Digital In Arbeit
Feuilleton

Künstler, Visionär, Experimentator

1945 1960 1980 2000 2020

"Beyond Photographie": Das Wiener WestLicht feiert mit Alfons Schilling (1934-2013) einen Künstler, dem es um nicht weniger als um die Erweiterung und Infragestellung des menschlichen Blicks ging.

1945 1960 1980 2000 2020

"Beyond Photographie": Das Wiener WestLicht feiert mit Alfons Schilling (1934-2013) einen Künstler, dem es um nicht weniger als um die Erweiterung und Infragestellung des menschlichen Blicks ging.

Man nehme einige Meter Leinwand, schneide sie rund zu, montiere sie auf ein Gestell, das, von einem Motor angetrieben, sich um seine eigene Achse dreht, und beschütte sodann die Leinwand mit Farbe. Genau dies machte Alfons Schilling Anfang der 1960er-Jahre. Der Künstler, 1934 in der Schweiz geboren, lebte und arbeitete damals in Paris. Kurz vorher hatte er sein Studium an der Universität für angewandte Kunst in Wien abgebrochen. Schilling kreierte sogenannte Rotationsbilder. Ein Bruch mit dem traditionellen Tafelbild. Er demonstrierte, dass Farbe nicht nur mit dem Pinsel aufgetragen, sondern in einem aktionistischen Akt auch auf die Leinwand geschüttet werden kann.

Ein halbes Jahr blieb Schilling in Paris, dann zog es ihn weiter nach New York. Auch dort sollte es ihm in erster Linie um neue Formen gehen - nun allerdings für die nächsten 25 Jahre vor allem auf dem Gebiet der Fotografie. Zu sehen sind diese innovativen Arbeiten jetzt im Wiener WestLicht, das Alfons Schilling (1934-2013) eine Ausstellung widmet: "Beyond Photography".

Mitte der 1960er-Jahre: Ansichtskarten mit einer eigentümlich flirrenden Oberfläche kommen neu auf. Je nachdem, von welcher Seite man sie betrachtet, erkennt man jeweils ein anderes Bild. Eben sah man noch ein Auto, jetzt ist es verschwunden. Ein Spaß, eine Spielerei, ermöglicht durch eine neuartige Technik, die mehrere Bilder in einem vereint: die Linsenrasterfotografie.

Aktiv statt andächtig

Schilling greift dieses eher zur Belustigung gedachte Verfahren auf und stellt es in einen Konnex mit der ehrwürdigen Fotohistorie. Mit Eadweard Muybridge. Diesem Fotografen kommt das Verdienst zu, mit einer Serie von schnell hintereinander aufgenommenen Bildern den Nachweis zu erbringen, dass ein galoppierendes Pferd zeitweise alle vier Hufe in der Luft hat.

Ende des 19. Jahrhunderts wird der Wert der Kamera für wissenschaftliche Zwecke entdeckt.

Nicht diese berühmte Serie griff Schilling auf, aber andere von Muybridge; eine zeigt, wie ein Mann hinfällt, eine andere, wie eine Mutter ihr Kind aufhebt. Die Einzelbilder fügte der Künstler zu einem neuen Werk zusammen, zu einem Linsenrasterfoto, das die verschiedenartigen Bewegungsphasen vereint.

Der Museumsbesucher ist es gewohnt, ein ausgestelltes Werk mehr oder weniger andächtig in Augenschein zu nehmen. Hier, vor Schillings flirrenden Arbeiten, wird von ihm Aktivität, Mobilität erwartet. Er muss unterschiedliche Standpunkte einnehmen, um das Bild in seiner wahrlich ganzen Tiefe zu erfassen. Im Museum lässt sich der Besucher gerne darauf ein - doch ein Schilling zu Hause, an der Wohnzimmerwand, wäre der nicht ein ständiger Unruheherd?

Dieses, nennen wir es: mehrdimensionale Verfahren wandte Schilling auch zur Dokumentation von aktuellen Ereignissen an. So etwa anlässlich des Parteikongresses der Demokraten 1968 in Chicago. Am Rande kam es zu Unruhen. Wieder zeigt Schilling in einem Einzelbild, in "Chicago, 1968", die unterschiedlichen Facetten dieses Ereignisses: hier die feierliche Reden, dort die demonstrierenden Studenten und die gewaltsam einschreitende Polizei.

Schilling, betont Fabian Knierim, der zusammen mit Rebekka Reuter diese Schau kuratiert hat, ging es nicht allein um neue Formen und Techniken. Sondern darüber hinaus um ein neues Sehen, um nicht weniger als die Erweiterung und Infragestellung des menschlichen Blicks. Der Künstler, der 1986 nach Wien zurückkehrte, schuf Sehapparate, die entfernte Dinge nah heranholten oder die Welt auf den Kopf stellten. Einige dieser Maschinen stehen in der Ausstellung, inzwischen selbst Kunstobjekte, andere sind auf Fotos abgebildet. Sie tragen Namen wie "Kleiner Vogel", sind allerdings in der Mehrzahl größere Holzkonstruktionen, die an Flugmaschinen erinnern.

Jedes Jahr lockt das WestLicht mit der Schau "World Press Photos" Massen an. Es ist dem Museum hoch anzurechnen, dass es nicht nur auf Blockbuster-Veranstaltungen setzt, nicht nur auf das Laute und Schrille. Sondern sich auch den eher leisen Experimenten und Visionen eines Alfons Schilling öffnet.

