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Künstlerische Blicke auf eine Alltagswelt

Das Fremde in der eigenen Kultur und Lebenswelt wird in der Innsbrucker Galerie im Taxipalais thematisiert und hinterfragt.

Die Wechselbeziehungen zwischen dem Fremden und der eigenen Kultur und Lebensweise sind ein ausuferndes Phänomen und genau so üppig ist auch die Schau in der Taxisgalerie gestaltet. Eine ganze Schar international mehr oder weniger bekannter Künstler ganz unterschiedlicher Generationen hat sich dieses Themas angenommen und demonstriert zugleich auch, wie in der gegenwärtigen Kunstproduktion ethnographische und soziologische Methoden adaptiert werden, um im international vernetzten Kunstdiskurs wirken zu können.

Das "Eigene“ und das "Fremde“

Die Welt der Kunst ist in einem gewissen Rahmen zum globalisierten Einheitsbrei verkommen, und doch tauchen immer wieder neue, spannende Fragen nach jenen Wertigkeiten auf, die für eine Gesellschaft als "eigen“ oder "fremd“ gelten und von der Mehrheit auch so empfunden werden. Nicht selten geht es um komplexe gesellschaftspolitische und psychologische Themen, um Ein- oder Ausgrenzung, Voyeurismus, Abschottung, aber auch um Angst oder Abwehr. Jeder einzelne Aspekt kommt als eigenes mentales Territorium daher, das auf Andere fremd wirkt oder befremdlich ist. In diesem Spannungsfeld wurden nun kunsttheoretische und kulturanthropologische Diskurse geführt und das Ergebnis auf eine visuelle Präsentation heruntergebrochen.

Ein gutes Beispiel für das Befremdliche ist die Arbeit der rumänischen Künstlerin Carmen Dobre, die mit ihrer sozialdokumentarisch angelegten Studie "FURRY - A study of the furry community“ seit 2010 eine Gemeinschaft von Menschen fotografiert, die sich Furries oder Furs nennen. Sie kostümieren sich als Plüschtiere oder Disneyfiguren. Dieses "fursuiting“ erfolgt entweder mit Teil- oder Ganzkörperverkleidungen, die oft aufwendig selbst hergestellt werden. Die Kostüme werden sowohl im Privaten als auch bei öffentlichen Auftritten getragen, bei denen dann spielerisch die dem verkörperten Tier zugeordneten Eigenschaften präsentiert werden. Dobre hat ihre Fotoarbeiten in eine soziologische Studie integriert, in der sie bis dato 35 Personen über ihre Intentionen und Motivationen interviewte.

Inszenierte Dokumentation

Einen soziologischen Aspekt mittels eines künstlerischen Mediums darzustellen, ist eine Sache, aber ethnographische Forschungsmethoden zu verwenden und darauf zu bauen, dass die reine Darstellbarkeit auch als Reflexion funktioniert, ist problematisch. Vom künstlerischen Aspekt her kann es aber durchaus interessant sein, denn auf diese Weise wird die Diskrepanz zwischen Fiktion und Realität deutlich. Es ist spannend, jenen Spuren zu folgen, die die Künstler mit ihren konzeptuell angelegten Fotoarbeiten, Videos und Installationen gelegt haben. Sie fordern dazu auf, die Geschichte(n) neu zu lesen, Zeitungsbilder anders zu hinterfragen und das eine oder andere Mal auf die traditionelle Art der Forschungsmethoden zu pfeifen. Auch andersrum wird unter Umständen so etwas wie ein Schuh daraus, man muss nur kreativ sein und andere Möglichkeiten suchen, die sich dann durchaus auch verorten lassen. Die Bilder der Künstlerinnengruppe FORT etwa funktionieren gut als Seismograph der Alltagswelt, ebenso wie die Blicke von HansPeter Feldmann in fremde Handtaschen.

Der amerikanische Künstler Mark Dion hat in seiner Arbeit "Sealife“ einen anderen Weg gewählt. Er nimmt das Sammeln und Kategorisieren der Naturwissenschaften aufs Korn. In einer Vitrine reihen sich, in Gläsern mit bunten Flüssigkeiten sortiert, Sexspielzeug, Kinderspielzeug und solches für Tiere. Die Objekte bekommen durch die naturwissenschaftliche Methode der Präsentation eine fremde Ebene und sehen plötzlich aus wie Meeresgetier.

Einen komplett anderen Sinn spiegeln auch die Fotoarbeiten des dänischen Künstlers Joachim Koester wider, der mit der Serie "The Baker Ranch“ (2008) nur scheinbar in der Tradition verankerte Schwarz-Weiß-Fotografien zeigt. Seine Intention war, die Baker Ranch "als einen schlummernden Ort (zu) dokumentieren, ein in die Zeit verstricktes Denkmal“. Man sieht alte Holzhütten, kahle Bäume und eine triste Landschaft - in Wahrheit enthält das so malerische Motiv aber einen düsteren Hintergrund: die Ranch war Charles Mansons letzter Zufluchtsort vor seiner Verhaftung 1969.

Fremd & Eigen

Galerie im Taxispalais, Innsbruck bis 1. Dezember 2013 Di—So 11—18, Do bis 21 Uhr www.galerieimtaxispalais.at

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