bewahrer ist, zählt es zu den Aufgaben des Königs, seine Untertanen vor Unbill jeglicher Art zu schützen.

Auch das buddhistische Zentrum Swayambhunath, das über dem Tal auf einer Bergkuppe liegt, wurde zum Weltkulturerbe erhoben. Ein gewaltiger Stupa mit einem aufgesetzten goldenen Würfel, verziert mit den alles sehenden Augen Buddhas, gekrönt von einer hoch aufragenden scheibenförmigen, vergoldeten Krone. 365 Stufen führen zum buddhistischen Sakralbau. Manche Pilger legen den Weg auf den Knien zurück, die mit Lederlappen umwickelt sind.

Den Stupa umgibt ein Kranz von halbmetergroßen Gebetsmühlen, über denen eine Schar von Rhesusaffen herumturnt, stets aufmerksam, den ahnungslosen Besuchern mit blitzschnellem Griff etwas zu stibitzen. Im Tempel flackern Lichter aus Butter. Schalen voll heiligen Wassers an den Eingängen. Und betende Mönche, in rote Togas gehüllt, mit entrücktem Blick. Für diese Mönche ist es bedeutungslos, daß die übrige Welt, die "andere", bald das Jahr 2000 schreiben wird. Die Dimensionen ihrer Zeiträume werden in Ewigkeiten gemessen. Und an der Zahl ihrer Wiedergeburten.

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