Alfons Schilling: Beyond Photography

bis 14. Mai, Fotomuseum WestLicht, Westbahnstraße 40, 1070 Wien, Di, Mi, Fr: 14-19 Uhr

Do: 14-21 Uhr Sa, So, Fei 11-19 Uhr

Mo: geschlossen

www.westlicht.com

Man nehme einige Meter Leinwand, schneide sie rund zu, montiere sie auf ein Gestell, das, von einem Motor angetrieben, sich um seine eigene Achse dreht, und beschütte sodann die Leinwand mit Farbe. Genau dies machte Alfons Schilling Anfang der 1960er-Jahre. Der Künstler, 1934 in der Schweiz geboren, lebte und arbeitete damals in Paris. Kurz vorher hatte er sein Studium an der Universität für angewandte Kunst in Wien abgebrochen. Schilling kreierte sogenannte Rotationsbilder. Ein Bruch mit dem traditionellen Tafelbild. Er demonstrierte, dass Farbe nicht nur mit dem Pinsel aufgetragen, sondern in einem aktionistischen Akt auch auf die Leinwand geschüttet werden kann.

Ein halbes Jahr blieb Schilling in Paris, dann zog es ihn weiter nach New York. Auch dort sollte es ihm in erster Linie um neue Formen gehen - nun allerdings für die nächsten 25 Jahre vor allem auf dem Gebiet der Fotografie. Zu sehen sind diese innovativen Arbeiten jetzt im Wiener WestLicht, das Alfons Schilling (1934-2013) eine Ausstellung widmet: "Beyond Photography".

Mitte der 1960er-Jahre: Ansichtskarten mit einer eigentümlich flirrenden Oberfläche kommen neu auf. Je nachdem, von welcher Seite man sie betrachtet, erkennt man jeweils ein anderes Bild. Eben sah man noch ein Auto, jetzt ist es verschwunden. Ein Spaß, eine Spielerei, ermöglicht durch eine neuartige Technik, die mehrere Bilder in einem vereint: die Linsenrasterfotografie.

Aktiv statt andächtig

Schilling greift dieses eher zur Belustigung gedachte Verfahren auf und stellt es in einen Konnex mit der ehrwürdigen Fotohistorie. Mit Eadweard Muybridge. Diesem Fotografen kommt das Verdienst zu, mit einer Serie von schnell hintereinander aufgenommenen Bildern den Nachweis zu erbringen, dass ein galoppierendes Pferd zeitweise alle vier Hufe in der Luft hat.

Ende des 19. Jahrhunderts wird der Wert der Kamera für wissenschaftliche Zwecke entdeckt.

Nicht diese berühmte Serie griff Schilling auf, aber andere von Muybridge; eine zeigt, wie ein Mann hinfällt, eine andere, wie eine Mutter ihr Kind aufhebt. Die Einzelbilder fügte der Künstler zu einem neuen Werk zusammen, zu einem Linsenrasterfoto, das die verschiedenartigen Bewegungsphasen vereint.

Der Museumsbesucher ist es gewohnt, ein ausgestelltes Werk mehr oder weniger andächtig in Augenschein zu nehmen. Hier, vor Schillings flirrenden Arbeiten, wird von ihm Aktivität, Mobilität erwartet. Er muss unterschiedliche Standpunkte einnehmen, um das Bild in seiner wahrlich ganzen Tiefe zu erfassen. Im Museum lässt sich der Besucher gerne darauf ein - doch ein Schilling zu Hause, an der Wohnzimmerwand, wäre der nicht ein ständiger Unruheherd?

Dieses, nennen wir es: mehrdimensionale Verfahren wandte Schilling auch zur Dokumentation von aktuellen Ereignissen an. So etwa anlässlich des Parteikongresses der Demokraten 1968 in Chicago. Am Rande kam es zu Unruhen. Wieder zeigt Schilling in einem Einzelbild, in "Chicago, 1968", die unterschiedlichen Facetten dieses Ereignisses: hier die feierliche Reden, dort die demonstrierenden Studenten und die gewaltsam einschreitende Polizei.

Schilling, betont Fabian Knierim, der zusammen mit Rebekka Reuter diese Schau kuratiert hat, ging es nicht allein um neue Formen und Techniken. Sondern darüber hinaus um ein neues Sehen, um nicht weniger als die Erweiterung und Infragestellung des menschlichen Blicks. Der Künstler, der 1986 nach Wien zurückkehrte, schuf Sehapparate, die entfernte Dinge nah heranholten oder die Welt auf den Kopf stellten. Einige dieser Maschinen stehen in der Ausstellung, inzwischen selbst Kunstobjekte, andere sind auf Fotos abgebildet. Sie tragen Namen wie "Kleiner Vogel", sind allerdings in der Mehrzahl größere Holzkonstruktionen, die an Flugmaschinen erinnern.

Jedes Jahr lockt das WestLicht mit der Schau "World Press Photos" Massen an. Es ist dem Museum hoch anzurechnen, dass es nicht nur auf Blockbuster-Veranstaltungen setzt, nicht nur auf das Laute und Schrille. Sondern sich auch den eher leisen Experimenten und Visionen eines Alfons Schilling öffnet.

Alfons Schilling: Beyond Photography

bis 14. Mai, Fotomuseum WestLicht, Westbahnstraße 40, 1070 Wien, Di, Mi, Fr: 14-19 Uhr

Do: 14-21 Uhr Sa, So, Fei 11-19 Uhr

Mo: geschlossen

www.westlicht.com